12-01-2022, 15:48
Zur Klarstellung: Es geht mir hier um die weitreichende Behauptung von Helmut-Otto, die lautet: "Kulte, ich vermeide das positiv besetzte Wort Religion, so weit es geht, werden nie von Einzelpersonen "gestiftet"." Dem stelle ich die Gegenthese entgegen: Der Stifter als reale Person ist sehr wichtig und bei Offenbarungsreligionen für deren Existenz unerlässlich. Er gibt zunächst die Richtung vor, unbeschadet der Tatsache, dass dann aus dem Kreis der Anhänger oder Nachfolger Personen wie Paulus hervortreten, die neue Impulse setzen, und dass später Umformungsprozesse einsetzen, die den aufstrebenden Glauben und Kult mit gesellschaftlichen Anforderungen kompatibel machen sollen. Das halte ich für evident, ja sogar trivial: Ohne eine reale, lebendige Stifterpersönlichkeit, die erste Anhänger um sich schart, entsteht gar nichts. Die Umgestaltungsprozesse der Folgezeit können kollektiv erfolgen und kollektiven Bedürfnissen entsprechen, aber den Gründungsakt hat eine einzelne Person vorgenommen und der Urform des neuen Glaubens ihren Stempel aufgedrückt. Es sind nicht kollektive soziale Bedürfnisse, die den neuen Glauben erzeugen, damit er dann eine bestimmte benötigte Funktion in der Gesellschaft übernimmt; vielmehr ist der neue Glaube zunächst unter sozialem Gesichtspunkt sperrig, dysfunktional und disruptiv, sehr schwer integrierbar, seine Anhängerschaft wird ausgegrenzt und grenzt sich selbst aus, und erst nach massiven Konflikten und Umgestaltungen kann die neue Religion eine aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft erwünschte Funktion übernehmen. Die neue Religion entsteht nicht, wie Helmut-Otto meint, als Antwort auf neue Bedürfnisse der Mehrheitsgesellschaft, sondern als Antwort auf individuelle Bedürfnisse eines bestimmten Typus von Individuen (Stichwort Erlösung). Für Staat, Volk und Wirtschaft hat das zunächst gar keinen Nutzen, im Gegenteil, es hemmt, erzeugt Reibung und Konflikte, gliedert eine Gruppe aus dem gesellschaftlichen Konsens und zum Teil auch aus dem Produktionsprozess aus. Die neue Religion ist anfangs Sand im Getriebe. Christus will, dass seine Anhänger ihren Besitz verkaufen, sich auf den baldigen Weltuntergang einstellen und keinerlei Vorsorge betreiben, denn der himmlische Vater werde sie nähren wie die Vögel.

