Hm, irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, dass hier ein Kategorienfehler vorliegt.
Aussagen über
Sachverhalte also Theorien versuchen Sachverhalte in einen Kontext zu setzen, den wir als Erklärung bezeichnen. Diese Erklärungen können durch Experiment bestätigt oder widerlegt werden. In zahlreichen Fällen wird eine definitive Bestätigung oder Falsifizierung auf sich warten lassen.
Ganz anders verhält es sich mit Bekenntnissen. Diese definieren eine Sichtweise, ein Deutungsgerüst, eine Regel oder sonstige, dem Zusammenleben dienende oder dieses betreffende Postulate.
Aus solchen Postulaten (Sichtweisen, Deutungsgerüsten, Regeln etc.) folgt die Art Kultur, in der wir leben wollen oder leben sollen. Daran ist nur nachweisbar, dass sie in einer näher umrissenen Gesellschaft existieren. Postulate, Deutungsgerüste oder implizite Verhaltensregeln gehören nicht in die
Kategorie beweisbarer Dinge.
Wohin gehören aber nun "übernatürliche Dinge". Schon definitionsgemäß werden "übernatürliche Dinge" aus der Natur der Sachen und Gegenstände heraus gehoben. Aussagen darüber gehören also nicht zu den beweisbaren Sätzen, sonden in die Kategorie Deutungsgerüste oder Vergleichbares.
Eine Diskussion über deren Beweisbarkeit ist daher ein
Kategorienfehler, mithin sinnleer. Zugleich kann man aber sagen, sie gehören auch
nicht zu
irrationalen Verhaltensweisen; denn z. B. als Regel oder Gesetz regeln sie Handlungsvorbereitungen oder definieren durch regelwidriges Verhalten Schuld.
Falsch ist zweifellos, Übernatürliches zur Erklärung natürlicher Vorgänge heran zu ziehen, so geschehn bei der berühmten Theodizee (warum lässt Gott z. B. Naturkatastrophen oder Völkermord zu?). Darum kann es selbstverständlich nicht gehen, auch wenn der Volksglaube dies völlig anders sieht. Spätestens, wenn man über diese Dinge nachdenkt, kann man darauf kommen. Der Volksglaube ist durch die Vermischung verschiedener Kategorien irrational und nicht dadurch, dass etwas (derzeit) unerklärlich oder nicht beweisbar ist.
(13-03-2010 12:35)humanist schrieb: [ -> ]Weil man sich (noch?) nicht alles erklären kann, muss das doch nicht heißen, es gibt Übernatürliches - also jenseits der Natur liegendes. Das bedeutet nur, es gibt noch nicht die Mittel und Erkenntnisse offene Fragen beantworten zu können; und wird sie in Bereichen vielleicht auch nie geben. Als Beweis für Irrationales kann man das nicht werten.
Ich denke, das ist bei Lichte besehen, richtig, wobei ich mit dem Wort "beweisen" für Übernatürliches nach dem zuvor Gesagten sehr zurückhaltend bin.
(13-03-2010 12:35)humanist schrieb: [ -> ]Um auf dieses Argument einzugehen, die Behauptung "es gibt keinen Gott" unterliegt ebenfalls einer Beweislast. Grundsätzlich richtig.
Nein, grundsätzlich falsch. Denn
"es gibt (k)einen Gott" ist ein Bekenntnis und hat keine gegenständliche Bedeutung, was immer der Volks(un)glaube auch denken mag. Gottesvorstellungen regeln unsere Beziehungen (auch Feindschaften) in Innen- und Außenbeziehungen ganzer Gesellschaften (üblicherweise als "Gemeinden" bezeichnet).
(13-03-2010 12:35)humanist schrieb: [ -> ]Es gibt keine Hinweise auf die Existenz Gottes, also lebt man so, als ob es keinen gäbe. Liegen irgendwann Beweise vor, ist der gemeine Atheist bereit, seine Meinung zu revidieren.
Das würde ich weder als Gläubiger noch als Ungläubiger unterschreiben. Selbstverständlich kann die Deutung einer Geschehensfolge unter der Prämisse "Gott" oder unter der Prämisse "Kein Gott" erfolgen. Es geht nur um das Wohlbefinden (also eine subjektive Empfindung) desjenigen, der z. B. eine Katastrophe überlebt hat. Eine Gottesvorstellung ist dazu zwar möglich aber nicht zwingend.
(13-03-2010 12:35)humanist schrieb: [ -> ]Trotzdem denke ich auch wie Petro, dass man von der Grundaussage "es gibt nichts Übernatürliches" ausgehen muss.
Die Aussageformen "Es gibt (nichts,) ..." und "Übernatürliches" gehören nicht zur gleichen Aussagenkategorie. Daraus kann nur eine sinnleere Aussage folgen! Die Zusammensetzung: "Gott" und "existiert (nicht)" ist damit leicht als sinnleer zu erkennen, auch wenn dies für Viele ein Schock sein dürfte. Jegliche Gottesvorstellung "regelt" Beziehungen oder "deutet" Erlebnisse innerhalb der Gemeinde. Gott ist keine natürliche Sache, die im sachlichen Sinne geprüft werden könnte, sondern etwas salopp formuliert, das Erlebnis des Betenden.