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Luther und die Juden - Druckversion

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Luther und die Juden - Mellnau - 15-11-2017

Dass Luther antisemitische  Schriften verfasst hat, wusste ich zwar schon immer irgendwie.

Aber erst jetzt habe ich mal genauer nachgelesen, wie weit das ging.

Und bin nur noch entsetzt!

Mit "Zeitgeist" ist das nicht mehr zu entschuldigen.

Oder was meint ihr?


RE: Luther und die Juden - Geobacter - 15-11-2017

Die Empörung kommt  von der Empore und die Guten brauchen immer jemanden, an dem sie ihre Qualitäten messen können. Das war zu Luthers Zeiten wohl nicht anders als heute. Zu entschuldigen wäre es eigentlich nicht. Aber das menschliche Bedürfnis nach einem optimalen Selbstwertideal ist halt nun mal sehr narzisstisch wie opportunistisch ausgelegt.

Leute die sich gerne "empören", sind dann auch sehr empfänglich für Populisten die ja ausschließlich mit Feindbildern arbeiten. Luther wusste also sicher nicht was er tat..


RE: Luther und die Juden - Rudi - 15-11-2017

An der südlichen Außenfassade der Stadtkirche zu Wittenberg, die als Mutterkirche der Reformation gilt, ist eine sogenannte „Judensau“ zu sehen.
Das Spottrelief zeigt einen Rabbiner, der einem Schwein unter den Schwanz schaut. Mehrere Juden saugen zudem an den Zitzen des Tieres.
Die „Judensau“ war im Hochmittelalter ein häufig verwendetes antijudaistisches Motiv in der christlichen Kunst. Es inspiriert bis heute antisemitische Karikaturen.
Martin Luther hat sich mehrfach auf das Spottrelief an „seiner“ Kirche bezogen. Vor allem in seinen Hetzschriften.
„Wenn mir Gott keinen anderen Messias geben wollte, als die Juden ihn begehren und erhoffen, so wollte ich viel, viel lieber eine Sau als ein Mensch sein“,
schlussfolgerte der Reformator 1543 in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“**, dem hasserfülltesten und maßlosesten Text.

Luther will die Juden wirtschaftlich entrechten und ihnen die Religionsausübung verbieten. Immer wieder setzt er sich bei der protestantischen Obrigkeit
für die Vertreibung von Juden ein. 1543 schreibt er, man solle Synagogen sowie jüdische Häuser und Schulen „mit Feuer anstecken und was nicht verbrennen will,
mit Erden beschütten, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich“.

Die Nationalsozialisten beriefen sich auch auf Luthers Angriffe gegen die Juden.
 Julius Streicher, Herausgeber der Hetzschrift „Der Stürmer“, versuchte sich bei den Nürnberger Prozessen damit zu rechtfertigten, dass an seiner Stelle
auch Martin Luther vor dem Tribunal hätte stehen können.


Quellen: +https://www.welt.de/sonderthemen/luther-2017/article159060014/Traegt-Martin-Luther-eine-Mitschuld-am-Voelkermord.html
+https://www.luther2017.de/kr/wiki/martin-luther-und-die-juden/martin-luther-und-die-juden-fragen-und-antworten/
**: +https://archive.org/stream/VonDenJudenUndIhrenLuegen/LutherMartin-VonDenJudenUndIhrenLuegen154318S._djvu.txt
Lesenswert Icon_exclaim


RE: Luther und die Juden - Sören - 15-11-2017

(15-11-2017, 10:39)Mellnau schrieb: Dass Luther antisemitische  Schriften verfasst hat, wusste ich zwar schon immer irgendwie.

Aber erst jetzt habe ich mal genauer nachgelesen, wie weit das ging.

Und bin nur noch entsetzt!

Mit "Zeitgeist" ist das nicht mehr zu entschuldigen.

Oder was meint ihr?

Naja, Luther schwamm in seinen jungen Jahren sogar massiv gegen den Strom des Zeitgeistes, indem er die Juden als Brüder sah, denen das Evangelium nur noch nicht richtig erklärt worden sei. Seine Reformation sollte das Christentum auch für die Juden anschlussfähig machen. Erst als das keine zählbaren Erfolge einbrachte, änderte Luther seine Meinung und stimmte dann, teilweise deutlich schärfer als die offizielle Kirche, in den Kanon der judenfeindlichen Stimmen ein. Also doch, irgendwo ist es historisch schon nachvollziehbar. Nur gut finden muss man es deswegen noch lange nicht.


RE: Luther und die Juden - Mellnau - 15-11-2017

Genau!

Es gibt Dinge, die sind einfach zu verabscheuen, unabhängig von Zeit und Raum.

Wenn wir alles verstehen und alles verzeihen und alles relativieren wollen, dann wird am Ende jede Grausamkeit mit dem "Zeitgeist" entschuldigt.


RE: Luther und die Juden - Ekkard - 15-11-2017

(15-11-2017, 17:07)Mellnau schrieb: Es gibt Dinge, die sind einfach zu verabscheuen, unabhängig von Zeit und Raum.
Ich glaube nicht, dass dieser Satz "richtig" ist. Denn "richtig" ist ein Werturteil, das sich historisch in seiner Zeit gebildet hat.

Der Denkfehler liegt in dem, was wir heute politisch wollen, und was wir inzwischen erfahren und erlitten haben. Wir wissen beispielsweise, welche Wirkungen "völkisches", "rassistisches", "fremdenfeindliches" Denken haben kann und haben wird. Somit ist es an uns Heutigen, das heraus zu picken, was wir nach 500 Jahren verwerten können. Alles Andere müsseb wir verwerfen.

(15-11-2017, 17:07)Mellnau schrieb: Wenn wir alles verstehen und alles verzeihen und alles relativieren wollen, dann wird am Ende jede Grausamkeit mit dem "Zeitgeist" entschuldigt.
Wir haben unseren Zeitgeist. Was damals war, müssen wir wissen aber auf keinen Fall übernehmen. Entschuldigt ist Luther damit selbstverständlich nicht.


RE: Luther und die Juden - Ulan - 15-11-2017

Es ist in den wenigen letzten Jahren geradezu Mode geworden, die Biografien historischer Persoenlichkeiten zu durchforsten bis man irgendetwas gefunden hat, das es einem ermoeglicht, diese Person zu verurteilen. Dann werden mal wieder Strassen umbenannt.

Dabei bin ich mir sicher, dass man bei fast jedem irgendetwas finden kann, um ueber ihn oder sie den Stab zu brechen. Ich halte diesen moralischen Rigorismus fuer vollkommen uebertrieben. Da werden die Buecher von Mark Twain zensiert weil er Worte benutzt hat, die "man" heute nicht mehr sagt. Anscheinend reicht es nicht, einfach mal nachzudenken und zu sehen, dass die Worte zu seiner Zeit einerseits anders benutzt wurden, andererseits natuerlich auch die Zeit widerspiegeln. Alltaeglichen Rassismus vergangener Zeiten findet man in den Schriften sehr vieler historischer Persoenlichkeiten. Das entschuldigt bis zu einem gewissen Punkt, naemlich dem, wenn diese Personen ueber das "uebliche" Mass hinausgegangen sind.

Was Luther angeht, ist er sicher nicht ein Vorbild fuer die Verstaendigung der Religionen, Konfessionen oder sozialen Klassen. Das aendert aber nichts daran, dass er die Tuer zu einem neuen Religionsverstaendnis aufgestossen hat, auch dafuer, dass die katholische Kirche zu Reformen gezwungen wurde.


RE: Luther und die Juden - Geobacter - 15-11-2017

Political Correctnes.. die Ideologie der Empörung. Wenn ich mir ein Zigeunerschnitzel brate, dann wegen der Peperonistreifen die ich so gerne mag und nicht weil ich dabei an Konzentrationslager, Romas und halbeuropäische Nomaden denke, die tatsächlich nie Steuern gezahlt haben...Wenn ich aber an Luther denke, dann denke ich an Religionskriege, an die Aufklärung,  und daran, dass diese überhaupt dadurch erst möglich wurde.. Wenn es das "weniger Gute" (den Irrtum) nicht auch geben würde, dann hätten wir überhaupt nichts, woraus wir lernen könnten.


RE: Luther und die Juden - Rudi - 15-11-2017

(15-11-2017, 18:02)Ulan schrieb: Es ist in den wenigen letzten Jahren geradezu Mode geworden, die Biografien historischer Persoenlichkeiten zu durchforsten bis man irgendetwas gefunden hat, das es einem ermoeglicht, diese Person zu verurteilen. Dann werden mal wieder Strassen umbenannt.
Ich finde, dass es ganz gut ist wenn man etwas nachforscht, denn die Wahrheit ist immer besser als das Heimlichgetue hinter verschlossenen (Kirchen)Türen.
Dass Luter ein Antisemit war ist jedoch schon lange bekannt, schon sehr lange.


RE: Luther und die Juden - Sören - 15-11-2017

(15-11-2017, 20:29)Rudi schrieb: Dass Luter ein Antisemit war ist jedoch schon lange bekannt, schon sehr lange.

Nein, ein Antisemit war er ganz sicher nicht, denn er dachte nicht in Kategorien von "Rasse". Sein vordringliches Ziel war ja die Konversion der Juden, nicht ihre Aussonderung aus einem "deutschen Volkskörper". Für religionsbezogene Judenfeindschaft hat sich der Begriff "Antijudaismus" etabliert.


RE: Luther und die Juden - Geobacter - 15-11-2017

Ja Sören..alles schön und gut.. nur weis man aber von den Armen im Geiste und vom von Empörern (Populisten) aufgebrachten Volke, dass  es beim "Auseinanderhalten" dieser wichtigen Unterschiede alles andere als sehr genau zugeht. Fremdenfeindlichkeit ist sogar bei Babys der Normalfall und nicht die Ausnahme.. Fremdenfeindlichkeit auch mit religiösen Argumenten rechtfertigen zu wollen .. dafür ist gibt es sogar in unserer Zeit genügend Beispiele und unsere Zeit ist sogar noch weit aufgeklärter als die Zeit in der Luther "wirkte"..
trotzdem funktioniert es noch immer.. wie man z.B.  bei den allerchristlichsten Kriegern zur Verteidigung des christlichen Abendlandes sieht.. Die Juden haben halt Jesus gekreuzigt.. und wenn der Luther und Führer auch noch andere Gründe kennen.. warum die Guten keine Juden sind..

na dann, wer kann da den Schwarm in all seiner gruppendynamischen Dummheit noch aufhalten?


RE: Luther und die Juden - Geobacter - 15-11-2017

Ich mag den Islam auch nicht, weil in 13 Ländern dieser Welt die von Allahs Gesetzen regiert werden, noch immer die Todesstrafe für Ungläubige gilt. Aber ich stelle deswegen nicht jeden Muslimen unter Generalverdacht. Nur fällt mir das gerade dann nicht immer leicht, wenn ich mal  mit einem Muslimen auf die Juden zu sprechen komme. Da geht es dann ja gar nicht um "Antijudaismus" .. sondern, um Weltpolitisches im Zusammenhang mit dem Staat Israel, der für die westlichen Werte mitten im Reich Allahs steht..

Und was würde da wohl Luther zu all dem sagen.. wenn er heute leben würde.


RE: Luther und die Juden - Rudi - 15-11-2017

(15-11-2017, 20:46)Sören schrieb:
(15-11-2017, 20:29)Rudi schrieb: Dass Luter ein Antisemit war ist jedoch schon lange bekannt, schon sehr lange.

Nein, ein Antisemit war er ganz sicher nicht, denn er dachte nicht in Kategorien von "Rasse". Sein vordringliches Ziel war ja die Konversion der Juden, nicht ihre Aussonderung aus einem "deutschen Volkskörper". Für religionsbezogene Judenfeindschaft hat sich der Begriff "Antijudaismus" etabliert.
Das habe ich schon vorher geschrieben: 1543 schreibt er, man solle Synagogen sowie jüdische Häuser und Schulen „mit Feuer anstecken und was nicht verbrennen will, mit Erden beschütten, dass kein Mensch ein Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich“.
Da war ihm die Konversion schon recht egal. Das ist ganz klar Aussonderung und Vertreibung, das hat Luther gewollt, lies dich doch mal da rein:
+https://archive.org/stream/VonDenJudenUndIhrenLuegen/LutherMartin-VonDenJudenUndIhrenLuegen154318S._djvu.txt


RE: Luther und die Juden - Mellnau - 15-11-2017

Zitat: Also doch, irgendwo ist es historisch schon nachvollziehbar.


Ich vermute, dann sind auch Ketzerverbrennungen und Hexenverbrennungen aus der Zeit heraus zu verstehen.
Und müssen relativiert und entschuldigt werden.
Und dürfen nicht kritisiert werden.
Denn das wäre dann ja "unhistorisch" .....


RE: Luther und die Juden - Geobacter - 15-11-2017

Was Luther genau gedacht hat, weis keiner... Immerhin stand er ihnen eine Zeitlang sogar sehr wohlwollend gegenüber..Vielleicht hat er sich ja auch Geld leihen müssen, um seine Schulden beim Drucker zu zahlen..

Jedenfalls kann man sich aber ganz sicher sein, dass zu Luthers Zeiten Fremdenfeindlichkeit wesentlich häufiger vor kam als heutzutage und religiöse Rechtfertigungsgründe wie sie auf die Juden angewendet wurden, auch noch in andere Fällen verheerende Wirkung zeigten. Außerdem sagt man ja.. dass ein "Holzscheit" alleine nie brennt.. und womit gemeint ist, dass auch Luther nur ein Mensch gewesen ist, der sich von der Volksmeinung beeinflussen hat lassen..