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Der "Gottesstaat" und seine Geschichte
#1
(21-10-2015, 09:46)Schmettermotte schrieb: Der Begriff Gottesstaat hat also weder mit der Mehrheit des vertretenden Glaubens noch mit den moralischen Wertvorstellungen seiner Bürger zutun.

Stimmt.

Im Iran – der Staat, der im Zusammenhang mit dem Begriff "Gottesstaat" wohl am häufigsten genannt wird – ist der weitaus überwiegende Teil der Bevölkerung säkularisiert wie in keinem anderen islamisch geprägten Land.

(21-10-2015, 23:54)indymaya schrieb: Jeder Staat, der sich zwischendurch "Heilig", "Christlich", oder sogar satanischer Weise: "Gottesstaat" nennt,  ist nicht das Reich Gottes.

"Reich Gottes" ist ein Begriff aus der christlichen Mythologie. Unter einem "Gottesstaat" hingegen versteht man einen Staat, in dem die Religion politisiert wird. In einem "Gottesstaat" üben Menschen die Staatsgewalt aus, die ihre Vorstellungen von einem "göttlichen Recht" den Bürgern dieses Staates diktatorisch aufzwingen.

Wer fordert, dass Religionsgesetze rigoros befolgt werden und dass gesellschaftliches Leben streng nach religiösen Vorgaben geregelt wird, wünscht sich eine theokratische Diktatur.

Welche der historischen und gegenwärtigen "Gottesstaaten" hat für die betroffenen Menschen ein besseres Leben gebracht? Was kann Menschen bewegen, eine theokratische Diktatur erstrebenswert zu finden?
MfG B.
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#2
Ich glaube, das diktatorische Aufzwingen des göttlichen Rechts ist nicht zwingend Element eines Gottesstaates. Es ist durchaus ein Gottesstaat denkbar, in dem das Volk dieses Staates vornehmlich hinter der Theokratie steht. Man denke da beispielsweise an den Vatikan-Staat.
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#3
Der Vatikan ist nur bedingt für einen Vergleich heranzuziehen, zumal er ein Staat der besonderen Art ist. Der Vatikanstaat hat ca. 600 Staatsbürger. Staatsbürgerschaften werden nur vorübergehend verliehen und sind funktionsbezogen. In höhere Funktionen wird man berufen, für niedere Funktionen kann man sich bewerben. Die Abhängigkeit der Staatsbürgerschaft von der Funktion gilt für alle Ämter, für Kurienkardinäle ebenso wie für die Schweizergarde. Bürger ohne Funktion gibt es im Vatikanstaat nicht.
MfG B.
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#4
Dennoch passte der Begriff Gottesstaat auf den Vatikan, finde ich.

Aber auch generell ist, trotz der negativen Belegung des Begriffs Gottesstaat, nicht prinzipiell von einer Diktatur auszugehen. OK, mir als Atheist stellte sich ein Staat, welcher sich auf göttliches Recht beruft, immer als diktatorisch dar, aber prinzipiell...
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#5
Der Vatikan ist genau genommen gar kein Staat, sondern eine sogenannte "Botschaft". Der Papst ist/gilt als ein Botschafter/Diplomat Gottes. Von daher, passt die Definition eines Gottesstaates auch nicht wirklich auf den Vatikan zu.

Zudem muss man sich auch mit der Definition dessen befassen was eine Diktatur ist.

Wikipedia meint dazu:   eine Diktatur ist Konzentration der Macht

In der Diktatur wird die neuzeitliche Gewaltenteilung aufgehoben und damit der Grundrechteschutz des einzelnen Bürgers. Die Macht des Diktators, sei es eine einzelne Person oder eine Gruppe, ist unbeschränkt. Er kontrolliert – neben der Gesetzgebung – insbesondere auch die traditionellen staatlichen Zwangsmittel der Exekutive selbst: Militär, Justiz, Polizei und staatliche Behörden. Besonders das Militär wird nicht vom Parlament kontrolliert, sondern vom Diktator, und kann nicht nur zur Landesverteidigung eingesetzt werden, sondern auch im Inneren gegen eine zu Staatsfeinden erklärte Opposition. Die Justiz kann nicht mehr unabhängig urteilen, sondern folgt diktatorischer Gesetzgebung oder direkten Weisungen.

Diese Zwangsmittel reichen oft nicht zum Machterhalt aus, daher müssen weitere Bereiche der Gesellschaft kontrolliert werden. Die Diktatur unterwirft sich dann auch die wirtschaftlichen Einrichtungen, das Erziehungswesen, Presse und Medien sowie die Kommunikationsmittel wie Nachrichten- und Datenverkehr.

Der Vatikan wäre also im Sinne von Wikipedia eine Diktatur.
Ich habe überhaupt nichts gegen Gläubige, es sei denn, sie behaupten, die Würde des Menschen hinge alleine vom Glauben an einen Gott  ab.
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#6
(22-10-2015, 14:24)U.-N. D.-Meister schrieb: Ich glaube, das diktatorische Aufzwingen des göttlichen Rechts ist nicht zwingend Element eines Gottesstaates.

Was sind deiner Meinung nach Merkmale eines Gottesstaates?

(22-10-2015, 14:24)U.-N. D.-Meister schrieb: Es ist durchaus ein Gottesstaat denkbar, in dem das Volk dieses Staates vornehmlich hinter der Theokratie steht. Man denke da beispielsweise an den Vatikan-Staat.

Das wäre in dem von dir angesprochenen Fall auch nicht verwunderlich. Wer Bürger des Vatikanstaates wird, wird es freiwillig. Wem die Lebensverhältnisse dort missfallen, kann auch wieder weggehen. Alle Bürger des Vatikanstaates bleiben auch Bürger ihres Herkunftsstaates. Das heißt, Macht üben Papst oder Kurie über die Staatsbürger des Vatikanstaates nur solange aus, solange sie dort ein Amt bekleiden.
MfG B.
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#7
(24-10-2015, 15:23)Geobacter schrieb: Der Vatikan ist genau genommen gar kein Staat, sondern eine sogenannte "Botschaft".

Der Vatikan ist ein eigenartiges Gebilde. Der Heilige Stuhl ist ein Völkerrechtssubjekt, das in der Theorie auf ein Staatsgebiet nicht angewiesen ist. Die Nuntien bzw. Gesandten vertreten dort, wo sie eingerichtet sind, nicht den Vatikanstaat, sondern den Heiligen Stuhl. Vertretungen im Ausland sind im Falle des Vatikans also keine Verweise auf seine Staatlichkeit.

Zeichen der Staatlichkeit sind aber auszumachen:

Der Vatikan unterhält (seit 1929) zwei voneinander organisatorisch getrennte Regierungen. Eine für die geistliche Leitung der Weltkirche und eine andere für die Administration des päpstlichen Territoriums. Es gibt ein Staatswappen und eine Staatshymne, es werden zum Zeichen der staatlichen Souveränität fallweise Geldprägungen durchgeführt und Briefmarken herausgegeben. Es existiert eine Verfassung, in der die absolute Wahlmonarchie sowie die gesetzgebende, vollziehende und richterliche Gewalt des Papstes festgeschrieben sind. Der Vatikan verfügt über einen Wachdienst, den man, so man will, in Corpo di Vigilanza (Polizei) und Schweizergarde (Militär) aufteilen kann.
MfG B.
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#8
Naja... rein optisch mag das alles so stimmen.

Schließlich will man sich als "Italiener" vom Stellvertreter "Jesu Christi" ja nicht überall drein reden lassen.
Strategisch geht das aber nur, wenn man den Stellvertreter "Jesu Christi" aus dem "eigenen" Staat hinaus wirft. Aber das ist dann auch wieder nicht so einfach... Die Faschisten kamen deswegen auf eine diplomatischere Idee. Icon_wink
Ich habe überhaupt nichts gegen Gläubige, es sei denn, sie behaupten, die Würde des Menschen hinge alleine vom Glauben an einen Gott  ab.
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#9
(24-10-2015, 15:23)Geobacter schrieb: Der Vatikan ist genau genommen gar kein Staat, sondern eine sogenannte "Botschaft". Der Papst ist/gilt als ein Botschafter/Diplomat Gottes. Von daher, passt die Definition eines Gottesstaates auch nicht wirklich auf den Vatikan zu.

Zudem muss man sich auch mit der Definition dessen befassen was eine Diktatur ist.

Wikipedia meint dazu:   eine Diktatur ist Konzentration der Macht

In der Diktatur wird die neuzeitliche Gewaltenteilung aufgehoben und damit der Grundrechteschutz des einzelnen Bürgers. Die Macht des Diktators, sei es eine einzelne Person oder eine Gruppe, ist unbeschränkt. Er kontrolliert – neben der Gesetzgebung – insbesondere auch die traditionellen staatlichen Zwangsmittel der Exekutive selbst: Militär, Justiz, Polizei und staatliche Behörden. Besonders das Militär wird nicht vom Parlament kontrolliert, sondern vom Diktator, und kann nicht nur zur Landesverteidigung eingesetzt werden, sondern auch im Inneren gegen eine zu Staatsfeinden erklärte Opposition. Die Justiz kann nicht mehr unabhängig urteilen, sondern folgt diktatorischer Gesetzgebung oder direkten Weisungen.

Diese Zwangsmittel reichen oft nicht zum Machterhalt aus, daher müssen weitere Bereiche der Gesellschaft kontrolliert werden. Die Diktatur unterwirft sich dann auch die wirtschaftlichen Einrichtungen, das Erziehungswesen, Presse und Medien sowie die Kommunikationsmittel wie Nachrichten- und Datenverkehr.

Der Vatikan wäre also im Sinne von Wikipedia eine Diktatur.

Der Vatikan ist "im Sinne von Wikipedia" - sowie im Sinne allgemein anerkannter Definitionen - eine absolute Wahlmonarchie - man vergleiche hier direkt den Artikel zum Staat Vatikan Stadt - und in diesem Sinne ebenfalls ein allgemein anerkannter Staat, so unterschiedlich sein innerer Aufbau auch dem anderer Staaten entgegen steht. Wenn ein Herrschaftsanspruch allgemein legitim anerkannt ist kann im Übrigen auch nicht von einer Diktatur gesprochen werden - dies würde viele Monarchieen auch zur Diktatur machen - auch wenn sonst typische Merkmale übereinstimmen. Theokratie passt da doch wesentlich besser, und führt den Vatikan ebenfalls auf.
Soviel zum Thema Wikipedia und allgemein anerkannt Definitionen...

Zur Frage, was meine Meinung nach die Merkmale eines Gottesstaates sind: Religiöse Legimitation der Herrschaft sowie religiöse Basis der Gesetzgebung
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#10
(22-10-2015, 10:35)Bion Beitrag # 1 schrieb: Welche der historischen und gegenwärtigen "Gottesstaaten" hat für die betroffenen Menschen ein besseres Leben gebracht?

Der Iran
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