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Realität, Mythos und Wahrheit
#1
Hier ist das, was ich mit diesen Begriffen meine, und wie ich sie einander zuordne.

Realität ist die Welt des sinnlich oder messtechnisch Erfahrbaren. Sie ist gekennzeichnet durch Wirkungen, die nicht oder nicht allein durch unsere Vorstellungen verursacht werden. Ob es eine „konforme Realität“ – also eine mit unseren Reaktionen und Vorstellungen übereinstimmende - Realität gibt, kann man nicht wissen. Allerdings spricht Vieles dafür, dass wir in überlebenswichtigen Einzelheiten ausreichende Vorstellungen (Repräsentationen von Realität) besitzen.

Mythos ist die Erzählung über Glaubensinhalte, häufig aus ferner Vergangenheit. Für sich genommen ist ein Mythos eine (Ver-)Dichtung religiöser oder märchenhafter Erfahrungen und Vorstellungen dessen, was sein sollte. Oft sind diese Geschichten zeit- und situationsbezogen und vermitteln Deutungen. Vielen Mythen ist eine erzieherische Botschaft eigen.

Was sie vordergründig aussagen, ist nicht von Belang. Dies dient nur dazu, an Bekanntes anzuknüpfen. Das eigentlich zu Transportierende sind Gesinnung, Haltung, Motivation oder die Vorstellung des Richtigen bzw. Falschen. Ein Mythos benutzt quasi die Realität, beschreibt aber nur das Verhältnis der Menschen zueinander oder zu ihrer Umwelt. Ein Mythos beschreibt nie „transzendente Welten“ (oder ihre Einwohner) sondern immer menschliche Beziehungen - auch wenn das wörtlich genommen völlig anders aussieht.

Eine religiöse Wahrheit ist ihrerseits Mythos, etwas, das in einer Religionsgemeinschaft einen Konsens darstellt von dem, wie menschliches Handeln und Behandeln aussehen sollte. Für die anderen Arten der Wahrheit bitte im Forum Philosophie nachsehen. Dort wurde das Thema bereits ausführliche beleuchtet.
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
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#2
So ist es!

Die heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen sind eine Sammlung von Märchen, Mythen und Legenden, von Erzählungen, die im Kern manchmal historische Begebenheiten bergen, oftmals aber auch nur erfunden wurden, um Botschaften zu vermitteln. Das trifft natürlich auch auf heilige Texte anderer Religionen zu.

Alle Texte sind (manche mehrmals) einer Redaktion unterzogen worden, um sie theologisch zu überarbeiten bzw. zu ordnen.

Wer aus diesen Texten Glaubenswahrheiten zu gewinnen vermag, dem sei das unbenommen. Historische Wahrheiten sind, wenn vorhanden, nur sehr verborgen auszumachen.

Sowohl das Christentum als auch der Islam sind synkretistische Religionen, die einen guten Teil ihrer Inhalte aus Fremdreligionen übernommen haben. Meiner Meinung nach trifft das auch für das Judentum zu, wenngleich die jüdische Priesterschaft in der Zeit des Exils und danach die Spuren zu anderen altorientalischen Religionen recht erfolgreich überdeckt hat.
MfG B.
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#3
Der Begiff "Synkretismus" trifft auf das Christentum zu, wobei aber der Absolutheitsanspruch von der kath. Kirche zumindest behauptet wird,
auf den Islam nach dem Koran aber keinesfalls, denn er ist keine Mixtur religiöser Ideen oder Philosophien und setzt sie zu einen neuen Religion um.
Das liegt daran, dass sich das Christentum auf eine Sammlung von Märchen, Mythen und Legenden stützt, während es sich beim Koran um eine Offenbarung handelt,
die sich nur auf einen einzigen Mythos stützt, den seiner Überbringung durch den Engel.
(13-10-2012, 11:41)Bion schrieb: Das trifft natürlich auch auf heilige Texte anderer Religionen zu.
Eine Verallgemeinerung der Erkenntnis über die eigenen "heiligen" Schriften auf andere Bücher ist die "Freiheit der eigenen Meinung", auch wenn diese Meinung
das Weltbild einer ganzen Kultur bestimmen mag, so ist es doch aus den Augen eines gläubigen Muslims ein verkehrtes Bild der Welt,...
Predigtanteil entfernt!/Bion
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#4
R. Bastian schrieb:Das liegt daran, dass sich das Christentum auf eine Sammlung von Märchen, Mythen und Legenden stützt, während es sich beim Koran um eine Offenbarung handelt,
die sich nur auf einen einzigen Mythos stützt, den seiner Überbringung durch den Engel.

Im Forum Islam hätte ich Dir nicht widersprochen, weil das die islamische Position zu diesen Fragen wiedergibt.

Wir befinden uns aber im Forum Philosophie! Es wird ersucht, es hier zu unterlassen "Glaubenswahrheiten" vorzutragen!

R. Bastian schrieb:…, so ist es doch aus den Augen eines gläubigen Muslims ein verkehrtes Bild der Welt,…

Nochmals: Wir befinden uns hier im Forum "Philosophie"!


Der Islam ist eine synkretistische Religion, die sich aus altarabischen Mythen, aus dem Judentum, aus dem Christentum und aus verschiedenen gnostischen Denkrichtungen zu einer neuen Religion entwickelt und im Koran schriftliche Ausformung gefunden hat.

Auch sollte nicht übersehen werden, dass im Koran Handlungsweisen Mohammeds - politischer und privater Natur - gerechtfertigt werden, also auch der historische Kontext erkennbar ist.
MfG B.
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#5
Ich stimme Ekkards Beitrag zu, wobei ich in "Mythen" noch weitere Funktionen sehe.

Um Mythen (die natürlich auch modern sein können) herum sammeln sich gleichgesinnte Menschen, die in dem Mythos eine Idee oder ein Gefühl sehen, woran sie Anteil haben.
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#6
@Ekkard:

Zitat:Realität ist die Welt des sinnlich oder messtechnisch Erfahrbaren. Sie ist gekennzeichnet durch Wirkungen, die nicht oder nicht allein durch unsere Vorstellungen verursacht werden. Ob es eine „konforme Realität“ – also eine mit unseren Reaktionen und Vorstellungen übereinstimmende - Realität gibt, kann man nicht wissen. Allerdings spricht Vieles dafür, dass wir in überlebenswichtigen Einzelheiten ausreichende Vorstellungen (Repräsentationen von Realität) besitzen.

Ich denke, dass man hier differenzieren könnte, z.B. durch die Kategorien An-sich und Für-uns. Was du ansprichst, ist das Für-uns. Das An-sich nenne ich ´Wirklichkeit´, das Für-uns ´Realität´. Das, was du "konforme Realität" nennst, entspricht dem korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff, der von Kant gründlich dekonstruiert wurde. Kant sagte: Wir erfahren das An-sich nur vermittels der subjektiven Anschauungsformen von Raum und Zeit und der prästrukturierenden Verstandeskategorien. Wir erfahren es also ´für uns´. Heute können wir hinzufügen: Die Form unserer Erfahrung ist prädeterminiert durch die Funktionen der Sinnesorgane, durch unsere biologischen Bedürfnisse und durch unsere psychologische Struktur. Dem steht das transzendente An-sich gegenüber, welches Kant (allerdings nicht mit letzter Konsequenz) für unerkennbar hielt.

"Repräsentationen" des An-sich kann es natürlich nicht geben, da Repräsentationen sich nur auf Ereignisse/Zustände beziehen, die bereits vorstrukturiert sind, nämlich per Anschauungsformen und Verstand (um bei Kant zu bleiben). Repräsentationen sind innerpsychische Vorstellungen vermittels eines Symbolsystems, das Teil des transzendentalen pseudo-realitäts-konstruierenden Rasters ist

Das An-sich transzendiert die symbolische Ebene. Aber auch das Bewusstsein kann diese Ebene transzendieren. Die Disziplin, die sich theoretisch und praktisch damit befasst, ist - in Ost und West - die Mystik.

Zitat:Mythos ist die Erzählung über Glaubensinhalte, häufig aus ferner Vergangenheit. Für sich genommen ist ein Mythos eine (Ver-)Dichtung religiöser oder märchenhafter Erfahrungen und Vorstellungen dessen, was sein sollte.


Ich meine eher, dass ein Mythos Glaubensinhalte nicht vermittelt, sondern produziert. Ich halte es mit Jan Assmanns These, dass ein Mythos dazu dient, Rituale zu rechtfertigen. Mythen werden von Priestern geschaffen, wenn der Glaube an Rituale an Kraft verliert. Zweifelt der Mensch am Sinn eines Rituals (des Opfers, der Buße usw.), dann vermag ihm der Mythos die Begründung und damit den Sinn zu liefern. Der Mythos ´rationalisiert´ das Ritual, indem er dessen Sinn dem Verstand zugänglich macht. Allerdings ist in diesem Stadium der Verstand nicht fähig, den Mythos selbst zu hinterfragen, der noch als der Weisheit letzter Schluss gilt. Erst mit Hesiod, mit Parmenides und endgültig mit Platon entsteht eine Haltung, die den Mythos durch den Logos, die philosophische Unterscheidung von Sein und Schein, zu ersetzen beginnt.

Dass Rituale eine frühere Schicht bilden als die Mythen, darüber besteht in der Religionswissenschaft weitgehend Konsens (Assmann z.B. bezieht sich auf mehrere Vorgänger wie Schott und Otto).

@Bion:

Zitat:(...) stellt S. Freud u.a. zusammenfassend fest:

(...) Religion ist ein Versuch, die Sinneswelt, in die wir gestellt sind, mittels der Wunschwelt zu bewältigen, die wir infolge biologischer und psychologischer Notwendigkeiten in uns entwickelt haben.
[…]
Ihre Lehren tragen das Gepräge der Zeiten, in denen sie entstanden sind, der unwissenden Kinderzeiten der Menschheit.

Für die Theologie, wie sie an den Universitäten heute betrieben wird, ist diese Aussage überholt. Niemand dort glaubt an einen Gott, wie er in der Bibel beschrieben ist.

Ich meine, dass man sich von der intellektualisierenden Oberfläche der Theologie nicht täuschen lassen sollte dahingehend, der christliche Glaube habe durch sie zu einer reiferen, das Infantile transzendierenden Form gefunden. Theologie ist eine Oberflächenstruktur, die seit Justins philosophischer Hellenisierung des biblischen Glaubens immer komplexer geworden ist, ohne die biblische Tiefenstruktur abschütteln zu können oder auch nur zu wollen. Der Glaube an Gottes Wille und der Glaube an seine Güte und Allmacht und an seine Offenbarung durch den Gottessohn Jesus bilden für jeden Theologen das Gerüst seines Glaubens. Wäre es nicht so, wäre er kein Christ. Also ist Freuds Theorie auch auf die Theologie bzw. auf Theologen anwendbar.

@Ekkard:

Zitat:Ich bin persönlich der Meinung, dass es nicht um 'Wahrheit' geht, sondern um 'Zusammenleben'. Was so genannte "Heilige Schriften" verkünden, hat im weitesten Sinne etwas mit der Seinsweise des Menschen und sozialen Problemen zu tun, auch wenn sich diese Probleme in der Vorstellungswelt abspielen.

Du scheinst ein Anhänger des funktionalistischen Religionsbegriffs zu sein. Ich reduziere Religion keineswegs auf ihre soziale Funktion. Diese ist, meine ich, nur einer ihrer Aspekte, der wiederum in Gemeinschaftsfunktion und Herrschaftsfunktion differenzierbar ist.

@Noumenon:

Zitat:(...) die seitens vieler Religionen aufgestellten und auf die Wirklichkeit bezogenen Aussagen, also die, über die tatsächlich-reale Existenz einer Art Gottes (Weltschöpfers), Jenseits oder Seele, sind zunächst einmal schlicht naturphilosophische Hypothesen, nicht mehr und nicht weniger.

Die religiös motivierten Mythendichter kannten weder den Begriff der Natur noch den der Philosophie noch den der Hypothese. Die von dir gemeinten Aussagen sind ohnehin keineswegs "hypothetisch" gemeint, sondern kategorisch. Hypothesen sind vorläufige und falsifizierbare Annahmen über Ursache-Wirkungs-Verhältnisse. Erst wenn eine Hypothese sich hartnäckig der Falsifizierung widersetzt, mutiert sie zum (Natur-)Gesetz. Selbst dann ist sie potentiell noch falsifizierbar.

Was also haben Hypothesen mit religiösen Aussagen zu tun? Nichts.
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#7
(24-03-2013, 16:30)Jaldabaoth schrieb: @Ekkard:
Kleiner Hinweis: Wenn du den “Zitieren”-Button oder den grünen + - Button (mehrere Beiträge) verwendest, dann stehen Namen und Uhrzeit in der öffnenden Zitatklammer. Man weiß dann, auf was und wen du dich beziehst. Du kannst die öffnende Zitatklammer in die Zwischenablage tun und immer wieder einfügen. Schließen musst du mit einer „/quote“-Klammer (in eckigen Klammern!).

Realität, Wirklichkeit usw.:
(24-03-2013, 16:30)Jaldabaoth schrieb: Ich denke, dass man hier differenzieren könnte, z.B. durch die Kategorien An-sich und Für-uns. Was du ansprichst, ist das Für-uns. Das An-sich nenne ich ´Wirklichkeit´, das Für-uns ´Realität´. Das, was du "konforme Realität" nennst, entspricht dem korrespondenztheoretischen Wahrheitsbegriff, der von Kant gründlich dekonstruiert wurde.
Klar. Das hatte ich versucht auszudrücken. Ich bin kein Anhänger von Dingen „an sich“.
Im Übrigen sind für mich die Worte ‚Realität‘ und ‚Wirklichkeit‘ dasselbe, und sie gelten immer „für uns“.

(24-03-2013, 16:30)Jaldabaoth schrieb: "Repräsentationen" des An-sich kann es natürlich nicht geben, da Repräsentationen sich nur auf Ereignisse/Zustände beziehen, die bereits vorstrukturiert sind, nämlich per Anschauungsformen und Verstand (um bei Kant zu bleiben). Repräsentationen sind innerpsychische Vorstellungen vermittels eines Symbolsystems, das Teil des transzendentalen pseudo-realitäts-konstruierenden Rasters ist.
Wahrscheinlich hast du Recht. Was ich meinte, sind Vorstellungen, die gewährleisten, dass wir uns nicht jedes Mal eine Beule holen müssen, um gewissen Dinge der Außenwelt planvoll aus dem Weg zu gehen. Nenne diese Art der Vorstellung, wie immer du sie als sinnvoll erachtest!

(24-03-2013, 16:30)Jaldabaoth schrieb: Ich meine eher, dass ein Mythos Glaubensinhalte nicht vermittelt, sondern produziert. Ich halte es mit Jan Assmanns These, dass ein Mythos dazu dient, Rituale zu rechtfertigen.
Auch! Ich halte es hingegen mit Marshall McLuhan, der sagt, dass Texte ihre Inhalte einmal auf der wörtlichen vor allem aber auf der Gefühlsebene transportieren. Und Letzteres, finde ich, ist bei religiösen Mythen durchgängig der Fall.

(24-03-2013, 16:30)Jaldabaoth schrieb: Du scheinst ein Anhänger des funktionalistischen Religionsbegriffs zu sein. Ich reduziere Religion keineswegs auf ihre soziale Funktion. Diese ist, meine ich, nur einer ihrer Aspekte, der wiederum in Gemeinschaftsfunktion und Herrschaftsfunktion differenzierbar ist.
Ich meine schon, dass die Funktion von Religion in einem sehr weiten Sinne das Zusammenleben, also die Beziehungsebene regulieren (nicht reglementieren!) soll. Klar, da gibt es auch die ideologie-getränkte Herrschaftskomponente. Selbst die Sinnfindung des Individuums ist letztlich ein Dienst der Religion an der Gemeinschaft. Denn wer mit sich selbst und seinen Ängsten nicht ins Reine kommt, wird schwerlich stabile mitmenschliche Beziehungen entwickeln können.
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
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#8
(24-03-2013, 16:30)Jaldabaoth schrieb: Der Glaube an Gottes Wille und der Glaube an seine Güte und Allmacht und an seine Offenbarung durch den Gottessohn Jesus bilden für jeden Theologen das Gerüst seines Glaubens. Wäre es nicht so, wäre er kein Christ. Also ist Freuds Theorie auch auf die Theologie bzw. auf Theologen anwendbar.

Ich meine, dass nicht wenige Theologen diese Art religiösen Denkens überwunden haben. Manche sagen das offen heraus (F. Gogarten, H. Cox, P. v. Buren, Th. J. J. Altizer, etc.), andere behalten es für sich.
MfG B.
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