Themabewertung:
  • 0 Bewertung(en) - 0 im Durchschnitt
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
Renaissance
#1
Ich habe unlängst eine interessante Theorie gehört, wodurch die "Renaissance" ausgelöst wurde:

Die Christenheit war seit dem Schisma von 1054 zweigeteilt.
Im Westen die Römische Kirche, im Osten Konstantinopel.
Beide Hälften nahmen eine leicht andere Entwicklung

In Konstantinopel wurde die griechische Sprache sehr gepflegt und konserviert, sie war die Hauptsprache der Wissenschaftler dieser großen Stadt.
Viele antike Schriften (obwohl heidnisch) wurden dort von den Wissenschaftlern gerne gelesen, diese Freiheit wurde den Wissenschaftlern zugestanden - solange sie die heidnischen Lehren nicht an die Öffentlichkeit brachten.
Es war eine Art akademischer Freiheit - auf gelehrte Bibliotheken beschränkt.

1453 eroberten die Türken Konstantinopel und richteten ein blutiges Strafgericht an der Zivilbevölkerung an.
Tausende Gelehrte flüchteten vor dieser mordlustigen Soldateska und landeten zwar nicht in Rom, sondern in den ziemlich selbstbewußten oberitalienischen Städten

Viele nahmen ihre kostbarsten Abschriften mit. Damit gelangte plötzlich altgriechische Lehre nach Oberitalien
Das Interesse für Griechisch war geweckt und viele oberitalienische Adelige begannen, bei diesen hochgebildeten Flüchtlingen Griechisch zu lernen und dann selbst in antiken griechischen Schriften (Abschriften) zu lesen / zu studieren
Bald begannen auch Adelige in Frankreich, sich für die Griechische Antike zu interessieren.
Schließlich interessierten sich auch Teile des hohen Klerus und es gab dann die Renaissancepäpste

Renaissance ist ein französisches Wort und heißt Wiedergeburt

Die Renaissancepäpste wendeten sich endgültig von der Lehre Jesu ab
Sie verachteten das Armutsideal, das barfüßige Herumgehen, und frönten der Jagd, die sie in voller Plattenrüstung auf dem Pferderücken ausübten

Die Kunst erlebte einen gewaltigen Aufschwung und es kam tatsächlich zu einer Wiedergeburt der antiken griechischen Bildhauerei. Siehe die Statue des Mose von Michelangelo in San Pietro in Vincoli, Rom

Die Päpste sahen sich nicht mehr als barfüßige Nachfolger der Apostel, sondern als altgriechische Könige

Der Bau des Petersdoms war die Krönung. Die Päpste gingen vom alttestamentarischen Bild des strafenden Gottes weg, entfernten sich von der Idee der Höllenstrafe und boten den Sündern die sehr modern anmutende Möglichkeit der Geldstrafe

Dies war ein sehr toleranter Gedanke - wie er eine Generation vorher unvorstellbar war
Dabei wurde die Strafhöhe nach dem Vermögen des Menschen bemessen - so wie heute bei den staatlichen Geldstrafen

Der Graf zahlte für ein bestimmtes Verbrechen (Ehebruch) einen Golddukaten, der Bauernknecht zahlte für dasselbe Verbrechen eine kleine Kupfermünze

Der Gedanke daran war und ist der, daß ein Täter im Gefängnis oder im Fegefeuer weniger bringt, als ein Täter der Geld abliefert. Das war vor 500 Jahren so, und ist auch heute nicht anders.

Für die Täter eine humane Sache, und die Kirche bzw. der Staat nimmt Geld für sinnvolle Projekte ein.

Für uns heute eine Selbstverständlichkeit, für Menschen vor 500 Jahren war das aber eine unvorstellbare Vergünstigung !
Und ein wenig weh sollte die Strafe ja doch tun - aus Gründen der Spezialprävention und der Generalprävention

Allerdings gab es damals wie heute verbissene sektenhafte Christen, denen dies ein Dorn im Auge war, und sie begannen alsbald dagegen zu polemisieren

Ob all die von ihnen verbreiteten Anschuldigungen der Wahrheit entsprachen, kann wohl bezweifelt werden.
All zu dick aufgetragen sind diese vielen Gerüchte.

Die Renaissance war jedenfalls eine Zeit der Wiedergeburt der klassischen altgriechischen Bildhauerei, der altgriechischen Heilkunde (Stichworte Hippokratischer Eid und Erwerb von Kenntnissen der Anatomie durch Gestattung der Sezierung von Leichen) und des Lernens der altgriechischen Sprache

Die Lehre Jesu kam aber dabei zu kurz

Jesus hat zu den Jüngern gesagt:
"Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht erleiden, bis sie den Menschensohn in seiner königlichen Macht kommen sehen." Mt 16,28
was die Erwartung auf baldige Errettung weckte.

Nun waren 1400 Jahre ereignislos verstrichen, sodaß man von niemand erwarten konnte, sich an die Lebensweise des Urchristentums zu klammern

Das sezieren von Leichen war vom Christentum verboten, ebenso wie die Verbrennung von Leichen
Dies war verständlich
Als nach langer Zeit wieder Leichen seziert wurden, war das nun zwar erlaubt, aber verpönt
Heute würde kein christlicher Arzt eine Medizinerausbildung ohne Sezieren befürworten

Der Bau des Petersdoms verschlang zwar Unsummen, aber diese scheinen lächerlich im Vergleich dazu was die Nasa kostete

Ich will weder die Renaissancepäpste angreifen noch verteidigen
Die Zeit ist vorbei - und heute steht die Christenheit vor viel größeren Fragestellungen

Wie oben erwähnt, ist das mit der Flucht der Gelehrtenschaft vor den Türken von Konstantinopel nach Oberitalien nur eine Theorie. Reisepässe und Sichtvermerke gab es damals nicht, und daher sind keine Dokumente über diese Massenflucht vorhanden, außerdem ist das mehr als 500 Jahre her

Die "Frührenaissance" begann zwar schon 1420
"Die Frührenaissance war die erste Phase der Renaissance und wird etwa von 1420 bis 1500 datiert." Frührenaissance - Wikipedia
aber wer weiß was das war, nur eine Kunstrichtung, vorwiegend der Malerei

Die echte Hinwendung zu antiken griechischen Quellen begann aber erst in der Zeit nach 1453
Es dauerte eine gute Generation oder fast zwei Generationen, bis in Rom und Florenz das antike heidnische Gedankengut straflos an die Öffentlichkeit treten konnte. Sicher gab es nicht nur Befürworter in Adel und Klerus
Ab etwa 1500 setzte die "Renaissance" als "Hochrenaissance" voll ein

In Wahrheit war die Renaissance ein Abfall von der Lehre Jesu (Leichen werden zerschnitten, der Papst reitet zur Jagd, noch dazu in voller Rüstung, jeder Sünder kann sich vor den Strafen der Hölle freikaufen, naturgetreue Skulpturen zeigen viel Haut, und dies sogar in Kirchen) - dagegen lehnte sich der kleine deutsche Mönch Luther auf

Vor etlichen Jahren las ich einmal ein Buch des deutschen Nietzsche (schon wieder ein Deutscher)
Ich weiß nicht mehr, wie das Buch hieß
Mir ist nur aufgefallen, daß Nietzsche die Renaissancepäpste sehr positiv sah - und daß er Luther den Vorwurf machte, den Rückfall ins Christentum in die Wege geleitet zu haben.
Nietzsche lehnte das Christentum ab - und sympathisierte sogar mit dem Islam

Nietzsche machte den deutschen Kreuzrittern den Vorwurf, die Welt des Islam zertreten zu haben

Für Nietzsche (obwohl selbst Deutscher oder zumindest in Deutschland geboren; er behauptete Abstammung von polnischen Edelleuten) waren die Deutschen schuld an der Zerschlagung des Islam und wegen Luther an der Rückkehr zum Christentum

Doch Nietzsche war bloß ein einzelner deutscher Philosoph

Jedenfalls war die Renaissance nicht bloß eine Kunstrichtung, sondern vor allem eine Lebensweise
Die steinernen Kunstwerke und Kirchen und Paläste sind erhalten geblieben, interessant ist aber die Idee die all dies ermöglichte und forcierte

Aus der Welt des antiken Griechenland kam die Idee des Hippokratischen Eids (H. starb 370 v. Chr. und war damit Heide) und des Sezierens von Leichens

Es muß aber angemerkt werden, daß auch im Hochmittelalter seziert wurde:
Es waren die Teile der Körper von Schafen (Herz, Lunge, Leber), an denen die Studenten der Medizin ihre anatomischen Grundkenntnisse gewannen - und auch die Teile der Körper von hingerichteten sarazenischen Kriegsverbrechern und Piraten. Diese wurden nicht in Outremer oder auf hoher See enthauptet, sondern zur Enthauptung nach Italien gebracht, um Material für Studenten zu haben

Um zur "Renaissance" zurückzukehren - sie war jedenfalls eine religiöse Richtung
Zwar irgendwie gegen die Lehre Jesu gerichtet, aber dennoch eine religiöse Richtung, da von Papst und hohem Klerus Italiens getragen

Eigentlich war die R. nicht offen gegen die Lehre Jesu gerichtet, sie verwarf halt die Ideale von Armut, Höllenstrafe, aber indirekt auch von Auferstehung des Fleisches indem sie die Sezierung von Leichen von Christenmenschen erlaubte

Eine sehr seltsame Zeit, die sich religiös schwer klassifizieren läßt

Vielleicht war auch die spätere Epoche von Joseph II. ähnlich respektlos oder pietätlos
Allerdings war diese Epoche sehr kurz und konnte sich nicht entfalten

Meine Gedanken sollen nur einen Denkanstoß liefern, es wird bestimmt eine angeregte Diskussion
Zitieren
#2
Vor kurzem habe ich aufgrund einer Einladung in einer dieser Freikirchen vernommen : "Jesus, du Schöpfer des Universums". Klingt ähnlich wie dieser Beitrag.
Zitieren
#3
Dass das katholische Abendland mit die Hauptschuld am Untergang des Roemischen Reiches traegt, ist wohl nicht bestreitbar. Die Eroberung Konstantinopels durch die Katholiken im Jahre 1204 fuehrte zu einer dreitaegigen Pluenderung der Stadt, bei der die Bewohner drangsaliert, vergewaltigt und getoetet wurden, und alles Wertvolle, von Kunstschaetzen ueber Gold und Reliquien, etc. gestohlen und nach Westeuropa gebracht wurde. Zwar gibt es auch die Erzaehlung, dass damals die letzte Bibliothek der Stadt verbrannt wurde, aber viel kann da eh nicht uebrig gewesen sein; die letzte grosse Bibliothek der Antike, die in Konstantinopel stand, wurde bereits 473 durch Brand zerstoert.

Uebrigens sahen die Vertreter der Ostkirche die islamische Eroberung zum Teil sehr zwiespaeltig. Wenn man sich die Schriften von Gregorios Palamas, des letzten grossen orthodoxen Theologen (gest. 1359) so anschaut, so liess ihn die Aussicht einer islamischen Eroberung relativ kalt. Anscheinend war er der staendigen Einmischung der Kaiser in religioese Fragen leid, und die tuerkischen Herrscher waren in Religionsfragen relativ tolerant. Uebrigens hatten auch die Paepste keine Beruehrungsaengste den tuerkischen Sultanen gegenueber. Zumindest hat auch schon mal ein Papst den Sultan gegen irgendwelche christlichen Herrscher zur Hilfe gerufen, wenn er sich in seinen Kriegen mal wieder uebernommen hatte.

Uebrigens ist das ja auch ein praegendes Bild der Zeit: die Paepste buessten jeglichen Anspruch auf eine Vorbildfunktion ein. Sie waren typische Renaissance-Herrscher mit den ebenfalls damit verbundenen typischen dauernden Kriegen, Intrigen, Morden, etc., was alles sehr viel Geld kostete. Kirchliche Aemter wurden eigentlich immer gekauft. Das gilt auch fuer die Paepste.
Zitieren
#4
(08-01-2019, 03:12)Ulan schrieb: Dass das katholische Abendland mit die Hauptschuld am Untergang des Roemischen Reiches traegt, ist wohl nicht bestreitbar.

Ich verstehe diese Aussage nicht.

Die Suchfunktion des Forums ergab zum Wort "Abendland" folgende Fundstelle
Ekkard schrieb kürzlich in einem anderen Thread:
(Thema: AfD-Mitglied und Kirchen-Mitgliedschaft zugleich / Beitrag #4 / im Bereich: Politik)
(03-09-2018, 21:28)Ekkard schrieb: Schon der Begriff 'Abendland' ist historischer Müll.
( . . . )


In meinem Thread wollte ich nicht über eine andere Zeit (1204) diskutieren, sondern die Frage aufwerfen, ob die Renaissance durch die Flucht der vielen griechischen Gelehrten aus Konstantinopel nach Norditalien anläßlich der Eroberung dieser Stadt durch die Türken im Jahre 1453 verursacht wurde

Von der Zeit her würde es jedenfalls passen.
Und in der Renaissance wurde ja wirklich die heidnische Antike wieder geboren
Das französische Wort Renaissance heißt Wiedergeburt

Jedenfalls fällt auf, daß in der Renaissancezeit plötzlich die Mode aufkam, in altgriechischen Schriften zu lesen
Zitieren
#5
(08-01-2019, 15:00)Sinai schrieb: In meinem Thread wollte ich nicht über eine andere Zeit (1204) diskutieren, …

1204 anzusprechen, hat seine Berechtigung. Von da weg an ging es mit Byzanz bergab. Die Plünderungen der Christen waren zumindest genau so verheerend gewesen, wie die der Osmanen 1453. Schon während der 57 Jahre lateinischer Besetzung, begann man Kulturgut abzutransportieren.

(08-01-2019, 15:00)Sinai schrieb: …sondern die Frage aufwerfen, ob die Renaissance durch die Flucht der vielen griechischen Gelehrten aus Konstantinopel nach Norditalien anläßlich der Eroberung dieser Stadt durch die Türken im Jahre 1453 verursacht wurde.

Griechische Gelehrte waren schon vor 1453 in Italien und keine Flüchtlinge gewesen. Der erste Grieche, der in Italien gelehrt hatte, hieß Manuel Chrysoloras. Ab 1392 war er in Florenz, Mailand, Pavia und Rom tätig.
MfG B.
Zitieren


Möglicherweise verwandte Themen...
Thema Verfasser Antworten Ansichten Letzter Beitrag
  Die Rolle Jesus in der Renaissance Natalie 4 3761 03-02-2009, 09:42
Letzter Beitrag: WiTaimre

Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste