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Heilige Schriften in heutiger Zeit
#16
(14-08-2017, 23:14)Ekkard schrieb: Das Phänomen ist typisch für Schrift-Religionen. Bei ausschließlich mündlicher Tradition würden die Mythen so zurecht gestutzt, das sie mit den gerade geltenden kulturellen Grundhaltungen halbwegs übereinstimmen.

Ein interessanter und vermutlicher wahrer Gedanke.

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#17
(17-08-2017, 10:49)Ekkard schrieb: Die Texte sind so etwas wie der Nachhall der Schöpfung, womit ich die Schaffung einer religiösen Tradition meine und nicht die dingliche unserer Welt. Die Texte sind gewissermaßen das Echo der Stimmen vieler Gläubiger quer durch die Jahrhunderte. Die 'Heiligen Schriften' sind mehr ein Gefühl, dazu zu gehören, als Richtschnur in einer modernen Welt.

Natürlich kann man bei gesellschaftlichen Problemen auch mal auf Ideen-Klau gehen. Aber das ist etwas völlig anderes, als die Heiligen Schriften stellenweise wörtlich abzuschreiben.


Ich stimme dir zu.
Es geht letztlich um den Umgang mit den 'heiligen Schriften', welche Bedeutung man ihnen beimisst, und mit welcher Erwartungshaltung man da rangeht.
Wenn man eine vollumfängliche Erklärung der Welt und zeitlos gültige Handlungsvorschriften in wörtlicher Form erwartet, wird man damit nicht glücklich.
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#18
(16-08-2017, 12:53)HJS6102 schrieb: Scilla,

woher weißt Du, daß die von Dir Jesus zugeschriebenen Aussagen (lassen wir mal offen, ob Jesus tatsächlich gelebt hat und was er wirklich predigte) in der damaligen Zeit nicht nur neu, sondern seine eigenen Ideen waren?

im Urlaub habe ich gelesen,
daß FREUD (strukturell) bei MARX geklaut haben könnte

ob das stimmt, weiss ich nicht
die beiden könnten auch nur die gleiche Idee gehabt haben
oder die gleiche Struktur von jemand anders übernommen haben
(beide wurden jüdisch erzogen?)


Zitat:Gab es die Entwicklung dorthin vielleicht schon vorher oder kannst Du das ausschließen?

die Entwicklung vorher,
soweit ich sie verstanden habe,
wurde vor allem durch die Orphiker bestimmt
(= frauenfeindlich)

haben die Stoiker oder Epikuräer dagegen angekämpft,
daß sich die Männer zu Gelagen treffen
und dort über die Frauen herziehen?

die römische Jugend scheint auf Orgien mit Kastraten (ATTIS) abgefahren zu sein

die Götter mutierten zu geschlechtslosen Kleinkindern,
welche tendenziell mit EROS gleichgesetzt wurden

der ebenfalls sexuell aufgeladene Hermaphrodit war sogar dreifaltig
(da die offizielle Dreifaltigkeit mit dem Tanz zusammenhängt,
könnte vielleicht die ausgelebte Sexualität eine Art Perspektivenerweiterung gewesen sein)



dagegen Jesus



als schließlich das junge Christentum bei den Juden missioniert hat,
wurde die Frauenbewegung wieder zuückgeschraubt

und fast alle Ost-Christen wurden zu Muslimen



die Frauen hatten vor dem Christentum
nur den ISIS-Kult
‘Du gabst den Frauen die gleiche Kraft wie den Männern’.
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#19
(16-08-2017, 22:52)Mustafa schrieb: Welche Rückfrage meinst du denn? Ich habe mehr als einmal beschrieben, wie ich zu meiner Interpretation komme, und welche Kontexte ich betrachte.
Und natürlich argumentiere ich nicht anhand wörtlich zu nehmender Koranverse, wenn ich den Kontext weiter fasse, und die historischen Situationen in Bezug setze.

Die Antwort zeigt doch, dass Du die Frage verstanden hast. Du sagst hier selbst, dass Du Deine Haltung aus dem Koran selbst nicht belegen kannst und das auch gar nicht beabsichtigst.

(16-08-2017, 22:52)Mustafa schrieb: Erstmal: Der Koran ist kein Gesetzbuch, noch nichtmal aus Sicht fundamentalistischer Muslime.
Er wird von denen natürlich als Grundlage dafür genommen, aber auch da geht es nicht um einzelne Verse.
Von der theologischen Seite her geschieht die Interpretation in Verbindung mit anderen Versen und dem Handlungsvorbild des Propheten.
Und hinzu kommt weiterhin natürlich immer die aktuelle gesellschaftliche Situation, sowie die Ansicht der interpretierenden Person.

Richtig ist daher: Ja, man kann den Koran zur Rechtfertigung von Gewalt gegen Frauen verwenden, aber es ist keineswegs der Imperativ, von dem Erich sprach.
Bei letzterem schwingt nämlich die Unterstellung mit, dass jeder Muslim (wenn er denn 'wirklich' gläubig ist), zu Erichs Auslegung kommen müsste, und das verneine ich.

Nun, Bion hat das ja bereits ausgefuehrt. Das, was Erich hier sagte, steht im Text ja eindeutig als Imperativ. Dass Du den anders auslegst, hast Du ja bereits gesagt, aber das ist wiederum genau das, worum es in diesem Thread hier geht.


(16-08-2017, 22:52)Mustafa schrieb: Da mein persönlicher Ansatz natürlich geprägt ist durch die säkulare muslimische Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, weiß ich, dass sowas durchaus gelebt wird.

Und angesichts doch einiger säkularer Gesellschaften in der islamischen Welt sehe ich da auch sonst keine so weite Entfernung. Selbst das größte islamische Land (Indonesien) ist mehrheitlich säkular (mehrheitlich!, nicht komplett).

Ja, als Absolutaussage war das auch nicht gemeint. Es gibt sicher genuegend Ausnahmen, aber der Trend in islamischen Laendern (inklusive Indonesien) ist halt zur Zeit in Richtung strengerer Auslegung des Islam. Wobei fuer uns hier wohl vor allem von Interesse ist, wie die Anhaenger des Islam, die in West- und Mitteleuropa leben, das sehen, wovon Du und Deine Familie ein kleiner Teil sind.

(16-08-2017, 22:52)Mustafa schrieb: Was lege ich denn hinein, wenn ich die umfassenden Verbesserungen der Frauenrechte betrachte, und mich frage, wie man der offensichtlichen Intention 'Verbesserung der Situation von Frauen' in heutiger Zeit gerecht werden könnte?

Natürlich lese ich den Text auf Basis meiner Anschauungen, es geht dabei ja auch um meine persönliche Bezugnahme, aber ich sehe da nicht mehr 'Hineinlegen', als bei jedem anderen Text, da man ja überall sein persönliches Verständnis 'hineinlegt'.

Nun, auch das wurde ja schon angesprochen. Du siehst im Korantext eine Verbesserung der damals, zur Zeit seiner Niederschrift, herrschenden Situation und projizierst Deine Vorstellung von Verbesserung in der heutigen Zeit in die Textaussagen, obwohl es keinerlei Grund fuer diese Annahme gibt und dies dem Text so quasi auch den Charakter der Heiligkeit raubt. Das geht weit ueber ein "Lesen auf Basis Deiner Anschauungen" hinaus. Das hat nichts mehr mit "persoenlichem Verstaendnis" zu tun, wenn man explizite Anweisungen in ihr Gegenteil verkehrt.

Wie gesagt, das ist keine Kritik an Deiner Haltung. Die meisten modernen Christen machen das ja im Endeffekt aehnlich (das Analog waere wohl die Frage "Was wuerde Jesus tun?"), und die Welt wird dadurch garantiert nicht schlechter. Besonders konsequent ist diese Denkweise aber, meiner Meinung nach, nicht.

Edit: Vielleicht waere es fuer das Verstaendnis foerderlich, wenn jemand definieren koennte, was genau es heisst, wenn ein Text als "heilig" (oder Aehnliches) bezeichnet wird. Da scheinen mir viele verschiedene Definitionen in Gebrauch zu sein.
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#20
@Scilla,

leider hast Du meine Fragen nicht beantwortet, sondern zu Deinen vorherigen unbelegten Behauptungen einfach nochmals rund zehn neue unbelegte und darüber hinaus wieder völlig pauschalierende Behauptungen aufgestellt.

Ich habe weder die Zeit, noch Lust, zu jeder einzelnen teilweise völlig absurden Behauptung etwas zu sagen. Wenn Du Belege hast, dann zeige diese auf. Wenn Du nur Deine eigene Phantasie zum Besten gibst, erwarte bitte keine Antworten mehr.

Ein letzter Versuch:

Kannst Du die gesellschaftliche Entwicklung der Rechte und Pflichten der Frauen in der jüdischen Gesellschaft im Zeitraum 1000 v. Chr. bis 30 n. Chr. irgendwie plausibel unter Angabe von anerkannten historischen Quellen beschreiben?

ZB: ab wann ging die jüdische Kultur von der Polygamie zur Monogamie über...

Mein Textverständnis der Evangelien ist, daß die Monogamie zu Zeiten von Jesus bereits verbreitet war. Auch kann ich an den Textpassagen nicht direkt ablesen, daß Jesus sich konkret gegen Polygamie ausgesprochen hat. Nur weil irgendwo (in der Übersetzung?) ein Singular verwendet wird, heißt das ja nicht, daß es den Plural nicht geben darf.

Also etwa: "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird fest zu seiner Frau halten, und die zwei werden ein Fleisch sein". Man kann nun den Singular als ausschließlich ansehen, muß man aber nicht. Es kann ebenso gemeint sein, daß ein Mann jeweils zu einer seiner Frauen hält und diese beiden jeweils ein Fleisch sind. Nur weil ich zu jemanden sage "Du bist mein Freund, wir sind ein Herz und eine Seele", heißt das ja nicht, daß ich nicht noch andere Freunde haben kann.

Und warum hat Gott/Jesus nicht schon zu Zeiten von Abraham oder Moses die Polygamie angegriffen? Er hat weder die Propheten dafür kritisiert, noch die Könige, noch hat er entsprechende Gebote erlassen. Warum? Und warum schweigt Gott bis heute dazu? Warum kommt kein neuer Prophet und verkündet die Gleichberechtigung in einem neuen Buch zur Bibel? Wäre diese Klarstellung nicht sinnvoll, um die alten konträren Texte obsolet werden zu lassen?
Ebenso zum Thema Sklaverei... Die ist biblisch auch immer noch begründbar, sogar in den sogenannten "Zehn Geboten".
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#21
(18-08-2017, 11:14)Ulan schrieb: Vielleicht waere es fuer das Verstaendnis foerderlich, wenn jemand definieren koennte, was genau es heisst, wenn ein Text als "heilig" (oder Aehnliches) bezeichnet wird. Da scheinen mir viele verschiedene Definitionen in Gebrauch zu sein.

Da gibt es in der Tat verschiedene Definitionen.

Zuerst wurde hier das fundamentalistische Verständnis genannt, nach der von einer "heiligen Schrift" direkte, allgemeine, und möglichst wörtlich zu nehmende Handlungsvorgaben erwartet werden.

Ekkard hingegen schrieb:

"Die 'Heiligen Schriften' sind mehr ein Gefühl, dazu zu gehören, als Richtschnur in einer modernen Welt.

Natürlich kann man bei gesellschaftlichen Problemen auch mal auf Ideen-Klau gehen. Aber das ist etwas völlig anderes, als die Heiligen Schriften stellenweise wörtlich abzuschreiben."

Ich stimme ihm da zu. In erster Linie geht es hier einfach nur um eine religiös-kulturelle Gemeinsamkeit.

Daneben sprach ich noch im Bezug auf den Koran von einer 'religiösen Inspirationsquelle für Muslime'. Aus so einer muss erstmal garnichts folgen.
Aus theologischer Sicht steht jeder Muslim direkt vor Gott, und muss sich in Glaubensdingen nur ihm gegenüber verantworten.
Daher ist es seine Sache, wie er mit dem Koran umgeht, und ob er sich überhaupt mal damit befasst.


Wie lautet denn deine Definition? Welche Erwartungshaltung hast du an eine "heilige Schrift"?
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#22
Eine Schrift kann dann mit dem Attribut "heilig" versehen werden, wenn es es Leute gibt, denen sie heilig ist. Und da das bei Koran und Bibel eben nicht wenige sind, nennt man diese Bücher auch landläufig "heilige Schriften". Da sie das für mich aber natürlich nicht sind, stelle ich diesen Begriff immer in Anführungszeichen.
Ob der Inhalt dieser sogenannten "heiligen Schriften" fundamental oder modern verstanden werden ist dafür imho unerheblich.

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#23
(18-08-2017, 23:51)Mustafa schrieb: Ekkard hingegen schrieb:

"Die 'Heiligen Schriften' sind mehr ein Gefühl, dazu zu gehören, als Richtschnur in einer modernen Welt.

Natürlich kann man bei gesellschaftlichen Problemen auch mal auf Ideen-Klau gehen. Aber das ist etwas völlig anderes, als die Heiligen Schriften stellenweise wörtlich abzuschreiben."

Ich stimme ihm da zu. In erster Linie geht es hier einfach nur um eine religiös-kulturelle Gemeinsamkeit.

Imho kannst du nicht sagen, um was es dem Einzelnen in erster Linie geht. Für dich und Ekkard mögen Bibel und Koran lediglich nette Bücher sein, die halt in eurer Gemeinschaft dazu gehören. Aber wie kommt ihr darauf, dass dies auch bei anderen Gläubigen so sei? Es gibt auch Gläubige, bei denen geht es in erster Linie eventuell eher um Gottgefälligkeit als um das Gemeinschaftsgefühl. Oder um das Gefühl des Besitzes von Wahrheiten und damit der Abgrenzung von Anderen. Oder um Trost und Hoffnung. Oder, oder, oder...

Bei dir schwingt immer latent die Aussage mit, es würden ja ohnehin die meisten Gläubigen Religion nur als kulturelle Tradition verstehen und die paar Hanseln, die das nicht tun, seinen eine Ausnahme.
Frage doch mal in deiner Gemeinde, ob die Leute Gott lediglich als mystische Metapher und Menschenwerk ansehen. Die Antwort wird dich bestimmt überraschen. Es denkt eben längst nicht jeder Gläubige so wie du.

(18-08-2017, 23:51)Mustafa schrieb: Daneben sprach ich noch im Bezug auf den Koran von einer 'religiösen Inspirationsquelle für Muslime'.

Netter Ausdruck für "Beliebigkeit in den Möglichkeiten der Interpretation religiöser Texte".

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#24
(19-08-2017, 00:08)Gundi schrieb: Eine Schrift kann dann mit dem Attribut "heilig" versehen werden, wenn es es Leute gibt, denen sie heilig ist.

Ja, 'Heiligkeit' ist eine Glaubensaussage und keine Tatsachenbehauptung, die irgendwie formal begründbar sein müsste.

Menschen nennen etwas 'heilig', weil es ihnen wichtig ist, und sie eine Bindung dazu haben.
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#25
Genau.

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#26
(19-08-2017, 00:22)Gundi schrieb: Bei dir schwingt immer latent die Aussage mit, es würden ja ohnehin die meisten Gläubigen Religion nur als kulturelle Tradition verstehen und die paar Hanseln, die das nicht tun, seinen eine Ausnahme.

Warum schwingt das denn mit? Wie kommst du darauf?
Habe ich nicht das fundamentalistische Verständnis zuerst genannt?

Außerdem geht es hier doch garnicht um eine quantitative Bewertung darüber, wieviele was glauben, sondern um eine Betrachtung der verschiedenen Definitionen.
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#27
Ich finde die Antworten auf meine Frage nach einer Definition fuer "heilig" schon interessant. Im Prinzip hat keiner von Euch Beiden versucht, den Begriff irgendwie aus sich selbst zu definieren, sondern nur aus den Handlungen der und Beziehungen zur Umgebung.

(19-08-2017, 00:22)Mustafa schrieb:
(19-08-2017, 00:08)Gundi schrieb: Eine Schrift kann dann mit dem Attribut "heilig" versehen werden, wenn es es Leute gibt, denen sie heilig ist.

Ja, 'Heiligkeit' ist eine Glaubensaussage und keine Tatsachenbehauptung, die irgendwie formal begründbar sein müsste.

Menschen nennen etwas 'heilig', weil es ihnen wichtig ist, und sie eine Bindung dazu haben.

Dazu kam dann noch etwas wie "einer Gemeinschaft zugehoerig". Das ist natuerlich das Resultat einer modernen, relativistischen Weltsicht, wie sie heute weit verbreitet ist. Fuer mich persoenlich (im Sinne meiner persoenlichen Glaubensvorstellungen) wuerde ich "heilig" uebrigens auch so definieren, da ich nicht glaeubig bin, und die persoenliche Verwendung der anderen Definitionen einen gewissen Glauben voraussetzt.

Andererseits wird der Begriff "heilig" nicht nur zur Abgrenzung eines Kreises von Personen verwendet, sondern allgemein auch von Raeumen und Gegenstaenden vom Profanen. Zum Teil wird das durch Symbole unterstrichen (der Gebrauch des Weihwasserbeckens beim Betreten einer katholischen Kirche, der Torii bei einem Shinto-Schrein). Das Heilige im Christentum ist raeumlich nicht so strikt unterschieden, da Gott ja sozusagen ueberall ist, und als "heilig" ist hier wohl auch allgemein die Verbindung zum Transzendenten gemeint. Mit hinein spielt auch die Vorstellung vom Absoluten im platonischen Sinne (daher mein Hinweis auf die "relativistische" Weltsicht), wie sie sich in den ganzen Diskussionen um die Natur Gottes aeussert (die Vorstellungen von Allmacht, Allwissen, etc. als Naeherung an das Absolute). Solche Vorstellungen ermoeglichen auch, ueber den Umweg humanistischer Ideale (die als solche auch die Annaeherung an das Absolute versuchen), Glaeubigen wie Ekkard den Zugang zur Religion.

Bei einer solchen platonischen Sicht bekommt uebrigens auch das Wort "heilig" selbst eine absolute Bedeutung. Auch wenn die heutigen Menschen mit den verschiedenen "Platonismen" nicht mehr viel anfangen koennen, sind die Ideen selbst in Glaubensvorstellungen immer noch tief verwurzelt.

Insofern wuerde ich "heilig" bei der fundamentalistischen (?) Sicht auf die "heiligen Buecher" nicht darauf reduzieren wollen, dass die Glaeubigen diese Buecher als Handlungsanweisung sehen; der grundsaetzlichere Aspekt ist fuer mich, dass sie diese Buecher als direkte oder indirekte Auesserung des transzendenten Gottes in dieser Welt sehen, also als direkte Verbindung zum Transzendenten, und dabei oft genug die Verehrung des Gottes gleich mit auf das physikalische Objekt, das Buch selbst, uebertragen (daher wohl auch die Todesstrafe fuer Beschaedigen des Buches in einigen Laendern); vor allem auch evangelikalen Protestanten wird dieser "Kult des Buches" hin und wieder vorgeworfen. Am Reinsten steckt die Grundidee der Heiligkeit des Wortes selbst wohl im christlichen Satz vom "Im Anfang war das Wort".

Wenn ich also zuvor gesagt habe, der sehr beliebige Umgang mit dem Koran (oder der Bibel) nimmt diesem Buch die "Heiligkeit", bezog ich mich auf solche Vorstellungen von Heiligkeit.
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#28
(19-08-2017, 11:26)Ulan schrieb: ..., der sehr beliebige Umgang mit dem Koran (oder der Bibel) nimmt diesem Buch die "Heiligkeit",...

Das sehe ich auch so.

Religionswissenschafter pflegen Schriften dann als heilig zu bezeichnen, wenn es innerhalb von Glaubensgemeinschaften zur Glaubenspflicht gehört, anzunehmen, dass Texte außerweltlichen Ursprungs, durch eine Gottheit verfasst oder göttlich inspiriert worden und daher durch menschliches Eingreifen auch nicht abänderbar sind.

Heilige Schriften gebieten in der Regel, am Wortlaut ihrer Texte festzuhalten, "nichts hinzuzutun" und "nichts davonzutun" (so die Forderung in Dtn 4,2 und 13,1).

Im Neuen Testament ist das in Offb 22,18 angesprochen.

Der Koran verkündet Entsprechendes mit den Versen 18:27 und 6:34.115. Nur Gott selbst kann über seine Offenbarung verfügen und hat das Recht, den Text zu verändern (10:15, 16:101, 17:86).

Wer also Texten die göttliche Urheberschaft abspricht, für den können sie naturgemäß nicht heilig sein. Dass sie der Erbauung dienen und inspirativ sein können, liegt auf der Hand.

Hier eine Definition für "Heilige Schriften" aus dem Lexikon für Theologie und Kirche:
Zitat:Der religionswissenschaftliche Begriff "heilige Schrift" entstand in Übernahme und Verallgemeinerung der in Röm 1,2 verwendeten Bezeichnung "heilige Schriften" (Röm 1,2 …ἐν γραφαῖς ἁγίαις…; gemeint sind die das Evangelium verheißenden Texte des AT) für Texte und Textkorpora der Religions-Geschichte, die in mehrfacher Hinsicht als grundlegende Urkunden der jeweiligen Religionsgemeinschaft gelten. Ihre Heiligkeit kommt darin zum Ausdruck, dass sie
1. hinsichtlich ihrer Herkunft,
2. der Unveränderbarkeit ihres Textbestandes und
3. im Blick auf ihre grundlegende Funktion für das Leben der Gläubigen ausdrücklich von profanen, ausschließlich auf menschliche Verfassertätigkeit zurückgehenden Texten unterschieden werden;
4. durch das Bekenntnis zu den in heiligen Schriften enthaltenen religiösen Grundtatsachen unterscheiden sich Anhänger der einen von denen einer anderen Religion; die jeweilige autoritative Geltung einer heiligen Schrift identifiziert und differenziert somit Mitglieder religiöser Gemeinschaften.

LThK, Bd 4, 1280
MfG B.
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#29
(19-08-2017, 11:26)Ulan schrieb: Im Prinzip hat keiner von Euch Beiden versucht, den Begriff irgendwie aus sich selbst zu definieren, sondern nur aus den Handlungen der und Beziehungen zur Umgebung.

Ja, wie sollte man an gesellschaftliche und kulturelle Phänomene wie der Glaubensaussage zu einer 'Heiligkeit' sonst rangehen?
Da gibt es keine formale 'Richtigkeit', es gibt nur Glauben und Bekenntnisse.
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#30
(18-08-2017, 13:07)HJS6102 schrieb: @Scilla,

Kannst Du die gesellschaftliche Entwicklung der Rechte und Pflichten der Frauen in der jüdischen Gesellschaft im Zeitraum 1000 v. Chr. bis 30 n. Chr. irgendwie plausibel unter Angabe von anerkannten historischen Quellen beschreiben?

...

Und warum hat Gott/Jesus nicht schon zu Zeiten von Abraham oder Moses die Polygamie angegriffen? Er hat weder die Propheten dafür kritisiert, noch die Könige, noch hat er entsprechende Gebote erlassen. Warum? Und warum schweigt Gott bis heute dazu? Warum kommt kein neuer Prophet und verkündet die Gleichberechtigung in einem neuen Buch zur Bibel? Wäre diese Klarstellung nicht sinnvoll, um die alten konträren Texte obsolet werden zu lassen?
Ebenso zum Thema Sklaverei... Die ist biblisch auch immer noch begründbar, sogar in den sogenannten "Zehn Geboten".


jede historische Ära ist gekennzeichnet durch ein Bündel von Eigenschaften
einige dieser Eigenschaften kann es bereits in der Vorgänger-Ära gegeben haben
(das ist die Frage, ob die Evolution eher sprunghaft oder eher kontinuierlich verläuft)



über den Ursprung des Judentums ist nicht viel bekannt
es dürfte sich um eine (Halb-)Wüstenreligion gehandelt haben
(die Leute dürften demzufolge eher Hirten als Gärtner oder Fischer gewesen sein)

im Gebiet des heutigen Israel trafen die Ur-Juden auf
Händler in den Städten, Gärtner am Jordan, Fischer an der Küste
(und vielleicht noch mehr)

es wurde ein alter Gott ELOHIM (wahrscheinlich Matriarchat) beseitigt
und ein neuer Gott JAHWE (sicher Patriarchat) installiert

die Hauptkennzeichen des jüdischen Patriarchates wären
die BESCHNEIDUNG von Jungen und das SCHÄCHTEN von Tieren
(letzteres ist zugleich ein evolutionärer Fortschritt,
denn es ist besser,
Tiere zu opfern als Menschen)




der Ursprung des Christentums ist komplett anderes,
denn hier wurden aus allen möglichen Vorbildern Bestandteile
zu etwas Neuem zusammengefügt

die Christen haben
  • die Marienstatuen vom Isis-Kult
  • die Bischöfe vom Mithras-Kult
  • die Passionsfestspiele von der Cäsar-Beerdigung
  • das Johannes-Evangelium aus der Literatur
  • die anderen Evangelien aus dem Theater ?
  • die Sprüche Jesu aus einer Spruchquelle
  • die Geburt Jesu aus der Magie
  • die Wunder Jesu aus der Magie
  • den gekreuzigten Jesus von Prometheus
  • den beweinten Jesus aus dem Matriarchat
  • den Monotheismus aus Ägypten ?
offensichtlich hat Jesus gegen das Judentum rebelliert
  • wieso sollte er das getan haben, wenn er nicht wesentliche Neuerungen zu verkünden hatte?
  • wieso sollten die Leute (insbesondere die Frauen) auf die Evangelien aufmerksam geworden sein, wenn er nicht wesentliche Neuerungen zu verkünden hatte?
offensichtlich hat das Christentum seine Gleichberechtigung zurückgeschraubt (und Magisches eingefügt)
  • um die Ost-Christen nicht zu verlieren, die dann dennoch fast alle zum Islam übergetreten sind
  • um bei den Juden zu missionieren zu können, was nicht viel gebracht hat


soll ich Dir jetzt die Lehre von Jessu erzählen?
wohl nicht

ein schönes Buch,
welches viele Deiner Fragen beantworten dürfte:


Johannes Leipoldt: Die Frau in der antiken Welt und im Urchristentum



durch das Christentum wurde eine neue historische Ära eingeläutet
(die Christen haben die Römer besiegt)
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