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Gibt es grundsätzliche Erkenntnisgrenzen in der Physik?
#1
Grundsätzliche Erkenntnisgrenzen in der Physik scheint es natürlich zu geben - siehe Unschärfe, aber die interessantere Frage ist ob Modelle der Physik mit der Realität übereinstimmen können oder ob sie das jemals überhaupt getan haben. 

Drei Positionen zu dieser Auffassung gibt es:

- Den Realismus
- Den konvergenten Realismus
- Oder einen Antirealismus

Der Realismus ist die Auffassung, dass unsere physikalischen Modelle wahre Aussagen über die Natur bzw. Wirklichkeit treffen. Argumente hierfür wären etwa der Erfolg der Wissenschaften in allen Bereichen. Diese Auffassung wurde aber durch die Quantenmechanik bzw. durch die Relativitätstheorie unglaubwürdig gemacht, denn unsere Modelle mussten stark modifiziert werden, konnten also nicht wirklich endgültige Aussagen zur Natur sein. Ein paar einzelne Vertreter dieser Auffassung gibt es anscheinend bezüglich der Quantenmechanik noch, also Leute die meinen nach der Quantenmechanik kommt nichts mehr. 

Der konvergente Realismus besagt, dass unseren physikalischen Modelle approximativ wahr sind, sich also der Wahrheit stetig annähern. Auch hier spricht der Erfolg der Naturwissenschaft für diese These. Die Physik konvergiert also zu einer Wahrheit über die Natur. 

Der Antirealismus ist nun eine sehr pessimistische Sicht. Naturwissenschaften liefern keine Wahrheiten, sondern höchsten funktionierende Modelle von Naturphänomenen, welche aber niemals eine angemessene Darstellung der Natur liefern werden. Die Frage nach der Wahrheit ist laut Hawking auch falsch gestellt, also ein Kategorienfehler. Sind Primzahlen grün wäre ebenso eine falsch gestellte Frage. Physikalische Modelle sind also nur praktisch gesehen nützlich, aber haben nichts mit der Wahrheit zu tun. 

Die gängigen Argumente betreffen anscheinend nur der konvergenten Realismus und den Antirealismus, weil ein wirklicher Realismus sich als sehr unwahrscheinlich herausgestellt hat. 

Argumente für den konvergenten Realismus:
- kontinuierlicher Fortschritt
- Theorieverbesserungen lassen sich am besten durch Annäherung der Wahrheit erklären
- ältere Theorien werden weiter verwendet, also etwa klassische Mechanik, wenn man ihren Gültigkeitsbereich weit genug einschränkt
- erfolgreiche Triangulationsverfahren. Konstanten werden in unterschiedlichen Bereichen gemessen und bestätigt

Gegenargumente:
- Theorien verändern sich so stark, dass von einer Konvergenz keine Rede sein kann etwa zwischen Newton und Einstein
- falsche Theorien können empirisch auch sehr erfolgreich sein

Systematische Gegenargumente:
- Mit wenigen Gliedern kann nie auf eine Konvergenz schließen, mathematisch gesehen
- Vorstellung von Konvergenz ist schwer zu fassen, da kein Maß vorhanden, also gegen was konvergieren wir eigentlich? 
- Selbst wenn Konvergenz richtige wäre, könnten unsere Modelle gegen eine fundamental falsche Theorie konvergieren, welche trotzdem präzise empirische Vorhersagen macht

Für was haltet ihr die Physik bzw. die Naturwissenschaft?
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#2
Dunning - Kruger...
Ich glaube, viel Nebel macht die Sicht nicht besser.
Der Mensch erschuf sich Gott nach seinem "Bilde" und hat noch immer schwer daran zu schaffen. 
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#3
(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Gegenargumente:
- Theorien verändern sich so stark, dass von einer Konvergenz keine Rede sein kann etwa zwischen Newton und Einstein
- falsche Theorien können empirisch auch sehr erfolgreich sein

Systematische Gegenargumente:
- Mit wenigen Gliedern kann nie auf eine Konvergenz schließen, mathematisch gesehen
- Vorstellung von Konvergenz ist schwer zu fassen, da kein Maß vorhanden, also gegen was konvergieren wir eigentlich? 
- Selbst wenn Konvergenz richtige wäre, könnten unsere Modelle gegen eine fundamental falsche Theorie konvergieren, welche trotzdem präzise empirische Vorhersagen macht

Für was haltet ihr die Physik bzw. die Naturwissenschaft?

Diese Gegenargumente haengen an der mathematischen Definition von "Konvergenz", richtig? Dabei war der Ausgangspunkt die Idee, die Konvergenz an die "Wahrheit" - noch so ein Begriff, der alles und nichts bedeuten kann - anzunaehern.

Dass eine unserer bedeutendsten Theorien praezise empirische Vorhersagen macht und trotzdem fundamental irgendwo falsch ist, wissen wir doch. Nur, soll das nicht gerade dieser "Konvergenz"-Begriff beschreiben? Und warum ist der Schritt von Newton zu Einstein keine Konvergenz? Einstein hat eine Erkenntnis aus den Maxwell-Gleichungen, naemlich, dass Kausalitaet ene endliche Geschwindigkeit hat, auf Newton's Theorie der Gravitation angewandt und so eine praezisere Theorie der Gravitation erreicht. Hier sind also Elektromagnetismus und Gravitation zu einem etwas einheitlicherem Modell konvergiert. Jetzt warten wir allerdings schon ein halbes Jahrhundert auf den naechsten Schritt, um Quantenmechanik und Gravitation irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Ob das jetzt ein quantitatives Problem ist - also Dimensionen und Energien betrifft, die uns noch nicht zugaenglich sind, aber wahrscheinlich irgendwann zugaenglich sein werden - oder doch ein eher prinzipielleres Problem, kann Dir niemand sagen. Was ich darueber denke, hilft letztlich auch niemandem, da ich da auch nur raten kann.
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#4
Hei 'Holmes', da hast du aber "ein Fass aufgemacht"! Vielleicht bin ich als Naturwissenschaftler auch nicht der Richtige, hier Stellung zu beziehen. Im Forschungsbetrieb "machen" wir einfach, ohne uns die Frage einer persönlichen Kategorisierung (Realismus, konvergenter R. oder Anti-R.) zu stellen. Die Haltung meines leider verstorbenen Altersgenossen Stephen Hawking ist mir am sympathischsten: Die Frage nach der Wahrheit ist falsch gestellt. Siehe dazu auch die Ausführungen von Leonhard Susskind (Link1, Link2) und unsere dort geführten Diskussionen.
Wenn wir uns, wie schon zuvor dargetan, vom Begriff "Realität" lösen, verlieren nachstehend zitierte Sätze ihren bedeutungsschwangeren Sinn:
(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Grundsätzliche Erkenntnisgrenzen in der Physik scheint es natürlich zu geben - siehe Unschärfe, aber die interessantere Frage ist ob Modelle der Physik mit der Realität übereinstimmen können oder ob sie das jemals überhaupt getan haben.
Man muss sich angesichts teils widersprüchlich ausgehender Experimente von einer global für alle Beobachter geltenden "Realität" verabschieden.

Realität ist bestenfalls für die Einwohner von "Mittelerde" etwas Fundamentales, nicht aber, wenn man die Grenzen von "Mittelerde" überschreitet.
("Mittelerde" ist unsere Welt in den Grenzen von Sekunde bis Jahre, von Gramm bis Erdmasse, von Mikrometer bis Entfernung Sonne/Erde usw. Unser Gefühl für alles, was jenseits davon liegt, ist fehlerhaft bis grob falsch.)

Das ist auch kein "Antirealismus". Gegen was will sich der Antirealist durchsetzen, wenn die Realität nicht fassbar ist?

Das sind auch keine Grenzen der Physik, sondern Grenzen unseres Verstehens, gar unserer Existenz (als Wesen von Mittelerde). Die Physik kann diese Grenzen überschreiten, aber sie nimmt unser Denken im allgemeinen nicht mit.   

Richtig ist, dass Naturwissenschaften keine Wahrheiten liefert. Ihre Modelle sind Reproduktionsmaschinen für Messwerte, meist solcher, die bereits bekannt sind. Und sie sind an Gültigkeitsbereiche ihrer Parameterwerte gekoppelt, was allzu leicht vergessen wird. Ein Steinwurf gleicht einer Parabel nur im homogenen Schwerefeld und nur ohne Reibung und andere Kräfte. Selbst ein Laie kann sich ausmalen, dass ein natürlicher Steinwurf auf Erden von einer Parabelform deutlich abweicht.

Deshalb greift der Wunsch, dass physikalische Modelle eine angemessene Darstellung der Natur liefern sollen, viel zu weit. Nein, sie fassen Messwerttabellen zusammen im Rahmen gewisser Toleranzen.

(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Die Frage nach der Wahrheit ist laut Hawking auch falsch gestellt, also ein Kategorienfehler. Sind Primzahlen grün wäre ebenso eine falsch gestellte Frage. Physikalische Modelle sind also nur praktisch gesehen nützlich, aber haben nichts mit der Wahrheit zu tun.
Ganz genau! Deshalb ist auch die Erörterung des "konvergenten Realismus" nicht erforderlich. Es gibt keine Realität gegen die physikalische Modelle "konvergieren" könnten, von Wahrheit ganz zu schweigen.

(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Für was haltet ihr die Physik bzw. die Naturwissenschaft?
... für eine Methodenlehre (eine Strategie, ein Rezept), um Messwerte*) zu reproduzieren.

*) in einem erweiterten Sinn. Natürlich dienen Modelle auch dazu, z. B. Moleküle zusammen zu bauen, und chemische Reaktionen zu steuern. Aber letztlich bewirkt die Modellvorstellung nur die Reproduktion von Beobachtungen, auf die man manchmal auch zufällig kommt.

Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
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#5
(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Grundsätzliche Erkenntnisgrenzen in der Physik scheint es natürlich zu geben - siehe Unschärfe, aber die interessantere Frage ist ob Modelle der Physik mit der Realität übereinstimmen können oder ob sie das jemals überhaupt getan haben. 

Alleine schon unsere modernen Kommunikations- und Positionsbestimmungstechnologien würden überhaupt nicht funktionieren, wenn die Modelle der Physik nicht mit der Realität übereinstimmen würden.

Es gäbe keine Elektronenröhren, keine Transistoren, keine Mikroprozessoren mit inzwischen Milliarden Terraflops, keine hochauflösenden Rasterelektronenmikroskope, keine kontrollierte und auch keine unkontrollierte Kernspaltung...es gäbe keine Raumfahrt (Berechnungen welche es ermöglichen unbemannte Sonden zu Nachbarplaneten oder auch bis an den Rand unseres Sonnensystems zu schicken und dabei das Gravitationsfeld der Erde und anderer Planeten zum Erzielen der erforderlichen Geschwindigkeiten  zu nutzen (Swing-by) usw. usf..) wenn die Modelle der Physik nicht ziemlich exakt mit der Realität übereinstimmen würden.

Um mit einer Rakete ein sich bewegendes Ziel in Millionen Km Entfernung zu treffen, müssen die Modelle der Physik schon mindestens bis auf  Billionstel und Trilliardelstel hinter der Kommastelle mit der Realität übereinstimmen.

Inzwischen ist es sogar möglich dahinfliegende Himmelskörper mit weniger als 10 Km Durchmesser in über 150 Millionen Km Entfernung zu treffen.. Das wäre alles nicht mögliche, wenn die Physik mit der Realität nicht übereinstimmen würde.
Der Mensch erschuf sich Gott nach seinem "Bilde" und hat noch immer schwer daran zu schaffen. 
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#6
(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Der konvergente Realismus besagt, dass unseren physikalischen Modelle approximativ wahr sind, sich also der Wahrheit stetig annähern.

Wahrheit ist ein Konstrukt unserer Gehirne..und somit selbst ein mehr... oder sehr oft wie leider auch weniger... approximatives Modell der Wirklichkeit.

Ein Beispiel solcher Fehlkonsturktionen ist z.B. der Sternenhimmel. Dieses schöne Gesamtbild das  unser Gehirn aus vielen unterschiedlichen Zeitebenen  des Universums zusammensetzt, gibt es so gar nicht.
Der Mensch erschuf sich Gott nach seinem "Bilde" und hat noch immer schwer daran zu schaffen. 
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#7
Hmm, ad hoc scheint mir die Frage nicht dem tatsächlichen Problem angemessen gestellt. Grundsätzliche Erkenntnisgrenzen der Physik als solche kann es meiner Anischt nach nicht geben, wohl aber grundsätzliche Erkenntnisgrenzen des Menschen, respektive Erkenntnisgrenzen oder -horizonte die der Mensch nicht zu überschreiten vermag (Raum, Zeit, angenommener Urknall...) sowie die Physik die für dem Menschen durch seinen Erkenntnishorizont begrenzt sein mag, an sich aber darüber hinausgeht.
Das ist meine ganz persönliche Ansicht. 
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#8
Was der Erkenntnishorizont zukünftiger Generationen sein wird, kann man derzeit noch nicht sagen. Vielleicht gibt es noch unentdeckte Naturgesetze. Vielleicht werden  Erkenntnismodelle die derzeit gelten, eines Tages von völlig anderen Standpunkten aus betrachtet.

Auf dieses: "Kann es meiner Meinung nach nicht geben"....... war nie wirklich viel Verlass. Wer hätte sich vor noch nicht mal 10 Jahren überhaupt vorstellen können, was es inzwischen an neuen Erkenntnissen so alles gibt.
Der Mensch erschuf sich Gott nach seinem "Bilde" und hat noch immer schwer daran zu schaffen. 
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#9
(21-07-2020, 00:06)Geobacter schrieb:
(20-07-2020, 20:40)Holmes schrieb: Grundsätzliche Erkenntnisgrenzen in der Physik scheint es natürlich zu geben - siehe Unschärfe, aber die interessantere Frage ist ob Modelle der Physik mit der Realität übereinstimmen können oder ob sie das jemals überhaupt getan haben. 

Alleine schon unsere modernen Kommunikations- und Positionsbestimmungstechnologien würden überhaupt nicht funktionieren, wenn die Modelle der Physik nicht mit der Realität übereinstimmen würden.

Dagegen spricht eben das oben aufgeführte Gegenargument, dass fundamental "falsche" Theorien auch empirisch erfolgreich sein können. Aus dem Erfolg lässt sich schlecht auf eine Übereinstimmung schließen. Die Vorstellung der Gravitation von Newton etwa ist praktisch gesehen auch sehr nützlich, aber fundamental gesehen, eben falsch.

Ekkard schrieb:Deshalb greift der Wunsch, dass physikalische Modelle eine angemessene Darstellung der Natur liefern sollen, viel zu weit. Nein, sie fassen Messwerttabellen zusammen im Rahmen gewisser Toleranzen.

Sehe ich auch so. Um feststellen zu können ob unsere Modelle mit der Natur übereinstimmen müssten wir viel zu weit gehen bzw. irgendetwas fundamental richtiges besitzen, aber davon gibt es ja leider nichts.

Ulan schrieb:Und warum ist der Schritt von Newton zu Einstein keine Konvergenz?

Das Argument habe ich so verstanden, dass sich die Theorie von Newton zu Einstein so stark verändert hat, dass man nicht von Fortschritt sprechen kann, weil die Grenzübergänge nicht so eindeutig sind. Selbst wenn diese Grenzübergänge wirklich flüssig wären, also so dass man ART auf die KM reduzieren könnte, würde keine ontologische bzw. begriffliche Kontinuität festgestellt werden können, sondern nur eine numerische. Deshalb wäre eine numerische Kontinuität kein Argument für einen konvergenten Realismus, weil daraus eben keine ontologische bzw. begriffliche Kontinuität folgt und diese brauchen wir um für einen konvergenten Realismus zu argumentieren.
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#10
(21-07-2020, 10:13)Holmes schrieb: Aus dem Erfolg lässt sich schlecht auf eine Übereinstimmung schließen. Die Vorstellung der Gravitation von Newton etwa ist praktisch gesehen auch sehr nützlich, aber fundamental gesehen, eben falsch.

Fundamental gesehen, ist vor allem die Interpretation der Wirklichkeit über allein nur unsere Bauchgefühle komplett falsch, sondern auch noch wirklich "Scheiße". Der Apfel fällt nämlich auch ohne Newtons Axiome immer auf geradem Weg Richtung Mittelpunkt des Erdkerns.. und nicht nur deswegen, weil das für uns nützlicher ist. Newton beschreibt da etwas,  mit dem es heute möglich ist exakt zu berechnen, wie man mit einer kleinen Rakete von der Erde aus einen anderen Himmelskörper zu erreichen im Stande ist, welcher sich mit relativ hoher Geschwindigkeit um die Sonne bewegt und ohne in sie hinein zu fallen. Wenn Newton da einfach etwas Nützliches behauptet hätte, würden diese unsere Rakete  den Planeten nicht nur um tausende Kilometer verfehlen, sondern um Millionen. Und auch dieser Planet würde irgendwann enfach nur in die Sonne stürzen.



(21-07-2020, 10:13)Holmes schrieb: Das Argument habe ich so verstanden, dass sich die Theorie von Newton zu Einstein so stark verändert hat, dass man nicht von Fortschritt sprechen kann..
Einsteins Relativitätstheorien beweisen sogar überhaupt erst, dass die Newtonschen Axiome auch "fundamental" richtig sind.
Der Mensch erschuf sich Gott nach seinem "Bilde" und hat noch immer schwer daran zu schaffen. 
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#11
(21-07-2020, 10:58)Geobacter schrieb:
(21-07-2020, 10:13)Holmes schrieb: Aus dem Erfolg lässt sich schlecht auf eine Übereinstimmung schließen. Die Vorstellung der Gravitation von Newton etwa ist praktisch gesehen auch sehr nützlich, aber fundamental gesehen, eben falsch.

Fundamental gesehen, ist vor allem die Interpretation der Wirklichkeit über allein nur unsere Bauchgefühle komplett falsch, sondern auch noch wirklich "Scheiße". Der Apfel fällt nämlich auch ohne Newtons Axiome immer auf geradem Weg Richtung Mittelpunkt des Erdkerns.. und nicht nur deswegen, weil das für uns nützlicher ist. Newton beschreibt da etwas,  mit dem es heute möglich ist exakt zu berechnen, wie man mit einer kleinen Rakete von der Erde aus einen anderen Himmelskörper zu erreichen im Stande ist, welcher sich mit relativ hoher Geschwindigkeit um die Sonne bewegt und ohne in sie hinein zu fallen. Wenn Newton da einfach etwas Nützliches behauptet hätte, würden diese unsere Rakete  den Planeten nicht nur um tausende Kilometer verfehlen, sondern um Millionen. Und auch dieser Planet würde irgendwann enfach nur in die Sonne stürzen.

Das es Theorien gibt die fundamental falsch, aber trotzdem äußerst nützlich sind steht doch außer Frage, deswegen verstehe ich deinen Einwand nicht. Sich einen Donnergott vorzustellen kann auch ziemlich nützlich sein ist aber fundamental eben falsch.
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#12
(21-07-2020, 08:03)Geobacter schrieb: Was der Erkenntnishorizont zukünftiger Generationen sein wird, kann man derzeit noch nicht sagen. Vielleicht gibt es noch unentdeckte Naturgesetze. Vielleicht werden  Erkenntnismodelle die derzeit gelten, eines Tages von völlig anderen Standpunkten aus betrachtet.

Auf dieses: "Kann es meiner Meinung nach nicht geben"....... war nie wirklich viel Verlass. Wer hätte sich vor noch nicht mal 10 Jahren überhaupt vorstellen können, was es inzwischen an neuen Erkenntnissen so alles gibt.

Der Erkenntnishorizont, ich meine damit das was vom Menschen an sich erkannt werden kann und was nicht, wird in 10, 100 und in 1000 nicht anders sein als heute. Klar werden möglicherweise unentdeckte Naturgesetze offenbar werden, aber über sein raumzeitliches Kausalitätsdenken wird der Mensch nicht hinausgelangen.
Vielleicht war das Wort Erkenntnishorizont nicht gut gewählt. Damit meinte ich nicht den jeweilgen Erkenntnisstand der Naturwissenschaft.
Das ist meine ganz persönliche Ansicht. 
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#13
(21-07-2020, 10:13)Holmes schrieb: Das Argument habe ich so verstanden, dass sich die Theorie von Newton zu Einstein so stark verändert hat, dass man nicht von Fortschritt sprechen kann, weil die Grenzübergänge nicht so eindeutig sind. Selbst wenn diese Grenzübergänge wirklich flüssig wären, also so dass man ART auf die KM reduzieren könnte, würde keine ontologische bzw. begriffliche Kontinuität festgestellt werden können, sondern nur eine numerische. Deshalb wäre eine numerische Kontinuität kein Argument für einen konvergenten Realismus, weil daraus eben keine ontologische bzw. begriffliche Kontinuität folgt und diese brauchen wir um für einen konvergenten Realismus zu argumentieren.

Die Mathematik konvergiert. Die ist relevant, nicht die Worte, die man da dranhaengt. Newton wusste halt nichts von elektromagnetischen Feldern. Insofern erscheint mir dies als kuenstliches Konstrukt, um die Konvergenz wegzureden.

Dass Worte, die uns eigentlich ein Konzept naeher bringen sollen, manchmal in den Weg von tieferem Verstaendnis geraten, sieht man ja auch hier in diesem Forum, wo einige Foristen mit gaengigen Erklaerungsmodellen zu den Einstein'schen Formeln hadern. Aber: die Worte, die zur Erklaerung verwendet werden, sind oft beliebig. Weinn Einstein Gravitation als Beschleunigung, also Bewegung, beschreibt, so ist das halt erst einmal ein nuetzliches Bild, was die Relevanz bestimmter Elemente der Theorie versinnbildlichen soll. Dass das verwendete Bild mit der Realitaet eventuell rein gar nichts zu tun hat, wird dabei wohl bewusst in Kauf genommen. Es gibt halt gewisse Konzepte, fuer die wir erst einmal keine eigene Worte haben, weil wir sie nicht direkt erfahren koennen.

Oder anders ausgedrueckt: nur weil die Konvergenz hier unseren sprachlichen Wohlfuehlraum verlaesst, ist es nicht ploetzlich keine Konvergenz. Bilder werden verwendet, weil uns die "entdeckte" Realitaet ansonsten sprachlos macht. Dass die Bilder nicht die Realitaet sind, sollte jedem bewusst sein.
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#14
(21-07-2020, 00:06)Geobacter schrieb: Alleine schon unsere modernen Kommunikations- und Positionsbestimmungstechnologien würden überhaupt nicht funktionieren, wenn die Modelle der Physik nicht mit der Realität übereinstimmen würden.
Genau das ist die Frage! Die Modelle der Physik sind Funktionsmodelle, d. h. sie reproduzieren Beobachtungen. Wie Susskind und andere zeigen konnten, stimmen sie nicht mit verschiedenen Realitätebenen überein. Gleichwohl sind sie exakt genug, um alles das zu leisten, was du beschrieben hast.

Damit stimmen die Modelle aber nicht mit der Realität überein, auch nicht näherungsweise sondern nur funktional. Das ist ein großer Unterschied.

Nur, wenn man "Realität" mit "Funktionalität" gleichsetzt, dann allerdings stimmen die Modelle mit jener Realität im Rahmen der Messunsicherheiten überein. Aber das kann dermaßen abstrakt werden, dass wir die Welt nicht mehr verstehen. "Realität" ist und bleibt ein Begriff aus "Mittelerde".
Mit freundlichen Grüßen
Ekkard
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#15
(21-07-2020, 18:49)Ekkard schrieb: Nur, wenn man "Realität" mit "Funktionalität" gleichsetzt, dann allerdings stimmen die Modelle mit jener Realität im Rahmen der Messunsicherheiten überein. Aber das kann dermaßen abstrakt werden, dass wir die Welt nicht mehr verstehen. "Realität" ist und bleibt ein Begriff aus "Mittelerde".

Inhalte von Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Wahrnehmungen und ähnlichem gelten zunächst einmal als nicht der Wirklichkeit zugehörig. Aber Mittelerde ist eine Konstruktion unserer Vorstellungen, unserer Gefühle und unserer Wahrnehmungen und von daher nicht die funktionale Wirklichkeit  selbst, sondern nur eine scheinbar reale Erlebnissimulation unserer Gehirne. Das meine ich, wenn ich sage, dass Schön, Gut und Böse keine Eigenschaften der Welt sind, sondern Erlebniswelten unter noch vielen anderen (Kategorien) unserer jeweils eigenen, die Ästehtik bevorzugenden Empfindungen. (Wir sehen die Welt gewohnheitsmäßig gerne Spiegelverkehrt und schon von daher nicht immer ganz der Wirklichkeit entsprechend)

Von daher ist nicht alles was theoretisch vorstellbar ist auch real, sondern selbst im allerbesten Fall  nur wahrscheinlich.

Die Welt nicht mehr zu verstehen, fangen wir an, wenn wir Realität und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten. Die Wirklichkeit ist diese funktionierende Realität und die ist leider all zu oft überhaupt nicht ästhetisch. Die spiegelverkehrte Wirklichkeit die wir aber meinen, ist diese andere ästhetische Realität unserer eigenen Vorstellungen, Gefühle und Wahrnehmungen.

Ich hoffe nur, dass sich all diese theoretischen Physiker darüber auch im klaren sind.
Der Mensch erschuf sich Gott nach seinem "Bilde" und hat noch immer schwer daran zu schaffen. 
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