22-06-2007, 02:33
Hallo Ekkard!
Nur hat eben auch dies für mich nichts mit Religion zu tun. Es ist Teil des Menschen, dies zu wollen. Tatsächlich kenne ich mehr Nicht-Christen, die z.B. die Todesstrafe ablehnen, als Christen. Und wenn die Christen es tun, dann nicht selten durch Berufung auf ihre Heilige Schrift. Und die unter ihnen, die die Todesstrafe befürworten, tun dies ebenfalls durch Berufung auf ihre Heilige Schrift. Auf mich wirkt das fremdbestimmt. Die Nichtchristen aber entscheiden sich als Menschen dafür. Sie tun es nicht, weil es ihnen "geboten" wird. Ich hoffe, Du verstehst, wie ich das meine.
Was Du weiter über Religion und Dogma schreibst, sehe ich ziemlich genauso. Hinzufügen möchte ich noch, dass nach meiner Beobachtung das Hingeneigtsein zu festen Regeln auch aus einer gewissen Unfähigkeit oder Ratlosigkeit dessen, was "richtig" und was "falsch" ist, stammt. Man will es sich sagen lassen, und man will es sich auch aus göttlichen Zonen sagen lassen. Der Wunsch nach Fremdbestimmtwerden ist zu meinem Schrecken sehr stark.
Aber bei dem Beispiel des Geliebten fällt mir etwas ein, was das Verhältnis zu der eigenen Religion vielleicht doch wirklich charakterisiert. Als Schülerin (damals am Christentum stark zweifelnd) habe ich mal unseren Vikar gefragt, wieso man denn nun die eine Religion und nicht die andere wählt. Und die für mich überraschende Antwort war: Man könne das gar nicht wirklich wählen. Das sei wie mit dem Verliebtsein. Man entscheide sich nicht dafür, sondern man sei davon einfach ergriffen.
Damals habe ich das nicht begriffen, und es war für mich unbefriedigend. Heute aber erklärt es mir vieles. Ich zum Beispiel war nie in das Christentum verliebt und nie davon ergriffen. Das Einzige, was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Art Vernunftehe oder unter bestimmten Gefahrensituationen eine Koalition. Und das hat mich schon länger ins Grübeln darüber gebracht, ob für eine aktive Religionszugehörigkeit nicht eben doch immer ein Schuss Irrationalismus vorhanden sein muss, den ich nicht aufbringen kann.
Gruß,
Karla
Ekkard schrieb:Von welchem Kontext sprichst Du jetzt? Von dem in diesem Thread oder um den damaligen? Das Wort Gefühl ist aber so unterschiedslos auch nicht bei Innerlichkeit oder Abkehr von der Welt zu benutzen. Meintest Du aber vielleicht auch nicht.Karla schrieb:"Gefühl" ist ein schwieriges Wort. …Ich beziehe das Wort Gefühl im Allgemeinen nicht auf die Freude an kreativem Schaffen. Im Kontext ging es wohl eher um Innerlichkeit, Abkehr von der Welt und ihren komplexen Problemen, um Schwärmerei, um vom Mythos geprägte Scheinwelten
Zitat:Solange es um menschliche Ausdrucksformen geht, und diese Tatsache klar ist, z. B. bei Romanen, dann habe ich nichts dagegen. Aber ich habe sehr wohl etwas gegen Ausdrucksformen, die im Kleide von Tatsachenfeststellungen daherkommen und kein Pfarrer den Mut aufbringt, zu sagen, dass es sich um (altertümliche) Ausschmückungen von Glaubensbekenntnissen handelt.Ich denke, dass ich das genauso sehe. Auch wenn ich nicht ganz sicher bin, welche Art Ausschmückungen Du meinst.
Zitat:Glück ja, aber nicht aufgrund von Phantasiewelten, die nicht als solche zu erkennen sind! Genau solche Vorstellungen können zu sehr einseitigem Gedankengut führen, z. B. was Wahrheit zu sein scheint – und subjektiv ist, Stichwort: "Lynchcharakter".Wenn Phantasien als Wahrheit verkauft werden - ja, dann sind wir da sehr einer Meinung. Aber Phantasie ist ja nicht immer nur ein Ersatz für Wahrheit, sondern hat seine eigene Wertigkeit. So ein Lied, das man singt, ein Bild, das man malt.
Zitat:Ich war auch nicht dabei, aber was soll daran suspekt sein? Damit wird der Mensch eingedrosselt, ihm der Atem genommen.Karla schrieb:Flieges Wurzelbeispiel… ist eine Art des Erkennens, die zum Menschen gehört wie Essen und Eros.Ich war nicht dabei. Ich kann das nicht nachvollziehen, und es ist mir suspekt.
Zitat:Jetzt bin ich aber froh, dass Du das sagst. Denn diese Engsicht habe ich eigentich aus den meisten Beiträgen zu diesem Thema immer herausgelesen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich Deine und Mandingos Ansichten nicht mehr in allen Punkten erinnerungsmäßig trennen kann.Karla schrieb:Wenn wir dies aus dem "christlichen Auftrag" ausschließen, dann muss man auch Philosophen oder tiefveranlagte Menschen aus dem Akt der Nächstenliebe ausschließen, wenn sie ihr Leben zum Beispiel dem Bücherschreiben widmen.Nein, natürlich nicht. Das wäre eine Engsicht, die tatsächlich dogmatischen Charakter hätte.
Zitat:Es ist tatsächlich so, dass Nächstenliebe den/die Nächste/n so anerkennt, wie er/sie ist. Dieses Verhalten erfährt erst dann eine Einschränkung, wenn die unveräußerlichen Rechte anderer berührt werdenDas klingt einleuchtend und vernünftig.
Nur hat eben auch dies für mich nichts mit Religion zu tun. Es ist Teil des Menschen, dies zu wollen. Tatsächlich kenne ich mehr Nicht-Christen, die z.B. die Todesstrafe ablehnen, als Christen. Und wenn die Christen es tun, dann nicht selten durch Berufung auf ihre Heilige Schrift. Und die unter ihnen, die die Todesstrafe befürworten, tun dies ebenfalls durch Berufung auf ihre Heilige Schrift. Auf mich wirkt das fremdbestimmt. Die Nichtchristen aber entscheiden sich als Menschen dafür. Sie tun es nicht, weil es ihnen "geboten" wird. Ich hoffe, Du verstehst, wie ich das meine.
Was Du weiter über Religion und Dogma schreibst, sehe ich ziemlich genauso. Hinzufügen möchte ich noch, dass nach meiner Beobachtung das Hingeneigtsein zu festen Regeln auch aus einer gewissen Unfähigkeit oder Ratlosigkeit dessen, was "richtig" und was "falsch" ist, stammt. Man will es sich sagen lassen, und man will es sich auch aus göttlichen Zonen sagen lassen. Der Wunsch nach Fremdbestimmtwerden ist zu meinem Schrecken sehr stark.
Zitat:Oh. So ermutigend klingt das nicht.Karla schrieb:Die Heiligung von Texten und Ritualen ist das, was die Religion meistens ausmacht und im Christentum zweitausendjährige Tradition hat. Siehst Du denn in diesem Punkt Ansätze der "Lockerung"?Möglicherweise geht es mir hier, wie dem (männlichen) Liebhaber, der die Schattenseiten seiner Geliebten nicht so deutlich sieht. Deshalb: ein zögerliches: "Ja!"
Aber bei dem Beispiel des Geliebten fällt mir etwas ein, was das Verhältnis zu der eigenen Religion vielleicht doch wirklich charakterisiert. Als Schülerin (damals am Christentum stark zweifelnd) habe ich mal unseren Vikar gefragt, wieso man denn nun die eine Religion und nicht die andere wählt. Und die für mich überraschende Antwort war: Man könne das gar nicht wirklich wählen. Das sei wie mit dem Verliebtsein. Man entscheide sich nicht dafür, sondern man sei davon einfach ergriffen.
Damals habe ich das nicht begriffen, und es war für mich unbefriedigend. Heute aber erklärt es mir vieles. Ich zum Beispiel war nie in das Christentum verliebt und nie davon ergriffen. Das Einzige, was ich mir vorstellen könnte, wäre eine Art Vernunftehe oder unter bestimmten Gefahrensituationen eine Koalition. Und das hat mich schon länger ins Grübeln darüber gebracht, ob für eine aktive Religionszugehörigkeit nicht eben doch immer ein Schuss Irrationalismus vorhanden sein muss, den ich nicht aufbringen kann.
Zitat:Das verstehe ich jetzt nicht. Wie kommst Du jetzt auf das nicht Hinterfragte? Ich habe etwas anderes gemeint. Was willst Du am Salz hinterfragen, das immer in der Luft ist, selbst wenn Du es nicht andauernd merkst. Was willst Du an der Schmerzfreiheit hinterfragen, die Dir oft erst bewusst wird, wenn sie verschwunden ist. Was willst Du an der Liebe eines Elternteils hinterfragen, die immer da war, obwohl Du es nicht registriert hast. Wofür ich werbe, ist das offene Auge, der nicht mehr dumpfe Sinn, das nicht mehr taube Gefühl. Es gibt so vieles, was man nicht wahrnimmt, weil man ständig mit blockiertem Denken durch die Gegend geht. Selbst die Isolation ist oft Trug, weil die Verbindung zu anderen Menschen gar nicht wahrgenommen wird, obwohl sie vorhanden ist.Karla schrieb:Das Göttliche ist ja nicht unbedingt für jeden etwas Heiliges, sondern für viele etwas ganz Einfaches, schlichtweg immer Vorhandenes.Das ist ja kein Gegensatz. Gerade das Alltägliche, nicht Hinterfragte ist ja das nicht Berührbare, das Heilige.
Zitat:Der Volksmund spricht in diesen Fällen ja auch von "heiligen Kühen", die man nicht schlachten darf (in Anlehnung an hinduistische Mythen).Ich glaube, da hast Du mich missverstanden. Ich meinte keine heiligen Kühe.
Gruß,
Karla
