(02-08-2018, 12:39)Kreutzberg schrieb: Die Bindekraft von mündlichen Zusagen war sicherlich im 1. Jahrhundert sehr ausgeprägt. Das sollte man bedenken. Es ist aber anzunehmen, dass bei den Zeitzeugen für die 4 Evangelisten wahrscheinlich kein Jünger Jesu mitgewirkt hat. Deshalb fehlt hier leider die eindeutige Authensität, nach welchen ja bekanntlich Bibelforscher sich immer wieder sehnen.
Das ist sicher so, aber das Beispiel der oestlichen Kirchen (Orthodoxe etc.) zeigt zusaetzlich, dass man, selbst wenn man wie diese Kirchen die Authenzitaet der Aussage vollkommen anerkennt, man sie trotzdem anders interpretieren kann und die Ansicht der RKK nicht teilen muss.
(02-08-2018, 12:39)Kreutzberg schrieb: Dieser wichtige Hintergrund ist zugleich Fluch und Segen :
Segen ist er : weil dadurch die festzustellende Vielfalt der frühen Christentums sicherlich beflügelt wurde.
Fluch ist er : weil der Ursprung von bestimmten Lehren nicht ganz klar ist und ggf. auch verfälscht wiedergegeben werden kann.
Das ist wohl so. Jeder, der meinte, Christus/der Hl. Geist wuerden durch ihn sprechen (in paulinischem Verstaendnis scheinen beide identisch gewesen zu sein), konnte fundamentale Glaubensaussagen machen. Das war ja auch die Autoritaet, auf die Paulus sich selbst berief. Er wurde in einer persoenlichen Vision eingesetzt, und das galt als autoritativ. Im Prinzip ist so letztlich auch der christliche Kanon entstanden. Viele Leute haben im Namen Christi/des Hl. Geistes gesprochen, und andere haben dann entschieden, ob die Aussage von Christus ist oder nicht, und zwar ebenfalls, weil sie meinten, dass sie es waren, die den wahren Christus in sich "hoerten", und Bischoefe sahen spaeter ihre Legitimation in direkter apostolischer Sukzession (letztere ist uebrigens fuer das fruehe Christentum nicht wirklich nachweisbar, soll aber weiterhin Hierarchie zementieren).
Uebrigens scheint dieses Weissagen durch jedes Gemeindemitglied in der organisierten Kirche bald abgestellt worden zu sein, wegen des daraus folgenden dauernden Streits um Glaubensaussagen. Erste Hinweise findet man in den Pastoralbriefen, die unter Namen des Paulus gelistet werden aber allgemein als spaete Schriften gelten. Auch in den als urspruenglich angenommenen Briefen finden sich Saetze, die manchmal zuvor Gesagtem direkt widersprechen und als spaetere Einfuegungen durch Andere gelten (ein beruehmtes Beispiel ist, wo im 1. Korintherbrief den Frauen das Sprechen in der Gemeindeversammlung untersagt wird, obwohl ein paar Seiten vorher noch Regeln fuer das Weissagen durch eben diese Frauen aufgestellt wurden).
Ausserdem kann man sich so auch die ganzen Auseinandersetzungen mit den sogenannten "Erzhaeretikern" erklaeren. Das sind ja oft Phaenomene des fruehen bis mittleren zweiten Jahrhunderts, also der Zeit, als das Christentum sich endlich der Schriftform zukehrte und die Hauptkaempfe um den "wahren" Glauben stattfanden.[/quote]
(02-08-2018, 12:39)Kreutzberg schrieb: > ich denke, dass dieser Rückschluß durchaus plausibel ist und von eine Reihe renomierter Bibel-Exegese-Fachleute gerne ausgeblendet wird. Das ist ja auch der Grund weshalb eine kritische Reflektion von Erzkatholiken schwerlich möglich ist. Da ist fast immer ein bestimmter "FILTER" im Kopf der eine objektive Betrachtung verhindert.
Wenn es um das eigene Seelenheil geht und man den Verlust desselben fuerchtet, wird man schon mal etwas bestimmter, auch wenn die Umstaende es eigentlich gar nicht unterstuetzen. Einfach zu glauben, was die kirchliche Interpretation vorgibt, die sich in Jahrhunderten herausgebildet hat, ist sicherlich der einfachere Weg, und viele gehen ihn halt.

