24-02-2010, 00:53
Ich sehe in der Frage nach Gewalt im Zusammenhang mit Religion ein Deutungsproblem. Wir haben eine Realität, die keineswegs eine Gleichverteilung der Güter ermöglicht. Deswegen ist es unmöglich, die Frage zu beantworten, ob eine "perfekte Gesellschaft" keine oder eine ganz und gar andere, friedfertige Religion hätte.
Die Realität besteht aus lokalem und temporärem Ressourcenmangel, aus Wesen, die rauben, was sie irgend erreichen können, und die zugleich Speise sind, für andere. Wir Menschen leben mittendarin und sind Beteiligte und Opfer.
In dieser Situation ein Bewusstsein zu haben, bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes weiter zu denken, als bis zum baldigen Scheitern (= Verhungern oder gefressen zu werden). Das menschliche Bewusstsein und alles, was darin vor sich geht, ist ein biologisches Steuerungsphänomen. Es ist dazu da, das Leben der Gesellschaft zu gewährleisten - über das individuelle Verhalten hinaus.
In diesem Sinne stellt Religion eine Vorstellungswelt zur Verfügung, die mehr ist als eine "Zufluchtstätte" (Gundi), sogar viel mehr. Wir dürfen nicht vergessen, dass jene Teile dieser Welt der Vorstellungen, die heute so säuberlich getrennt weiter verfolgt werden, in den archetypischen Religionen eins waren: z. B. Psychologie, Philosophie, Geschichte und Geschichten, Sachwissen und Gesetze, Mathematik und Götterlehre, Ethik und Handwerk, Pädagogik und Kult.
Was heute Religion ist, ist bestenfalls noch Tradition und Ethik, aufgehängt an einer als fraglich gesehenen Vorstellung von etwas Unirdischem, Heiligen. Im schlimmsten Fall ist es ja so, dass Wissen zugunsten der Lehre vom Heiligen verworfen wird, was dem ursprünglichen Zweck, nämlich der Gesellschaft zum Überleben zu verhelfen, geradezu zuwiderläuft. Das geht auch nur deshalb, weil sich die Dinge inzwischen soweit auseinanderentwickelt haben, dass es auf gewisse Einzelanschauungen gar nicht mehr ankommt.
@Nidschki, Thema Religion aus Angst:
Wie oben erwähnt, dient die Religion dazu, einer Gesellschaft das Überleben zu ermöglichen nicht zuletzt durch das Denken über "mich" und meine Ängste hinaus. "Wenn es keine sozialen Probleme gäbe, ...", ist eine ziemlich müßige Fiktion; denn die Realität ist für den individuell schwachen Menschen tödlich (vielleicht nicht heute, aber in den letzten 50000 Jahren durchaus). Gemeinschaftsbildende Faktoren waren es, die das Überleben der Menschheit durch Gesellschaft garantierte.
@Petronius
Ich sehe einen großen Unterschied zwischen heutiger Religion und jenen Ansätzen in historischer Zeit, sagen wir von vor 600 Jahren und mehr. Die Analyse von Karl Marx "Opium des Volkes" hat die moderne Religionsausübung vor Augen, bei der privilegierte Gesellschaftsschichten die minder privilegierte Mehrheitsgesellschaft schamlos ausgenutzt hat. Das hat nichts mehr mit der ursprünglichen Überlebensstrategie von kleinen Gruppen von maximal Dorfgröße zu tun. Man kann bestenfalls von einer Perversion der Religion sprechen zugunsten einer relativ kleinen Elite. In der Tat, die lebt - auch heute noch - gut davon, dass Menschen "ausgebeutet" werden.
Die Todesfurcht wird in den Religionen durchaus überindividuell bekämpft. Die Mythen ermöglichen es der Population einerseits in all dem Elend "anständig" zu bleiben und den Genossen nicht zu bestehlen oder zu ermorden, andererseits den eigenen Tod zugunsten anderer Genossen in Kauf zu nehmen.
@'K - G - B'
Ich denke, die Frage: "Was kommt danach?" gehört zwangsläufig zum Phänomen "Bewusstsein", welches meiner Meinung nach ein gesellschaftsdynamisches Phänomen ist, welches eng mit der Fähigkeit zu sprechen verbunden ist. Bewusstsein greift weit über das Individuum hinaus durch Sprache und Religion und zwar in fast jeder Beziehung.
Folgerichtig bildet sich eine Vorstellung von: "ICH kann doch nachher nicht einfach "nicht" sein", eben weil Bewusstsein im Grunde überindividuell agiert. Was wäre ICH denn, würde ich wie manche Tiere solitär leben?
So stimme ich dir zu: Fragen nach dem Sinn und dem "Danach" werden solange gestellt, wie unser Bewusstsein "gesellschaftlich" agiert.
Die Antworten der Religionen sind nicht entscheidend, sondern die tradierten, gesellschaftsrelevanten Verhaltensweisen in einer für Menschen feindlichen Natur. Bedenken wir eins: Religion (und ihr empirisches Wissen über Sachen und Verhalten) war überlebenswichtig und ist es durch die Differenzierung und Abspaltung nicht mehr - jedenfalls in der derzeitigen, lokalen Welt.
Die Realität besteht aus lokalem und temporärem Ressourcenmangel, aus Wesen, die rauben, was sie irgend erreichen können, und die zugleich Speise sind, für andere. Wir Menschen leben mittendarin und sind Beteiligte und Opfer.
In dieser Situation ein Bewusstsein zu haben, bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes weiter zu denken, als bis zum baldigen Scheitern (= Verhungern oder gefressen zu werden). Das menschliche Bewusstsein und alles, was darin vor sich geht, ist ein biologisches Steuerungsphänomen. Es ist dazu da, das Leben der Gesellschaft zu gewährleisten - über das individuelle Verhalten hinaus.
In diesem Sinne stellt Religion eine Vorstellungswelt zur Verfügung, die mehr ist als eine "Zufluchtstätte" (Gundi), sogar viel mehr. Wir dürfen nicht vergessen, dass jene Teile dieser Welt der Vorstellungen, die heute so säuberlich getrennt weiter verfolgt werden, in den archetypischen Religionen eins waren: z. B. Psychologie, Philosophie, Geschichte und Geschichten, Sachwissen und Gesetze, Mathematik und Götterlehre, Ethik und Handwerk, Pädagogik und Kult.
Was heute Religion ist, ist bestenfalls noch Tradition und Ethik, aufgehängt an einer als fraglich gesehenen Vorstellung von etwas Unirdischem, Heiligen. Im schlimmsten Fall ist es ja so, dass Wissen zugunsten der Lehre vom Heiligen verworfen wird, was dem ursprünglichen Zweck, nämlich der Gesellschaft zum Überleben zu verhelfen, geradezu zuwiderläuft. Das geht auch nur deshalb, weil sich die Dinge inzwischen soweit auseinanderentwickelt haben, dass es auf gewisse Einzelanschauungen gar nicht mehr ankommt.
@Nidschki, Thema Religion aus Angst:
Wie oben erwähnt, dient die Religion dazu, einer Gesellschaft das Überleben zu ermöglichen nicht zuletzt durch das Denken über "mich" und meine Ängste hinaus. "Wenn es keine sozialen Probleme gäbe, ...", ist eine ziemlich müßige Fiktion; denn die Realität ist für den individuell schwachen Menschen tödlich (vielleicht nicht heute, aber in den letzten 50000 Jahren durchaus). Gemeinschaftsbildende Faktoren waren es, die das Überleben der Menschheit durch Gesellschaft garantierte.
@Petronius
Ich sehe einen großen Unterschied zwischen heutiger Religion und jenen Ansätzen in historischer Zeit, sagen wir von vor 600 Jahren und mehr. Die Analyse von Karl Marx "Opium des Volkes" hat die moderne Religionsausübung vor Augen, bei der privilegierte Gesellschaftsschichten die minder privilegierte Mehrheitsgesellschaft schamlos ausgenutzt hat. Das hat nichts mehr mit der ursprünglichen Überlebensstrategie von kleinen Gruppen von maximal Dorfgröße zu tun. Man kann bestenfalls von einer Perversion der Religion sprechen zugunsten einer relativ kleinen Elite. In der Tat, die lebt - auch heute noch - gut davon, dass Menschen "ausgebeutet" werden.
Die Todesfurcht wird in den Religionen durchaus überindividuell bekämpft. Die Mythen ermöglichen es der Population einerseits in all dem Elend "anständig" zu bleiben und den Genossen nicht zu bestehlen oder zu ermorden, andererseits den eigenen Tod zugunsten anderer Genossen in Kauf zu nehmen.
@'K - G - B'
Ich denke, die Frage: "Was kommt danach?" gehört zwangsläufig zum Phänomen "Bewusstsein", welches meiner Meinung nach ein gesellschaftsdynamisches Phänomen ist, welches eng mit der Fähigkeit zu sprechen verbunden ist. Bewusstsein greift weit über das Individuum hinaus durch Sprache und Religion und zwar in fast jeder Beziehung.
Folgerichtig bildet sich eine Vorstellung von: "ICH kann doch nachher nicht einfach "nicht" sein", eben weil Bewusstsein im Grunde überindividuell agiert. Was wäre ICH denn, würde ich wie manche Tiere solitär leben?
So stimme ich dir zu: Fragen nach dem Sinn und dem "Danach" werden solange gestellt, wie unser Bewusstsein "gesellschaftlich" agiert.
Die Antworten der Religionen sind nicht entscheidend, sondern die tradierten, gesellschaftsrelevanten Verhaltensweisen in einer für Menschen feindlichen Natur. Bedenken wir eins: Religion (und ihr empirisches Wissen über Sachen und Verhalten) war überlebenswichtig und ist es durch die Differenzierung und Abspaltung nicht mehr - jedenfalls in der derzeitigen, lokalen Welt.
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
Ekkard

