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anonyme Internetforen in Frage gestellt
#1
Es ist beabsichtigt, die anonymen Internetforen zu beenden.

Derzeit gibt es bekanntlich zwei Arten von Internetforen:

1.) Internetforen mit Klarnamen
Dies ist im wissenschaftlichen Bereich üblich. Universitätskliniken der gesamten Welt betreiben ein überaus erfolgreiches Forum für ihre Wissenschaftler. Es werden wertvolle Meinungen, Beobachtungen, Erfahrungen, Statistiken ausgetauscht. Da steht natürlich der Klarname:
"Oberarzt Dr. Karl Hippokrater; Abteilung Tropenmedizin / Department of Tropical Medicine, Universitätsklinikum Dresden, Germany"
Dort publiziert Herr Oberarzt Dr. Karl Hippokrater nun regelmäßig. (Auf Englisch übrigens, das hat sich in der Medizin wegen der neuerdings internationalen Publikationen so eingebürgert)
Alle Kollegen weltweit können seinen Bericht lesen, können von seinen Erfahrungen profitieren (Beobachtungen von Nebenwirkungen bestimmter Medikamente) und er bekommt langsam eine internationale Reputation. Auch eine Professur winkt; Habilitationen können neuerdings auch durch derartige Publikationen erbracht werden. Es muß nicht mehr unbedingt wie früher ein dickes Buch geschrieben werden; regelmäßige Publikation in Fachforen reichen auch aus !
Eine wertvolle Neuerung

Auch bei Juristen gibt es solche Fachforen. Naturgemäß wird zumeist auf Deutsch publiziert. Aber wenn es um Internationales Privatrecht (internationale Verträge zwischen Großunternehmen) und um die Kommentare und Entscheidungen der Chambre Internationale de Paris geht, auch auf Französisch - immer häufiger auch auf Englisch. International renommierte Anwälte oder solche die es werden wollen, publizieren in Fachforen - und zwar selbstverständlich mit ihrem Klarnamen:
"Rechtsanwalt Karl Richter; Spezialist für internationale Joint Ventures, München"
Dort tritt Herr Rechtsanwalt Karl Richter regelmäßig auf, schildert komplexe Rechtsstreitigkeiten, kommentiert diese ausführlich und empfiehlt sich als Rechtsberater und Vertragsjurist.
Der Vertragsjurist der Lokomotiv AG in Passau [alle Namen frei erfunden] hat den Auftrag ein Joint Venture mit einer polnischen Kugellagerfabrik zu gründen und sieht in dieses wissenschaftliche Netz, liest tagelang mehrere Artikel bis er auf den betreffenden Artikel des Rechtsanwalts Karl Richter trifft, antwortet, diskutiert mit ihm und sieht daß ihm dieser Rechtsanwalt Karl Richter mit seiner Erfahrung sehr hilfreich sein kann, gibt ihm schließlich einen gut bezahlten Auftrag, einen maßgeschneiderten Joint Venture Vertrag für die Lokomotiv AG zu entwerfen  

Anmerkung:
Laien haben zu wissenschaftlichen Netzen keinen Zugriff. Sie können nicht einmal lesen dort.
Das sind weltweit tätige, aber geschlossene Kreise


2.) Internetforen mit Pseudonymen
Solche Foren dienen dem Zeitvertreib, der unverbindlichen Plauderei, der Mitteilung von Erfahrungen "ohne Gewähr", der Diskussion
Beispielsweise folgende Themen: Segeln, Angeln, Kochen, Erziehungstips, Motorrad auffrisieren, Auto tunen, neue Frisuren, sexuelle Fragen, religiöse Themen, Kritik an diversen Religionsgemeinschaften, Kommentare zu politischen Vorgängen, Kritik an diversen Ideen von Brüssel, Diskussion von Vorgängen im Vatikan, . . .  

Manche Themen sind harmlos (Erfahrungen mit dem neuen GPS beim Segeln zwischen Marokko und Madeira, Wie mischt man am besten Sauerteig mit Hefeteig zum Brotbacken, Wie kann man Zündkerzen des Motorrads am Gasherd ausglühen), andere Themen sind schon etwas sensibel (Fragen der Erziehung, Sexuelle Fragen). Hier schreibt der Teilnehmer nur im Schutze der Anonymität (Pseudonym "Sonnenblume")
Niemand wird um Rat mit schwierigen Jugendlichen fragen und den echten Familiennamen angeben, denn niemand wäscht seine Wäsche öffentlich
Niemand wird um Rat bei Potenzproblemen unter Angabe seines echten Familiennamens fragen

Und dann gibt es Internetforen, wo es um religiöse Ansichten geht. Hier kann man nur schreiben, wenn das anonym geschieht. Kein Mensch ist bereit, seine innersten Gedanken in die Öffentlichkeit zu stellen (Märtyrer und Prediger ausgenommen; wobei ich mir bei Predigern gar nicht so sicher bin, daß sie wirklich ihre innersten Gedanken schreiben).

Nun gibt es Tendenzen, die Anonymität der Internetforen durch Gesetz zu verbieten  
Dafür sprechen gute Gründe: immer wieder verbreiten einzelne Teilnehmer im Schutze der Anonymität (Pseudonym) Gedanken, die in Richtung Volksverhetzung gehen.
Wenn der strafbare Tatbestand der Volksverhetzung eindeutig gegeben ist, dann forscht der Staatsanwalt den Teilnehmer anhand dessen IP-Adresse aus. Aber in vielen Fällen ist eben der strafbare Tatbestand der Volksverhetzung nicht eindeutig gegeben und hier ist der Staatsanwalt machtlos. Herr Wolfgang Schäuble will nun die Anonymität der Internetforen abschaffen. Herr Wolfgang Schäuble ist der dienstälteste Abgeordnete. Schäuble hat gute Ideen und schlechte Ideen, er ist nicht ganz unumstritten

Seine Idee ist auf den ersten Blick gut "Wer seine Meinung äußert, sollte auch dazu stehen können", birgt aber auch Gefahren

Ich möchte das anhand eines plastischen Beispiels aufzeigen:
Herr X ist Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bayreuth, Theologische Fakultät
Er schreibt an einer Habilitation für seine Professur
Nun hat er ein erfrischendes Internetforum gefunden, ein Religionsforum
Dort liest er allerlei spannende Beiträge - darunter auch immer wieder einzelne hochwertige Beiträge
Er liest mit und sieht die Reaktionen der anderen Teilnehmer auf diese Beiträge - er findet so ein Diskussionsforum sehr interessant - da kann er als zukünftiger Theologe gleich die ehrlichen Reaktionen der Menschen auf seine Ideen kennenlernen. Jeder schreibt ehrlich, da anonym. Eine spannende Sache, wo er viel lernen kann. Alle sind anonym - Herr X auch - und so nimmt sich keiner ein Blatt vor den Mund. Herr X schreibt dabei Sachen, die er in der Universität niemals laut sagen würde. Er öffnet sein Herz (auch Wissenschaftler haben ein Herz) und stellt seine Gedanken vor.

Wenn nun die Anonymität abgeschafft wird (Nennung des echten Nachnamens an die Leitung des Forums und Kontrolle) dann muß er sofort aufhören !
Denn er weiß ja nicht wer die Moderatoren sind! Vielleicht ist einer der Moderatoren sein Konkurrent um die Professur! Der Teufel schläft nicht.

Er hat gar keine andere Wahl. Er muß ausscheiden. Jedes Weitermachen wäre ein sträflich unvorsichtiges Spiel mit dem Feuer

Somit denke ich, daß so mancher wertvolle Teilnehmer aus den Religionsforen ausscheiden wird, wenn sich Herr Schäuble mit seiner Idee durchsetzen sollte. Die in Aussicht gestellten Übergangsfristen sind nämlich keine Hilfe, sie verschieben das Problem nur um ein Jahr

Zwar würde das vielen, die nur zum Zeitvertreib in den Religionsforen herumblödeln, nichts ausmachen
Aber Leute die einen Namen und einen Ruf haben, könnten nicht mehr weitermachen

Ich glaube nicht, daß in den Religionsforen nur lauter namenlose Dilettanten unterwegs sind, geschätzte 10 % dürften meiner Einschätzung nach echte Historiker, Theologen, Kultursoziologen sein
Und das sind gerade die Leute mit den interessantesten Beiträgen !

Ich stelle das Vorhaben von Herrn Schäuble in Frage und hiermit zur Diskussion


Pressestimmen:

Google:
Wolfgang Schäuble will Klarnamen-Pflicht im Internet - Spiegel Online
spiegel.de/.../wolfgang-schaeuble-will-klarnamen-pflicht-im-internet-a-126...
vor 6 Tagen

"Digitales Vermummungsverbot
Schäuble drängt auf Klarnamen im Netz
"Wer seine Meinung äußert, sollte auch dazu stehen können", sagte Bundestagspräsident Schäuble dem SPIEGEL. Er befürwortet eine Klarnamenpflicht im Internet. Frühere Versuche fielen jedoch durchwachsen aus.

Wenn die Kommentarspalten des Netzes mal wieder von Hass und Hetze überschwemmt werden, verstecken sich die Absender häufig . . .
Seitenbetreibern in Österreich droht Millionenstrafe"

Die Pläne im Nachbarland sehen vor, dass sich Nutzer von Internetforen mit ihren Namen sowie Adressdaten identifizieren und registrieren müssen. Dies wird voraussichtlich 2020 eingeführt werden

---

Es war von Österreich die Rede, wo solche Pläne offenbar schon weiter fortgeschritten sind. In Österreich wird das zurecht kritisch gesehen, Begriffe wie "Zensurgesetz" sind zu hören:

In der österreichischen Qualitätszeitung "DIE PRESSE" steht der schlimme Begriff "Zensurgesetz" in der Überschrift!

Google:
Digitales Vermummungsverbot ein "Zensurgesetz" « DiePresse.com
diepresse.com/home/.../Digitales-Vermummungsverbot-ein-Zensurgesetz
10.04.2019 - Digitales Vermummungsverbot ein "Zensurgesetz" .... Auf Twitter nimmt Sigrid Maurer zu dem geplanten Gesetz Stellung. Die 33-Jährige war ...

"Digitales Vermummungsverbot ein "Zensurgesetz"
"Die rechtsstaatlichen Prinzipien müssen auch im digitalen Raum gelten", erklärt Gernot Blümel im Anschluss des Ministerrats. Das in die Begutachtung geschickte Gesetz stößt aber auf Kritik. Sigi Maurer sieht sich und ihren Fall für ein „Zensurgesetz missbraucht"."

Sigrid oder Sigi Maurer ist eine österreichische Bürgerrechtlerin von den Grünen
"Im November 2012 gab Sigrid Maurer bekannt, für Die Grünen bei der Nationalratswahl 2013 kandidieren zu wollen. Beim grünen Bundeskongress wurde sie auf den sechsten Platz der Bundesliste gewählt. Von Oktober 2013 bis November 2017 war sie Abgeordnete zum Nationalrat." Sigrid Maurer - Wikipedia

Anm.: DIE PRESSE wurde 1848 gegründet und vertritt gemäß ihrer Blattlinie eine „bürgerlich-liberale Auffassung“ (Die Presse - Wikipedia)
Seit ihrer Gründung ist diese bürgerlich-liberale Zeitung ein Gegner jeder Zensur, und sie ist hellhörig wenn es Vorhaben gibt, die harmlos daherkommen aber in der Folge zu einer Einschränkung der freien Meinung führen können
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