18-09-2022, 16:18
(18-09-2022, 12:02)Ulan schrieb: Nun, Dir sind Wertvorstellungen halt wichtiger als empirisches Wissen.
Dass es das Ich gibt, steht ja ausser Frage. Die Forschung geht eher darueber, was das genau ist und wie es sich ausbildet. Das halte ich fuer eine interessante Frage, und das ist eine Ansicht, die wohl von vielen Menschen geteilt wird, sonst gaebe es keine Psychologie, die sich mit so etwas beschaeftigt.
Saetze wie "Wenn es keinen Gott gäbe, hätte auch niemand ein ich" haengen letztlich im luftleeren Raum, weil sie an Dein postuliertes Glaubensbekenntnis aufgehaengt sind. Glaubensbekenntnisse muss niemand teilen, und die daraus folgenden angeblichen Antworten erst recht nicht.
... das ICH ist ein Resultat des wachsenden Bewusstseins!
Kleinkinder sprechen erst ab einem bestimmten Alter davon, indem sie plötzlich sagen: "Ich will dies"...
Das Kind entdeckt sein Ich
Gegen Ende seines zweiten Lebensjahres erkennt sich ein Kind erstmals im Spiegel. Hat es bis dahin eher einen Spielpartner in seinem Spiegelbild vermutet, so weiß es jetzt: Das bin ich! Bis ein Kind allerdings auch "Ich" sagt, wenn es von sich redet, vergehen meist noch einige Monate.
Der Ursprung eines jeden ICH-BEWUSSTSEINS ist aber zunächst die Existenz. Wer als Einzelner ohne Kommunikation dasteht, kann sich zwar zeigen, aber nicht erfüllen. Würde eine einzelne Person, die ohne Welt dasteht, überhaupt noch als Dasein bezeichnet werden können?
Jede Idee wird von einer Existenz getragen, die aber zusammenbricht, wenn alle Existenz sie verlässt. So kann umgekert Existenz nur sein in einer Welt, die allein durch Ideen aus einem leeren oder von verwirrenden Realitäten zerstreut erfüllten Raum zu einem Ganzen wird, in welchem Gehalt und Geborgenheit ist. Im Zusammenbruch aller durch Ideen beseelten Welt ist der/die Einzelne in die Wüste verstoßen.
WAHRHEIT ist identisch mit Existenzbewusstsein. Mit dem objektiv erfüllbaren Satz "ich bin" ist im "ich" weder die empirische Individualität als Objekt psychologischer Betrachtung, noch das "ich denke" des Bewusstseins überhaupt getroffen.
Wüssten wir, was das "ich" sei, so wüssten wir, was WAHRHEIT wäre. Auch wenn die gegenständliche Fixierung dieser Wahrheit unmöglich ist, so können wir ihrer zumindest in Vollzügen gewiss sein.
Was "ich" selbst bin, bleibt daher immer eine Frage, trägt aber alles andere als erfüllte Gewissheit. Was der/die Einzelne ist, wird nie ihr Besitz, sondern bleibt lediglich ihr Selbstkönnen. Wüssten wir es, so wären wir es nicht mehr, da wir unserer selbst im Zeitdasein nur als Aufgegebensein inne werden.
Unsere existenzielle Wahrheit kann daher als schlichte Unbedingtheit auf sich beruhen, ohne sich wissen zu wollen.
In den mächtigsten Existenzen wird diese Kargheit fühlbar, welche verzichtet - und kein Bild, keine Sichtbarkeit des Wesens selbst gewinnt.
Das ICH hat nur ein Gewicht. Es weiß nur die Nichtigkeit, sich von der Transzendenz "geschenkt" zu sein und im eigentlichen Selbstsein dennoch radikalste Abhängigkeit zu erfahren.
Gruß von Reklov

