(06-09-2018, 19:29)Ulan schrieb: Der Kirchenvater Irenaeus hat die einzelnen Evangelien ja verortet. Er ordnet das Matthaeus-Evangelium den Ebionitern zu (diese hielten Jesus fuer einen gewoehnlichen Menschen, einen Propheten halt), das Lukas-Evangelium den Markioniten (diese lehnten den Gott Israels als "Demiurg" ab und sahen Jesus als Boten eines anderen, unbekannten Gottes), das Markus-Evangelium den Doketisten (diese lehrten, dass Christus kein Mensch aus Fleisch und Blut war, sondern ein Geist, der auf der Erde nur die Form eines Menschen angenommen hatte) und das Johannes-Evangelium den Valentianern (diese folgten wohl einem komplizierten gnostischen Modell, das sich nur noch schwer rekonstruieren laesst).
Zum Teil sind diese Zuordnungen heutzutage nur noch schwer nachzuvollziehen. Dass alle Evangelien Spuren von Ueberarbeitungen haben, ist klar. Das Markus-Evangelium hat aber keine doketistische Ausrichtung (mehr?), aber immer noch eine adoptionistische/separationistische (der Geist "Christus" faehrt bei der Taufe in Jesus ein und verlaesst ihn bei Jesu Tod wieder). Wer weiss, vielleicht erklaert der Zusammenhang mit Doketismus, warum irgendjemand das Ende des Evangeliums hat verschwinden lassen. Dass das Lukas-Evangelium Beziehungen zu den Markioniten hat, ist klar und vielfach belegt. Proto-gnostische Anteile lassen sich im Johannes-Evangelium immer noch finden, und dieses zeigt noch sehr deutliche Spuren, dass es aus verschiedenen Texten von unterschiedlichen Autoren zusammengefuegt wurde, also wohl "entschaerft". Das Matthaeus-Evangelium wiederum sieht eigentlich recht einheitlich aus, von den unterschiedlichen Quellen (Markus-Evangelium, Q, etc.) mal abgesehen, so dass man nicht so recht weiss, warum das jetzt gerade ebionitisch gewesen sein sollte.
Interessante Story! Das ist wirklich sehr interessant.
Hat der Kirchenvater Irenäus die einzelnen Evangelien tatsächlich den von Dir genannten vier Richtungen (Ebionitern, Markioniten, Doketisten, Valentianern) "zugeordnet"?
Wie hat Irenäus das formuliert?
Das ist doch eine schwerwiegende Unterstellung, daß er das so gemeint habe.
Vielleicht hat Irenäus irgendeine Andeutung fallen gelassen, daß etwa die Ebioniter gerne das Matthäus-Evangelium lesen - aber ist es zulässig, daraus den Umkehrschluß zu ziehen, daß Irenäus das Matthäus-Evangelium den Ebionitern, "die Jesus für einen gewöhnlichen Menschen hielten" zuordnete ?
Ich denke, das ist schon sehr weit hergeholt . . .
Hätte Irenäus das tatsächlich gesagt, dann wäre er nicht zum "Kirchenvater" erklärt worden, sondern zum Heräsiarchen und Ketzerführer!
Aber spannend zu lesen sind Deine Ausführungen schon. Wenn Du meinst, daß man das Ende des Markus-Evangeliums "hat verschwinden lassen" - dann ist das eine sehr gepfefferte Theorie
Nun würde mich interessieren, wie Du die Entstehung der Geheimen Offenbarung (Apokalypse) des Schreibers namens Johannes siehst.
Gerade diese Schrift scheint mir sehr auffällig und ich kann mir sehr schlecht vorstellen, daß der Evangelist Johannes der Schreiber war (wenn man schon vom Stil spricht)

