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Ist unsere Gesellschaft "christophob"?
#1
Der Bischof der Kirchen von Mecklenburg Vorpommern sagte kürzlich in einem Referat: "Deutschland und Europa insgesamt scheinen von „Christophobie“ geprägt, ganz anders als andere Weltgegenden. Eine Phobie ist eine krankhafte Angst, eine psychische Störung vor einer bestimmten Situation, einem bestimmten Zustand. Christophobie verhindert, dass Europa sich seiner Wurzeln besinnt. Das Thema gefällt nicht."
Wir hören ja, von der Gesellschaft her, oft genug, wie islamophob wir wären und es wird jedem, der den Islam kritisiert, schnell "Islamophobie" oder gar Rassismus vorgeworfen.
Ist Europa und vor allem unser Vaterland eventuell von einer weitaus schlimmeren Psychose befallen?
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#2
Ich erlebe das so nicht. Zusätzlich gibt es einen Unterschied, sich der christlichen Wurzeln zu erinnern und der Abkehr von biblischen Aussagen. Letzteres ist wahrscheinlich auf das Missverstehen von Religion zurück zu führen. Auch wenn es so scheint, aber religiöse, namentlich Heilige, Texte beschäftigen sich nie mit der Realität, sondern mit Forderungen an unsere Art gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und diese tauchen in anderen Zusammenhänge immer wieder auf (Rechtswesen, Psychologie, gesellschaftliche Idealvorstellungen) - ganz ohne Gott und anderes mythologisches Brimborium.
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
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#3
Nun, ich denke nicht, dass der Bischof von Mecklenburg-Vorpommern ein Spezialist in Psychiatrie ist, weshalb ich auf seine medizinische Diagnose nichts gebe. Es gefaellt ihm nicht, dass sich mehr und mehr Menschen vom Christentum abwenden, und er sucht halt die Schuld bei den Anderen.

Die Ablehnung, gerade der RKK, hat doch zum Teil handfeste Gruende. Die Kirche selbst zelebriert ein antikes bis mittelalterliches Gesellschaftsbild mit strikter, unveraenderlicher Autoritaet von oben nach unten, waehrend unsere Gesellschaften mittlerweile das Ideal der Demokratie und auch zunehmend der Selbstbestimmung des Lebenswegs als ihre Grundlage gewaehlt haben. Auch behandelt die RKK die Frauen immer noch als Menschen zweiter Klasse, waehrend unsere gesetzlichen Grundlagen fuer die Gesellschaft als Ganzes etwas anderes vorschreiben. Das sind jetzt ganz handfeste Reibungspunkte, die nichts mit gefuehlsmaessigen Problemen zu tun haben. Die Protestanten betrifft das natuerlich nur teilweise.

Psychologisch wird es dann, wenn wir auf den zentralen Mythos des Christentums schauen, und mehr und mehr Menschen tun das halt. Da ist z.B. die Frage, warum Gott jetzt unbedingt seinen Sohn opfern (umbringen lassen) musste, um eine neue Gesellschaft, eine neue Kirche zu gruenden? Das ist zwar eine typische Kernidee des kanaanaeischen Glaubens, wo die Opferung des Erstgeborenen lange Zeit ueblich war und auch beim Bau eines neuen Hauses ein geopfertes Kind unter den Eckpfeiler gehoerte, aber wieso muss das Haus Kirche genau so ein Fundament haben? Ist es Phobie, wenn man mit dem Bild nichts mehr anfangen kann? Aehnlich verhaelt es sich mit dem zentralen Ritus der christlichen Messe, wo das Essen des Fleisches und das Trinken des Blutes eines Menschen als Mittel zum Aufbau eines innerlichen Kontakts zelebriert wird, und so ein Bild kommt heute halt auch nicht mehr so gut.

Unser Hirn arbeitet halt mit Bildern, und wenn die bildliche Vorstellungswelt des Glaubens mit unseren ethischen Grundsaetzen auf einen solchen Kollisionskurs geht, sobald man darueber mal einen Moment nachdenkt, so ist es doch verstaendlich, wenn es da zur Reibung kommt.
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#4
Ich bezweifle, das jene Leute, die von Islamophobie faseln, und das ist für mich der Zusammenhang, Psychologen oder Psychiater sind. Dennoch versuchen sie denen, die Kritik am Islam üben, genau das vorzuwerfen und sie damit in die "Schmuddelecke" der Gesellschaft zu stellen.
Der Bischof von McPom ist Lutheraner, von daher zieht das Katholikenbashing nicht sonderlich. 
Das Menschen in unserer Gesellschaft mit manchen Bildern und Worten der Kirche nichts anfangen können, mag sein. Aber ich erlebe durchaus unverhohlenen Hass gegenüber dem, was Christsein und Kirche ist. Vor allem aber genau das, was uns Islamversteher oft vorwerfen, nämlich das Kirche nicht unbedingt Römisch - katholisch ist und Christsein nicht an Rom gebunden ist.
All diejenigen, die meinen, sich darin gefallen zu müssen, Christen, ihre Ansichten und das, was die Grundlage dafür ist, nämlich die Bibel, verächtlich zu machen, als hinterwäldlerisch und unwissenschaftlich abzutun und Christen zu verspotten, haben nur das Glück, das Jesus eben nicht gesagt hat, das man die Ungläubigen mit dem Schwert ins Genick hauen soll, sondern zur Feindesliebe aufrief.
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#5
(12-08-2019, 13:12)Herodotus schrieb: Ich bezweifle, das jene Leute, die von Islamophobie faseln, und das ist für mich der Zusammenhang, Psychologen oder Psychiater sind. Dennoch versuchen sie denen, die Kritik am Islam üben, genau das vorzuwerfen und sie damit in die "Schmuddelecke" der Gesellschaft zu stellen.

Das bezweifele ich auch, aber ich habe diese Position auch nirgendwo vertreten.

(12-08-2019, 13:12)Herodotus schrieb: Der Bischof von McPom ist Lutheraner, von daher zieht das Katholikenbashing nicht sonderlich.

Nun, dass das Protestanten nur zum Teil betrifft, habe ich erwaehnt. Warum Du jetzt "Katholikenbashing" aus dem Hut zauberst, ist mir auch nicht ganz klar. Gab es dort irgendeine nichtzutreffende Aussage von mir, die nur zum Heruntermachen geaeussert wurde? Dass Du solche Kampfbegriffe verwendest, macht die vom mir gemachten Aussagen jetzt nicht falsch.

(12-08-2019, 13:12)Herodotus schrieb:  
Das Menschen in unserer Gesellschaft mit manchen Bildern und Worten der Kirche nichts anfangen können, mag sein. Aber ich erlebe durchaus unverhohlenen Hass gegenüber dem, was Christsein und Kirche ist. Vor allem aber genau das, was uns Islamversteher oft vorwerfen, nämlich das Kirche nicht unbedingt Römisch - katholisch ist und Christsein nicht an Rom gebunden ist.

Keine Bange. Dir ist natuerlich klar, dass Du genau so polemisch argumentierst, wie Du das der Gegenseite vorwirfst, hoffe ich mal. Dass Du hier bewusst meine Relativierung, dass das Gesagte fuer Protestanten natuerlich nur zum Teil gilt, ignorierst, nehme ich jetzt mal als Zeichen eines bewussten Konfrontationskurses Deinerseits mir gegenueber. Dem Diskussionspartner eine etwas breitere Position zuzugestehen, ist bei Dir anscheinend nicht drin.

"Islamversteher" ist natuerlich reine Polemik. Die merkwuerdigen Allianzen aus Kaempfern fuer Gleichberechtigung und Demokratie mit Vertretern des konservativen Islam habe ich dabei uebrigens auch nie verstanden. Ich verstehe zwar, dass man darauf hinweisen muss, dass alle Menschen prinzipiell Teil der Gesellschaft sind, aber von manchen Vertretern der Linken (im generellen Sinne) werden da oft beide Augen zugedrueckt. Das ist aber jetzt hier wirklich nicht mehr das Thema. Der Bischof will da halt Sympathiepunkte machen, indem er diesen Vergleich macht.

(12-08-2019, 13:12)Herodotus schrieb: All diejenigen, die meinen, sich darin gefallen zu müssen, Christen, ihre Ansichten und das, was die Grundlage dafür ist, nämlich die Bibel, verächtlich zu machen, als hinterwäldlerisch und unwissenschaftlich abzutun und Christen zu verspotten, haben nur das Glück, das Jesus eben nicht gesagt hat, das man die Ungläubigen mit dem Schwert ins Genick hauen soll, sondern zur Feindesliebe aufrief.

Nun, das hat die Kirche sicherlich nicht abgehalten, das ueber ein Jahrtausend lang trotzdem zu tun. Und ja, ich schaetze mich gluecklich, dass ich heute lebe, wo die Kirche halt nicht mehr das Sagen ueber mein Leben hat. Da koennen wir doch alle ein herzliches "Gottseidank!" herauslassen.

Spass beiseite, ich denke, Du mischst da ganz unterschiedliche Probleme in einen Topf, die man eigentlich separat betrachten muesste. Was ist denn an der Aussage falsch, die Bibel sei unwissenschaftlich? Sie ist es doch. Allerdings kommt dies doch sowieso nur auf, weil irgendwelche konservativen Glauebigen da die noch so antiquiertesten Aussagen in der Bibel zu wissenschaftlichem Rang erhoehen wollen. Das Problem liegt bei solchen Leuten, und nur sie haben den Schluessel, das zu loesen. Ich habe immer wieder erwaehnt, dass die meisten Christen gar kein Problem mit dieser Frage haben, da sie sich halt nicht immer bei den Kategorien vergreifen.

Falls das jetzt auf irgendwelche Parallel-Threads anspielt: man muss nur schauen, welche Art von Christen sich da aufreiben. "Normale" Christen interessiert das doch gar nicht, weil sie solche Probleme nicht haben.

Vielleicht sollten wir mal zum Beginn des Threads zurueckkehren. Der Herr ist aus Mecklenburg-Vorpommern, und das ist halt kein christliches Land mehr. Lutheraner und Katholiken zusammen machen etwa 20% der Bevoelkerung aus. Dass er sich da ausgegrenzt fuehlen mag, kann ich nachvollziehen. Inwieweit die Leute in Mecklenburg-Vorpommern "christophob" sind, vermag ich nicht zu beurteilen, da hier noch kein Argument von Substanz vorgebracht wurde.
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#6
Herodotus schrieb:All diejenigen, die meinen, sich darin gefallen zu müssen, Christen, ihre Ansichten und das, was die Grundlage dafür ist, nämlich die Bibel, verächtlich zu machen, als hinterwäldlerisch und unwissenschaftlich abzutun und Christen zu verspotten,…

Sind wir doch froh, in einer Zeit (und in einem Land) zu leben, in der Kritik an der Religion möglich ist.

Wer sich die Welt von heiligen Texten erklären lässt, sollte versuchen, nicht beleidigt sein, wenn ihm andere dabei nicht folgen wollen. Das gilt umso mehr für jene, die den Drang verspüren, auf der Grundlage biblischer (oder koranischer) Aussagen wissenschaftlich argumentieren zu müssen.

Und dem wird man doch mit Ironie entgegentreten dürfen?

Herodotus schrieb:… haben nur das Glück, das Jesus eben nicht gesagt hat, das man die Ungläubigen mit dem Schwert ins Genick hauen soll, sondern zur Feindesliebe aufrief.

In Zeiten, in denen die Kirche noch das Sagen hatte, hat das wenig genützt.

Auch Christen haben ihre Rechtfertigung gefunden, wenn sie Bücher oder Menschen verbrennen wollten (zB in Mt 3,12.13,30 oder Joh 15,6).
MfG B.
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#7
Nun, Ihr Lieben, ich habe weder Ulan direkt angesprochen noch Bion. Es geht mir also nicht um eine Konfrontation mit euch beiden. Ich habe lediglich meine Gedanken in den Raum gestellt.
Also noch einmal und völlig nüchtern:
Es gibt, nicht nur in Mac Pom weniger eingetragene Christen, als noch vor zwanzig, dreißig Jahren. 20%? Möglich. Aber das ist so wenig das Problem, wie die Frage, ob sich ein Bischof "ausgegrenzt" fühlt. Letzteres wage ich zu bezweifeln. Bischöfe (jedenfalls, jene, die ich kenne) sind nicht aus solch einem Holz geschnitzt.
Natürlich ist die Bibel kein wissenschaftliches Lehrbuch. Als solches betrachten es wirklich nur Menschen, die, auf ihre Art, nicht weniger fundamentalistisch sind, als bin Laden.
Doch sind es eben jene, mit denen andere Christen manchmal über einen Kamm geschoren werden. 
Was oft folgt, ist Spott, wie ich ihn, in unseligen DDR Zeiten kennen gelernt habe: "Die ruhmreiche Sowjetunion hat einen Menschen in den Himmel geschossen. Der hat Gott dort nicht getroffen." 
Ich würde nie auf die Idee kommen, den Koran oder einen Moslem so plump anzugehen und das nicht nur wegen bewusster Schwert Sure.
Ich kenne kaum Christen, die sich die Welt durch ein "Heiliges Buch" erklären lassen. 
Sie finden darin Gedanken, die ihnen im Alltag helfen, Kraft geben.
Ich lese jeden Morgen die Herrnhuter Losung und überlege, ob das ein Wort ist, das relevant sein kann. Menschen, die Gottvertrauen leben, tun so was hin und wieder. Aber das erklärt mir nicht die Welt. Dafür gibt es die Wissenschaften.
Was die Kirche früher tat, ist früher geschehen. Hier und heute ist sie eher links und grün. Vielleicht ist das sogar mit ein Grund, weshalb sie von manchen Menschen verlassen wird. 
Natürlich ist "Islamversteher" polemisch, denn ich kenne so gut, wie niemanden von denen, die gern so freundlich und willkommnend gegenüber dem Islam sind, der auch nur einen Hauch Verständnis in dieser Hinsicht hat. Ich beschäftige mich seit mehr als vierzig Jahren, zur Linken, mit ihm und würde lügen, wenn ich sagte, ich verstehe ihn. Aber den christlichen Glauben verstehe ich oft genug auch nicht.
Ich versuche ihn, ein wenig zu leben. Dazu gehört auch, nach Frieden, im Miteinander, zu suchen.
Sollte sich also jemand von Euch, an meinen Worten geärgert haben, so tut es mir leid.
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#8
Sowas wie eine Christophobie gibt es eher z.B. in muslimischen Gesellschaften.
Ich habe es in Bosnien bei einigen Leuten mitbekommen. Da musste ich Behauptungen hören, wie dass 'die Christen' den Völkermord an den Muslimen wollen, siehe Srebrenica usw., dazu Irakkrieg, westliche (also christliche) Bomben auf Zivilisten im nahen Osten, etc.
Ja, da wurden auch mythologische Geschichten zur Begründung verwurstelt z.B. zum heiligen Zar Lazar, der (laut den Christophoben) die serbisch-orthodoxen Christen dazu verpflichtet, die Muslime vom Balkan zu vertreiben.
Also schon ungefähr in der Art, wie die Islamophoben hierzulande Angst vor Muslimen schüren.

Es war schwierig, mit diesen Leuten zu diskutieren. Meine Argumente gegen die Christophobie wurden von denen als naiv und gutmenschlich bezeichnet.
Zum Glück waren da auch immer Leute, die meine Meinung teilten.
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#9
Ja, es ist schon manchmal erschreckend, wie naiv die Argumentation ist. So wenig, wie ich an eine Islamophobie glauben mag, so wenig mag ich an eine Christophobie glauben. 
Natürlich gibt es Menschen, die Ängste schüren. Sie werden wohl ihre Gründe haben und diese Gründe dürften nicht sonderlich positiv sein. Manchen Leuten gefällt es, die Gesellschaft zu spalten und es sind beileibe nicht nur jene, die man, landläufig, rechts nennt.
Bomben, die fallen sind weder christlich, noch sonst etwas. Die westliche Welt "christlich" zu nennen ist, wenn man es recht bedenkt, auch etwas aberwitzig. Ob sie es je war? ...
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#10
Ich denke nicht, dass Christophobie ein relevantes Problem bei uns darstellt. Denn weshalb sollten wir Angst vor dem Christentum haben? In D verlieren die Kirchen eher an Mitgliedern, ihre Machtposition wird tendenziell schwächer.
Der Vergleich mit der Islamophobie hinkt daher auch, da letzteres ja mit der Zunahme von Muslimen, Moscheen, Sonderregelungen etc. im öffentlichen Bild begründet wird.

In einem Punkt gebe ich Herodotus teilweise recht. Es ist heute fast schon normal, sich kritisch bis abwertend über das Christentum zu äußern. Welcher Komiker/Kabarettist hat nicht dergleichen in seinem Programm? Es weckt den Anschein von Provokation. Dabei ist das alles nicht neu. Wichtig war es, mittlerweile ist es aber gesellschaftlich weit verbreitet und in Teilen der Bevölkerung auch die Norm, Kirche und christlichen Glauben nicht ernst zu nehmen. Natürlich gibt es aber nach wie vor berechtigte und wichtige Kritik an der Kirche und deren Macht.
Beim Islam hingegen gibt es da durchaus noch Berührungsängste. Unvorstellbar etwa, einen Film wie "das Leben des Brian" über Mohammed zu produzieren.

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#11
(12-08-2019, 08:32)Herodotus schrieb: Christophobie verhindert, dass Europa sich seiner Wurzeln besinnt.

Das Christentum ist doch lediglich eine von mehreren Wurzeln. Man könnte sich auch darüber beschweren, dass sich auf unsere germanischen Wurzeln oder die griechisch-römischen Wurzeln nicht ausreichend besonnen wird. Und die stärkste Wurzel unseres modernen Menschen- und Gesellschaftsbildes dürfte immer noch die Aufklärung sein.
Auch wenn Christen ganz gerne mal ihre Religion als die Quelle von allem positivem und humanen darstellen, ist das keineswegs der Fall.

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#12
Ich habe den Bischof von Mac Pom zitiert. Er sprach von dieser "Christophobie" in einem Vortrag. 
Was fürchten Menschen? Doch zumeist das, was sie nicht kennen. Oder das, von dem sie nur andeutungsweise gehört haben.
So, wie es ja ganz gewiss für den Islam zutrifft.
Ich finde es interessant, das immer noch von der Kirche und ihrer Macht geredet wird.
Kirche hat keine Macht, wie sie von Parteien ausgeübt wird. Sie hat auch keine Macht, wie sie große Konzerne haben.
Ihre Macht beschränkt sich auf Worte. 
Freilich hat die evangelische Kirche, der ich angehöre, immer noch mehr Mitglieder, als unsere sogenannten Volksparteien. Das könnte, richtig mobilisiert, schon eine Machtbasis schaffen. Es wird nicht möglich sein, weil niemand da ist, der ein Interesse daran hat und außerdem mehr, als nur guter Wille dazu gehört. Wer jemals eine Fraktion einer Partei zusammenhalten wollte, weiß, was ich meine.
Aber da immer wieder, im Blick auf die Kirchen, von Macht usw. geredet wird, bis dahin, das man ihnen unheimliche finanzielle Mittel andichtet, scheint es doch so etwas, wie Angst zu geben.
Was nun die Wurzeln unserer europäischen Gesellschaft anbelangt, so haben wir derer drei. Da ist das Verständnis von Demokratie, also der Herrschaft des Volkes, das wir von den Griechen haben. Zusammen mit dem Nachdenken über die Möglichkeiten der Staatsführung, wie sie uns Plato in seiner Politeia und auch Aristoteles, darlegen, ergibt das schon ein gutes Fundament. Darauf sitzt dann das römische System der Republik und vor allem das römische Recht. Das kodifizierte römische Recht war lange Zeit das, was noch lange, als das römische Reich untergegangen war, Bestand hatte. Bis es z.B. in den Sachsenspiegel mit eingeflossen ist. Die dritte Wurzel ist jüdisch christlich. Die Zentralisierung des Glaubens, aber auch Nächstenliebe, haben ihre Spuren hinterlassen. Die Aufklärung ist, ohne diese anderen Wurzeln nicht denkbar und nicht zuletzt eine Folge der Reformation. Diese wiederum war geprägt durch den Ansatz einer Rückbesinnung auf das antike Menschenbild.
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#13
Die evangelische Kirche mag nicht sehr betucht sein, aber einige Bistuemer der RKK sind sehr reich, so dass dort durchaus auch eine gewisse Wirtschaftskraft vorhanden ist (das Erzbistum Koeln kommt auf ueber 3,3 Milliarden Euro, groesstenteils in Finanzanlagen). Der eigentliche Einfluss liegt aber woanders. Wo ich herkomme, sind die meisten Krankenhaeuser, Kindergaerten und Grundschulen konfessionell betrieben, obwohl das im Schulbereich zumindest ruecklaeufig ist. Die Kirchen sitzen auch in den oeffentlich-rechtlichen Medienanstalten. Ist das Macht? Vielleicht nicht direkt, aber Einfluss ist zumindest immer noch ein grosser da.

Hier in Oesterreich, wo ich derzeit wohne, ist die Kirche aber wohl sicherlich noch einflussreicher, was das direkte Erreichen der Menschen angeht.
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#14
(13-08-2019, 19:40)Herodotus schrieb: Ich habe den Bischof von Mac Pom zitiert. Er sprach von dieser "Christophobie" in einem Vortrag.
Sorry, habe ich falsch zitiert.
 
(13-08-2019, 19:40)Herodotus schrieb: Ich finde es interessant, das immer noch von der Kirche und ihrer Macht geredet wird.
Kirche hat keine Macht, wie sie von Parteien ausgeübt wird. Sie hat auch keine Macht, wie sie große Konzerne haben.
Ihre Macht beschränkt sich auf Worte. 
Freilich hat die evangelische Kirche, der ich angehöre, immer noch mehr Mitglieder, als unsere sogenannten Volksparteien. Das könnte, richtig mobilisiert, schon eine Machtbasis schaffen. Es wird nicht möglich sein, weil niemand da ist, der ein Interesse daran hat und außerdem mehr, als nur guter Wille dazu gehört. Wer jemals eine Fraktion einer Partei zusammenhalten wollte, weiß, was ich meine.
Aber da immer wieder, im Blick auf die Kirchen, von Macht usw. geredet wird, bis dahin, das man ihnen unheimliche finanzielle Mittel andichtet, scheint es doch so etwas, wie Angst zu geben.

Ulan hat ja bereits auf die gesellschaftliche Macht hingewisen, welche sich aus der unzureichenden Trennung von Sttat und Kirche ergibt.
Aber davon mal abgesehen: Religionen haben auch über ihre Geschichten (etwa von Himmel und Hölle) Macht über Menschen. Auch wenn diese in unserer Gesellschaft glücklicherweise abnimmt, gibt es das natürlich noch.

(13-08-2019, 19:40)Herodotus schrieb: Was nun die Wurzeln unserer europäischen Gesellschaft anbelangt, so haben wir derer drei. Da ist das Verständnis von Demokratie, also der Herrschaft des Volkes, das wir von den Griechen haben. Zusammen mit dem Nachdenken über die Möglichkeiten der Staatsführung, wie sie uns Plato in seiner Politeia und auch Aristoteles, darlegen, ergibt das schon ein gutes Fundament. Darauf sitzt dann das römische System der Republik und vor allem das römische Recht. Das kodifizierte römische Recht war lange Zeit das, was noch lange, als das römische Reich untergegangen war, Bestand hatte. Bis es z.B. in den Sachsenspiegel mit eingeflossen ist. Die dritte Wurzel ist jüdisch christlich. Die Zentralisierung des Glaubens, aber auch Nächstenliebe, haben ihre Spuren hinterlassen. Die Aufklärung ist, ohne diese anderen Wurzeln nicht denkbar und nicht zuletzt eine Folge der Reformation. Diese wiederum war geprägt durch den Ansatz einer Rückbesinnung auf das antike Menschenbild.

Warum wird eigentlich immer von "jüdisch-christlich" gesprochen? Kann die jüdische Religion tatsächlich als Wurzel unserer europäischen Gesellschaft betrachtete werden? War der Einfluss des Judentums so groß?
Beim Christentum gehe ich ja noch ein Stück weit mit (wenn auch nicht in dem Maße wie es gerne von Politikern und Kirchen behauptet wird), aber beim Judentum fehlt mir der größere gesellschaftliche Einfluss. Lasse mich da aber gerne eines besseren belehren.

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#15
Gewiss hat Ulan nicht Unrecht. Die Kirche hat durchaus einen gewissen gesellschaftlichen Einfluss. Manchmal wird er ihr aber auch nur zugeschrieben. Finanziell? Ich weiß nicht, wie es der katholischen Kirche geht. Die evangelischen Kirchen sind nicht reich. Sie sind aber auch nicht Teil einer Weltkirche.
Welche Macht sollen Geschichten von Himmel und Hölle haben? Das dürfte doch wohl ein Märchen sein. Oder höchstens etwas für Naivlinge.
Kirche und Staat sind in Deutschland getrennt. Allerdings nicht so, wie z.B. in Frankreich. Das hat aber auch geschichtliche Ursachen und es gibt halt Verträge, die, bis in die Verfassung hinein, die Beziehung zwischen Kirche und Staat regeln. Das hat sich durchaus bewährt. 
Icon_smile 
Jüdisch - christlich ist ein Problem? Warum? Das Christentum ist schließlich aus dem Judentum hervor gegangen. Jesus war Jude. Das Christentum wäre ohne das Judentum nicht zu verstehen. Heute wird das betont, auch, um einen Gegensatz zu den "Deutschen Christen" der NS Zeit zu setzen, die versucht haben, die Bibel zu entjudaisieren.
Über den Einfluss der jüdischen Gemeinde, die ja nun wirklich eine Minderheit in Deutschland darstellt, möchte ich nicht tiefsinnig werden. Aber wer sich hin und wieder das anhört, was der Zentralrat der Juden zu diesem oder jenem Problem verlauten lässt, weiß Bescheid.
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