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Kampfergeist und Hildegard von Bingen
#1
Manche von uns kennen das ominöse Wort "Kampfergeist" von sehr alten Leuten
Das war eine Flasche mit Weingeist und Kampfer
Damit rieben sich die Menschen gerne früher ein, vor allem die Stellen des Unterschenkels wo Krampfadern waren

Ich suchte nun nach Kampfergeist in der Suchmaschine und entdeckte in einem großen alten Lexikon aus 1907 überraschende Fakten:

Erst einmal gibt es 2 (in Worten: zwei) Arten von Kampfer !
C10H16O und C10H18O - Daneben noch Kampforonsäure C9H14O6.

Der zweitere Kampfer (mit anderer chem. Formel) wurde von Hildegard von Bingen in Europa eingeführt. (Ich habe unten den Absatz über diesen Kampfer durch Fettdruck hervorgehoben)
Stichwort: "Borneokampfer"

Wie es aussieht, war der Kampfer im Altertum in Europa unbekannt. Erst im 6. Jahrhundert wird er von Aëtios aus Amida in Mesopotamien erwähnt (laut Wikipedia studierte er Medizin in Alexandria und wurde Hofmedikus von Justinian I. in Konstantinopel/Byzanz. Das heißt, er wurde zwar in Mesopotamien geboren, und zwar genau in der Stadt Amida, aber sein Medizinstudium abslovierte er in Alexandria. Damit stammt die Verwendung des K. von der medizinischen Schule Alexandriens in Ägypten.)
Allerdings ist damit nicht gesagt, daß die Verwendung des K. originär ägyptisch sein muß. Es gab ja entlang der sogenannten Seidenstraßen einen regen Fernhandel nicht nur mit Seide, sondern in vorchristlicher Zeit bzw. in nichtchristlichem Gebiet auch mit Sklavinnen, immer aber mit Drogen und Arzneien (wobei die Unterscheidung damals mangels pharmakologischer Kenntnisse sehr unscharf war).
Ein südlicher Strang der Seidenstraße endete in Damaskus.
Somit kam die Kunde der Arznei Kampfer und das Material von Borneo wohl via Küstenschiffahrt nach "Indien" und von dort in den damals noch vorislamischen Orient. Aëtios lebte von 502 bis 575
Die Route ging über Persien und endete in der berühmten Stadt Damaskus
Von dort gab es reguläre und sehr rege Handelsverbindungen nach Ägypten.

Aëtios studierte in Alexandria, das zu dieser Zeit bereits Sitz eines christlichen Patriarchen war und sich zu einem der wichtigsten christlichen Zentren entwickelte. (Bis zur islamischen Eroberung war es nach Rom der zweitwichtigste Bischofssitz der Christenheit.)
Später wirkte Aëtios als Hofmedikus von Justinian I. in Konstantinopel/Byzanz.
Sicher hinterließ er reichhaltige Literatur. Da er Jahrhunderte vor der Kirchenspaltung wirkte, sind seine Lehren sowohl westkirchlich als auch ostkirchlich
Hildegard von Bingen hat diese Lehren des Aëtios (nicht nur den Kampfer) studiert und in die deutsche Pharmazie eingebracht.
Durch den Artikel in Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1907 können wir diese Zusammenhänge rekonstruieren. Es waren eben nicht die Engel, die Hildegard lehrten, sondern sie hatte in alten griechischen Schriften geschmökert.
Da ihren Zeitgenossen (Bauern, Arme, aber auch Bernhard von Clairvaux) die Wahrheit nicht zugemutet werden konnte (medizinische Rezepte aus Südostasien; das Wort Sanskrit durfte ebenfalls nicht erwähnt werden) erzählte sie halt liebenswürdige Legenden, die mit dem damaligen Zeitgeist kompatibel waren


---

Für Interessierte die Quelle:

Kampfergeist - Zeno. org
zeno. org/Meyers-1905/A/Kampfergeist

Lexikoneintrag zu »Kampfergeist«. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907


Kampfergeist (Kampferspiritus), s. Kampfer

Kampfer (Laurazeenkampfer, Japankampfer, Camphora), C10H16O

Borneokampfer (Baroskampfer, Borneol) C10H18O findet sich in vielen ätherischen Ölen
In Europa war der K. im Altertum nicht bekannt. Aëtios aus Amida in Mesopotamien erwähnt ihn im 6. Jahrh. unter dem Namen Caphura (vom sanskrit. Kapūra, weiß) als kostbares Arzneimittel; die arabischen Ärzte des Mittelalters, Simon Seth um 1070 und die Äbtissin Hildegard um 1150 erwähnen dagegen den K., und zur Zeit des Paracelsus wurde er allgemein gebraucht.
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#2
(08-01-2019, 20:09)Sinai schrieb: Sicher hinterließ er reichhaltige Literatur. Da er Jahrhunderte vor der Kirchenspaltung wirkte, sind seine Lehren sowohl westkirchlich als auch ostkirchlich
Hildegard von Bingen hat diese Lehren des Aëtios (nicht nur den Kampfer) studiert und in die deutsche Pharmazie eingebracht.

Woher weißt du das?

Das, was Hildegard über den Kampfer schreibt (Physica 1.40), klingt jedenfalls recht kurios:

"Kampfer nun, also ein Harz, das aus Bäumen austritt, enthält in sich blanke Kälte und eine scharfe Wirkkraft wie die Wirkung im Stein. Aber der Baum, aus dem der Kampfer ausschwitzt, hat in sich scharfe und reine Kälte und seine Beschaffenheit ist rein. Wo immer deshalb sein Holz oder die Blätter oder das Harz sind, können die magischen Künste und die Trugbilder der Luftgeister nichts ausrichten, sondern sie verschwinden durch seine Gegenwart…" (Was immer sie damit meinen mag)
MfG B.
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#3
(09-01-2019, 00:48)Bion schrieb:
(08-01-2019, 20:09)Sinai schrieb: Sicher hinterließ er reichhaltige Literatur. Da er Jahrhunderte vor der Kirchenspaltung wirkte, sind seine Lehren sowohl westkirchlich als auch ostkirchlich
Hildegard von Bingen hat diese Lehren des Aëtios (nicht nur den Kampfer) studiert und in die deutsche Pharmazie eingebracht.

Woher weißt du das?

Gute Frage.
Wie ich schon andeutete, kann man all das heute nur mehr rekonstruieren:
(08-01-2019, 20:09)Sinai schrieb: Durch den Artikel in Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1907 können wir diese Zusammenhänge rekonstruieren. Es waren eben nicht die Engel, die Hildegard lehrten, sondern sie hatte in alten griechischen Schriften geschmökert.
Da ihren Zeitgenossen (Bauern, Arme, aber auch Bernhard von Clairvaux) die Wahrheit nicht zugemutet werden konnte (medizinische Rezepte aus Südostasien; das Wort Sanskrit durfte ebenfalls nicht erwähnt werden) erzählte sie halt liebenswürdige Legenden, die mit dem damaligen Zeitgeist kompatibel waren


Hildegard von Bingen war eine Frau des 12. Jahrhunderts und war religiös und pharmakologisch aktiv.
Kein leichter Stand damals . . .
Natürlich konnte sie ihre Quellen nicht veröffentlichen. Wenn sie ein griechisches Buch eines zwar christlichen, aber in Ägypten studierten Mediziners aus Mesopotamien genannt hätte, der eine Bezeichnung aus dem Sanskrit erwähnte, und zwar für eine Medizin aus dem heidnischen Indien oder Südostasien, wäre sie verfolgt worden.

Sie schrieb halt Sachen wie das:

(09-01-2019, 00:48)Bion schrieb: Das, was Hildegard über den Kampfer schreibt (Physica 1.40), klingt jedenfalls recht kurios:

"Kampfer nun, also ein Harz, das aus Bäumen austritt, enthält in sich blanke Kälte und eine scharfe Wirkkraft wie die Wirkung im Stein. Aber der Baum, aus dem der Kampfer ausschwitzt, hat in sich scharfe und reine Kälte und seine Beschaffenheit ist rein. Wo immer deshalb sein Holz oder die Blätter oder das Harz sind, können die magischen Künste und die Trugbilder der Luftgeister nichts ausrichten, sondern sie verschwinden durch seine Gegenwart…" (Was immer sie damit meinen mag)

In ihren Schriften mischt sich das naturwissenschaftliche Nichtwissen des 12. Jahrhunderts mit Aberglauben, aber auch hoher Gottesfurcht und tiefer Religiosität, dem Geschwurbel einer mittelalterlichen Frau, innigster Nächstenliebe mit der Notwendigkeit zur Legendenbildung zwecks Verschleierung der Quellen zum eigenen Schutz zu einem unverständlichen Text

Wenn wir uns heute mit ihrem Wirken befassen, so erkennen wir aufopfernde Nächstenliebe und tiefe Religiosität.

Ihre Quellen verschweigt sie freilich

Nun kann man entweder glauben, daß sie ihr medizinisches Wissen von Engeln hatte - oder man kann glauben, daß sie es aus Schriften hatte
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#4
(09-01-2019, 11:47)Sinai schrieb: Natürlich konnte sie ihre Quellen nicht veröffentlichen. Wenn sie ein griechisches Buch eines zwar christlichen, aber in Ägypten studierten Mediziners aus Mesopotamien genannt hätte, der eine Bezeichnung aus dem Sanskrit erwähnte, und zwar für eine Medizin aus dem heidnischen Indien oder Südostasien, wäre sie verfolgt worden.

Diese Annahme ist reichlich abwegig.

Aëtios war Christ gewesen und hat sich Zeit seines Lebens innerhalb der Grenzen des Römischen Reichs, also in christlichen Landen, aufgehalten. 

Hildegard selbst hat visionäre Erlebnisse als Ursprung ihres Wissens genannt. Man sollte ihr nicht unterstellen, sie hätte gelogen. Vielleicht ist an der Behauptung was dran, dass die Frommen im Paradies ein Getränk verabreicht bekommen, dem Kampfer beigemischt ist? Dazu würde eine Vision doch gut passen?

(09-01-2019, 11:47)Sinai schrieb: Wenn wir uns heute mit ihrem Wirken befassen, so erkennen wir aufopfernde Nächstenliebe und tiefe Religiosität..

Welches "Wirken", bei dem sie "aufopfernd Nächstenliebe" übte, meinst du?

(09-01-2019, 11:47)Sinai schrieb: Nun kann man entweder glauben, daß sie ihr medizinisches Wissen von Engeln hatte - oder man kann glauben, daß sie es aus Schriften hatte.

Warum aber sollte man glauben, dass ausgerechnet Aëtios Quelle ihres medizinischen Wissens gewesen war? Hast das dazu was handfestes?
MfG B.
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#5
(10-01-2019, 19:21)Bion schrieb:
(09-01-2019, 11:47)Sinai schrieb: Natürlich konnte sie ihre Quellen nicht veröffentlichen. Wenn sie ein griechisches Buch eines zwar christlichen, aber in Ägypten studierten Mediziners aus Mesopotamien genannt hätte, der eine Bezeichnung aus dem Sanskrit erwähnte, und zwar für eine Medizin aus dem heidnischen Indien oder Südostasien, wäre sie verfolgt worden.

Diese Annahme ist reichlich abwegig.

Aëtios war Christ gewesen und hat sich Zeit seines Lebens innerhalb der Grenzen des Römischen Reichs, also in christlichen Landen, aufgehalten. 

Hildegard selbst hat visionäre Erlebnisse als Ursprung ihres Wissens genannt. Man sollte ihr nicht unterstellen, sie hätte gelogen. Vielleicht ist an der Behauptung was dran, dass die Frommen im Paradies ein Getränk verabreicht bekommen, dem Kampfer beigemischt ist? Dazu würde eine Vision doch gut passen?

Ich respektiere Deinen Glauben



Zur Frage nach allfälligen alten Quellen:

(10-01-2019, 19:21)Bion schrieb:
(09-01-2019, 11:47)Sinai schrieb: Nun kann man entweder glauben, daß sie ihr medizinisches Wissen von Engeln hatte - oder man kann glauben, daß sie es aus Schriften hatte.

Warum aber sollte man glauben, dass ausgerechnet Aëtios Quelle ihres medizinischen Wissens gewesen war? Hast das dazu was handfestes?


Gute Frage.
Wie ich schon andeutete, kann man all das heute nur mehr rekonstruieren:
(08-01-2019, 20:09)Sinai schrieb: Durch den Artikel in Meyers Großes Konversations-Lexikon, Leipzig 1907 können wir diese Zusammenhänge rekonstruieren. Es waren eben nicht die Engel, die Hildegard lehrten, sondern sie hatte in alten griechischen Schriften geschmökert.
Da ihren Zeitgenossen (Bauern, Arme, aber auch Bernhard von Clairvaux) die Wahrheit nicht zugemutet werden konnte (medizinische Rezepte aus Südostasien; das Wort Sanskrit durfte ebenfalls nicht erwähnt werden) erzählte sie halt liebenswürdige Legenden, die mit dem damaligen Zeitgeist kompatibel waren

Hier nochmal der alte Eintrag aus Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1907
den ich in Beitrag #1 zitiert hatte:

Lexikoneintrag zu »Kampfergeist«. Meyers Großes Konversations-Lexikon, Band 10. Leipzig 1907


Kampfergeist (Kampferspiritus), s. Kampfer

Kampfer (Laurazeenkampfer, Japankampfer, Camphora), C10H16O

"Borneokampfer (Baroskampfer, Borneol) C10H18O findet sich in vielen ätherischen Ölen
In Europa war der K. im Altertum nicht bekannt. Aëtios aus Amida in Mesopotamien erwähnt ihn im 6. Jahrh. unter dem Namen Caphura (vom sanskrit. Kapūra, weiß) als kostbares Arzneimittel; die arabischen Ärzte des Mittelalters, Simon Seth um 1070 und die Äbtissin Hildegard um 1150 erwähnen dagegen den K., und zur Zeit des Paracelsus wurde er allgemein gebraucht."
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#6
(10-01-2019, 20:59)Sinai schrieb: Ich respektiere Deinen Glauben

Das ist nicht nötig. Ich glaube nicht, sondern ich weiß, dass Hildegard behauptet hat, ihr Wissen über Visionen erhalten zu haben. In ihren Texten ist das nachzulesen.

(10-01-2019, 20:59)Sinai schrieb: Hier nochmal der alte Eintrag aus Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1907
den ich in Beitrag #1 zitiert hatte:

Dort steht nichts, was deine sinnfreien Schlussfolgerungen rechtfertigen würde.

Es ist ärgerlich, dass du schon wieder damit beginnst, zusammenphantasierte Sachverhalte vorzutragen.

Vielleicht beantwortest du diese Frage?:

Was genau hat Aetios wo geschrieben, das mit medizinischen Texten Hildegards in Einklang gebracht werden könnte?
MfG B.
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