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Zeus
#1
Zeus, der höchste Gott im griechischen Götterhimmel, Götterkönig, Vater der Menschen und Götter1, ist mit allen Eigenschaften ausgestattet, die einen mächtigen Universalgott ausmachen. In seiner Person sind jene unzähligen Wettergötter2 zusammengeführt, die einst die Berggipfel Griechenlands bewohnten(Nilsson 1). Die Herrschaft des Zeus über Donner, Blitz, Regen und Sturm erinnern an diese Vergangenheit. Seine römische Entsprechung ist ↗Jupiter.

Der Gott wurde von den Griechen mit hoher Wahrscheinlichkeit in Zeiten der Landnahmen ererbt. Seine charakterliche Ausformung wird er wohl erst durch ↗Mythen erfahren haben, die in ↗mykenischer Zeit oder auch später entstanden sind. In einem frühen schriftlichen Zeugnis zur griechischen Mythologie (↗Hesiod, Theog. 453-506) wird seine Geburts- und Kindheitsgeschichte erzählt:

↗Kronos, der von ↗Gaia und ↗Uranos erfahren hatte, dass er seine Herrschaft einst durch den eigenen Sohn verlieren sollte, verschlang alle Kinder, die ihm seine Schwester und Gattin ↗Rhea gebar.

Nachdem er ↗Hestia, ↗Demeter, ↗Hera, ↗Hades und ↗Poseidon verschlungen hatte, wollte Rhea, die mit Zeus schwanger war, das nicht ein weiteres Mal erdulden und beschloss, den Gatten mit List zu täuschen. Nachdem sie Zeus entbunden und ihn noch in derselben Nacht nach ↗Kreta gebracht hatte, wickelte sie einen Stein in Windeln und übergab ihn Kronos, der den Stein anstelle des Kindes verschlang. In der ↗Höhle Ida (Idäische Grotte3) versteckt, versorgten den Zeus-Knaben wilde↗Bienen, die ↗Ziege ↗Amalthea und  ↗Nymphen mit Nahrung. Nach einiger Zeit merkte Kronos, dass er getäuscht worden war. Er machte sich auf die Suche nach dem Knaben. Da dieser aber während der Suche in einer Wiege lag, die auf einem Baum hing, konnte Kronos ihn weder auf der Erde, noch im Meer und auch im Himmel nicht finden. Lärmende ↗Kureten4 sorgten dafür, dass Kronos das Geschrei des Kindes nicht hören konnte.

Als Zeus herangewachsen war und über genug Kraft verfügte, zwang er Kronos die Geschwister von sich zu geben. Zunächst erbrach dieser den Stein, den er anstelle von Zeus verschlungen hatte, danach alle seine Kinder.

Weitergeführt bzw. in Varianten erzählt wird die Geschichte von ↗Apollodor (Bibl.  I 4-5), von ↗Hyginus (Fab. 139; Astr. 2, 13) und anderen Schriftstellern der ↗Antike.

Als Zeus zum Herrn über den ↗Kosmos geworden war, teilte er die Herrschaft mit seinen Brüdern. Er ließ das Los entscheiden. Er selbst sollte über den Himmel gebieten, Hades sollte Herr über die Unterwelt, Poseidon über das Meer sein. Über die Erde aber und im ↗Olymp wollten die Brüder gemeinsam herrschen (Hom. Il. XV 187-193). Die Schwestern waren von der Herrschaft ausgeschlossen.

Zeus ist ein wollüstiger Gott. Kaum überschaubar sind seine Liebesabenteuer, kaum zählbar seine Kinder. Bei ↗Homer hat Zeus nur eine Gattin, seine Schwester Hera, aber unzählige Liebschaften mit Göttinnen und Menschenfrauen und viele illegitime Kinder. Das dürfte den Gepflogenheiten in frühen griechischen  Gemeinschaften entsprochen haben. Außereheliche Beziehungen wurden wohl geduldet, Kinder aus solchen Beziehungen vom Familienverband anerkannt und aufgezogen worden sein, wenngleich diese nicht die gleiche Stellung wie ehelich geborene Kinder gehabt haben dürften (Hom. Il. VIII 281ff.; Od. XIV 199ff.).

Bei Hesiod hingegen ist ↗Metis, eine Weisheitsgöttin, die erste Frau des Zeus. Mit ihr zeugt er ↗Athena. Da es Metis bestimmt war, nach Athena einen Gott zu gebären, der alle Götter beherrschen sollte, verschlang Zeus sie vorsorglich noch während ihrer Schwangerschaft. Athena musste später mit Hilfe des ↗Hephaistos aus dem Kopf des Zeus entbunden werden (in einer Variante ist sie in Waffen und Rüstung seinem Kopf entsprungen). Metis aber verblieb in seinem Körper und verkündete Zeus, was gut und böse sei (Hes. Theog. 894-901).

Als zweite Frau des Zeus führt Hesiod die ↗Titanin ↗Themis an. Als Göttin steht sie für Gerechtigkeit und Ordnung. Sie ist die Mutter der ↗Horen, die bei den Menschen ursprünglich den geregelten Jahresablauf, später die Gesetzgebung (↗Eunomia), das Recht (↗Dike) und den Frieden (↗Eirene) überwachen. Auch die ↗Moiren Klotho, Lachesis und Atropos, die den Menschen Gutes und Schlechtes zuteilen, sind ihre Kinder.

Seine dritte Frau war die ↗Okeanostochter ↗Eurynome gewesen. Sie gebar dem Zeus die ↗Chariten: ↗Aglaia, die Glänzende, ↗Euphrosyne, die Frohsinnige und ↗Thalia, die Anmutige.

Dann verband er sich mit Demeter und zeugte mit ihr ↗Persephone, danach mit ↗Mnemosyne, die ihm die neun ↗Musen gebar, und mit ↗Leto, die von ihm ↗Apollon und ↗Artemis empfing.

Seine letzte Gattin aber war seine Schwester Hera gewesen. Die Kinder, die er mit ihr hatte, waren ↗Hebe, ↗Ares und ↗Eileithyia gewesen. Den Hephaistos aber, der alle Götter an Kunstgeschick überragte, soll sie, wie Hesiod erzählt (Theog. 927), "ohne Liebesgemeinschaft" bekommen und geboren haben.

Kultstätten, die zu Ehren des Zeus eingerichtet waren, sind überschaubar. Seine bekannteste war ↗Olympia gewesen. Die Wettkämpfe, die dort alle vier Jahre ausgetragen wurden, fanden zu Ehren des höchsten Gottes statt. Eine weitere Zeus geweihte Kultstätte, an der Wettkämpfe ausgetragen wurden, war ↗Nemea gewesen.

Feste hingegen wurden zu Ehren des Götterkönigs (Zeus basileus) und Schirmherrn des politischen Lebens der Stadtgemeinschaften so ziemlich in jeder griechischen ↗Polis mit großem Aufwand gefeiert (Nilsson 3). Die Volksversammlungen in den Poleis (pl. v. Polis) standen unter dem Schutz des Zeus Agoraios (ἀγοραῖος = den Marktplatz betreffend, auf dem Volksversammlungen abgehalten wurden)(Bleicken 172).

Als Zeus Meilίchios (μειλίχιος = freundlich, mild) wird er als Sühne- und Reinigungsgott (auch in ↗Schlangengestalt) verehrt. Zu seinen Ehren wurden die ↗Diasien gefeiert, ein Frühlingsfest, bei dem man ihm Reinigungs- und Versöhnungsopfer dargebracht, in Gemeinschaft gespeist und die Kinder beschenkt hat. 

Als Opfergott stand er als Zeus Phratrios (mit Athena und ↗Dionysos) bei den ↗Apaturien im Mittelpunkt. Es war das Fest der↗Phratrien (φράτρα bzw. φρατρία = durch Verwandtschaften verbundene Bürgergemeinschaften), bei denen die Nachkommenschaft in das Register ihrer Phratrie eingetragen und als künftige Bürger zur Kenntnis genommen wurde.

Unregelmäßig, vornehmlich in Zeiten, in denen große Dürre herrschte, wurde das Fest des Zeus Hyetios (ὑέτιος = Regenbringer) begangen. Eine der bekannteren Kultstätten für dieses Fest war die Quelle Hagno auf dem ↗Lykaion gewesen. Der Priester des Zeus Lykaios verrichtete dort Opfer und Gebet und bat den Gott um Regen. Den Kultort und rituellen Ablauf hat ↗Pausanias (8, 38, 4-7) beschrieben. Hier tritt Zeus in seiner ursprünglichen Bedeutung als Regen und Wettergott in Erscheinung.

Ein altes Zeusfest, das mit einer griechischen ↗Sintflut- (↗Deukalion) und ↗Werwolf-Sage in Verbindung steht, wurde auf dem Lykaion regelmäßig begangen. Bei diesem Fest soll es in frühen Zeiten - ebenso wie bei dem Fest des Zeus Laphystios auf dem Berg Laphystion bei Koroneia in ↗Böotien, wie das Pausanias (9,34,5) und ↗Herodot (7,197) berichten - zu Menschenopfern gekommen sein.

Wenn in Griechenland Gluthitze herrschte, wurde Zeus Ikmaios (ἰκμαἶος = der Befeuchtende) um das Eintreten der Etesien - das waren kühlende, Feuchtigkeit bringende Winde - angefleht.

Die vielen Beinamen, mit denen Zeus bedacht ist, belegen die Vorstellungen von seiner umfassenden Wirkungsmächtigkeit. Als Zeus Polieus beschützte er die Stadt, als Z. Ktesios das Haus. Beim Z. Horkios wurde geschworen bzw. wurden Eide bekräftigt, als Z. Xenios war er Garant der Gastfreundschaft und Schutzgott der Fremden. Als Z. Hikesios war er Gott der Schutzflehenden, als Z. Soter Erretter, als Z. Eleutherios Befreier von allem Übel.

Die vielen Beinamen, mit denen Zeus angerufen wurde, sind kaum vollständig zu erfassen. Es sei abschließend noch Zeus Chthonios (χθόνιος = unterirdisch; Ζεύς chthonios = der unterirdische Zeus) erwähnt. Als Chthonios verschmilzt Zeus mit Hades, dem Herrn der Unterwelt, und ist neben anderen Dingen auch für die Fruchtbarkeit der Erde zuständig.


1) Hom. Od. I,28 u. XII 445; Homer h. 1. Dionys. 6; Hesiod, Theog. 543.839

2) Zeus ist weit mehr ein Wettergott, als die ↗Etymologie ahnen lässt, und dies verbindet ihn mit den vorderasiatischen "Wettergöttern", mit denen er denn auch gleichgesetzt wird (Burkert 198).

…; in manchen alten Zeusritualen glaubte man das Wetter zwingen zu können, durch zumindest angedeutetes Menschenopfer in nächtlicher, werwölfischer Mahlgemeinschaft. Zeus wohnt auf den Bergen, um die die Gewitterwolken sich sammeln, auf dem Lykaion in Arkadien, dem Óros von Aigina, dem Ida bei Troia: dort hat er, laut Homer, sein ↗Temenos und seinen ↗Altar, und die ↗Ilias malt aus, wie er dort mit Hera Beilager halt, eingehüllt in eine goldene Wolke, von der schimmernde Tropfen fallen. Der mehrfach vorkommende Name Olympos hat sich auf den größten Berg im Norden Thessaliens fixiert, der damit zur eigentlichen Götterwohnung wurde - wie auch in ↗ugaritischer Mythologie die Wohnung des ↗Baal der Nordberg (↗Saphon) ist (Burkert 199).

…verrät der Name "Zeus" in seiner Grundbedeutung eine Verwandtschaft mit Gott. Zeus heißt, wenn man das Wort genau übersetzen will, das Aufleuchten: das Aufleuchten des Tages, ein Aufleuchten am Himmel. Er ist in diesem Sinne ein Himmelsgott: das Wichtigste, was sich am Himmel ereignen kann. Wenn man ihn einen Wettergott nennen will, vergröbert und verflacht man, was er eigentlich ist (Kerenyi 150).

3) Auch die Diktäische Höhle (bei Psychro) wird als Geburtsort des Zeus genannt. Nach einer Variante der Zeus Geburt- und Kindheitserzählung wurde Zeus in der Diktäischen Höhle geboren und hat in der Höhle Ida seine Kindheit verbracht.

4) Eine nachhesiodeische, kretische Theogonie hat die Jugend des Zeus weiter ausgemalt, insbesondere wie ein Bund jugendlicher Krieger, die Kureten, tanzend und ihre Schilde schwingend das Zeuskind umgeben, damit es sich nicht durch sein Weinen verrate. Hier spiegeln sich kretische Initiationsrituale, wie sie in den Ida-Mysterien fassbar sind: Hier wurde Zeus alljährlich im Schein eines großen Feuers geboren. Im Waffentanz der Jungmannschaft erscheint der Diktäische Zeus als der "größte Kuros", der auf Herden, Saatfelder, Hauser, Stadt, Schiffe und junge Bürger "springt". Wo Geburt ist, ist auch der Tod: Dass diesem jungen Zeus auf Kreta auch das berüchtigte "Grab des Zeus" polar zugeordnet ist, wo die Kureten Zeus bestatten, ist eine naheliegende Vermutung, auch wenn die Lokaltraditionen kein Gesamtbild liefern (Burkert 200).



Literatur:
Martin P. Nilsson. Griechische Feste von religiöser Bedeutung. 1906 Leipzig. Verl. B. G. Teubner.
Karl Kerenyi. Antike Religion. 1995 Stuttgart. Verl. Klett-Cotta
Jochen Bleicken. Die athenische Demokratie. 4. Aufl. 1995 Paderborn. Verl. F. Schöningh.
Walter Burkert. Griechische Religion der archaischen und klassischen Epoche. 2. Aufl. 2011 Stuttgart, Verl. W. Kohlhammer.




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MfG B.
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