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Physiologus
#1
Unter der Bezeichnung Physiologos (Φυσιολόγος = Naturbeschreiber, Naturforscher), latinisiert Physiologus1, sind im 2. Jh nC Texte zusammengeführt worden, die Eigenschaften von Tieren und ↗Fabelwesen, aber auch von Pflanzen und Steinen beschreiben.

Diese Texte haben schon die ↗Kirchenväter benutzt2. Sie haben mehrere Redaktionen über sich ergehen lassen müssen, waren im ↗Mittelalter und in der ↗Renaissance allgemeines Bildungsgut und (vornehmlich in den lateinischen Fassungen Dicta Chrysostomini und Physiologus Theobaldi) Schullektüre gewesen.

Über den Verfasser des Textes ist nichts bekannt. Da er "Christenmenschen" als Vorbild herausstreicht und sich vielfach auf das ↗Alte und ↗Neue Testament bezieht, handelt es sich mit Gewissheit um einen christlichen Autor. Die Anmerkung, wonach "Christus das Heidenvolk mehr geliebt habe als die Juden" (Physiologus Kap. 5, Das Käuzchen), lässt auf einen ↗Heidenchristen schließen, die Mahnung, dass der Christenmensch das Weibliche fliehen soll (Physiologus Kap. 37, Von den Feuersteinen), eine asketische Grundhaltung des Autors vermuten.

Da der Physiologus von nahezu jedem Kopisten nach Gutdünken abgeändert, oft auch erweitert wurde, lässt sich bei der Vielzahl voneinander abweichender Handschriften eine Urfassung des Textes nicht mehr rekonstruieren. Wann und wie oft umfassende Redaktionen am Text vorgenommen wurden, ist umstritten. Konsens herrscht, dass die erste Redaktion schon kurz nach 200 nC stattgefunden habe und dass bereits für das 4. Jh eine weiterentwickelte Fassung dieser ersten Redaktion nachweisbar ist. Zu diesen frühen Fassungen des Textes liegen mehr als 20 Handschriften aus dem 10.-17. Jh vor.

Wie die 2. (↗byzantinische) Redaktion zeitlich einzuordnen ist, dazu gehen die Meinungen der Fachgelehrten auseinander. Sie hat wohl irgendwann zwischen dem 6. und 11. Jh stattgefunden. Die dritte (sogenannte Basilianische) Redaktion, die nach dem 11. Jh stattgefunden hat, wurde ursprünglich fälschlicherweise dem Kirchenvater ↗Basileios d. Großen (um 330-379 nC) zugeschrieben.

Schon in der ↗Spätantike wurde der griechische Text in andere Sprachen übersetzt. Sehr bald wohl schon ins ↗Lateinische, im 5. Jh ins Äthiopische und ins Syrische. Auch frühe Übersetzungen ins Armenische, ↗Koptische und ↗Arabische sind bekannt. Bei Übersetzungen wurden auch Hinzufügungen vorgenommen und Kapitel abweichend gereiht.

Kurios sind die Beschreibungen des ↗Vogels Phönix, der ↗Sirenen und ↗Kentauren, des ↗Einhorns und des Ichneumons (das einem ↗Schwein ähnelt und ↗Drachen tötet) oder in zwei Versionen des äthiopischen Textes jene der ↗Gorgo (Peters 44).


1) Da offenbar schon sehr bald nach der Entstehung des griechischen Textes lateinische Versionen als "Physiologus" zur Verfügung standen, wurde die lateinische Benennung für Übersetzungen aus griechischen Textbeständen verwandt, was bis heute so gepflegt wird.

2) Kirchenschriftstellern wie ↗Justin Matyr, ↗Tertullian, ↗Laktanz, ↗ Hieronymus, etc. war der Physiologus bekannt, ↗Origenes zitiert und nennt Buch sowie Autor auch namentlich (Lauchert 65).
Justin erklärte in seinem Text gegen den Juden Tryphon den Psalm 23 auf eine Weise, wie dieser im Physiologus Kap. 1, ↗Löwen, beschrieben wird. Tertullians Beschreibung der ↗Auferstehung (De resurrectione mortuorum 13) erinnert an den Vogel Phyönix, der aus der Asche steigt (Physiologus Kap. 7). Denselben Stoff hat Laktanz in seinen Phönix-Gedichten (Lauchert 96) verarbeitet. Die Beschreibung der Sirenen durch Hieroymus (zB Ep. 54, 13. An Furia über die Bewahrung der Witwenschaft) erinnert an den Text in Physiologus Kap. 13.

Literatur:
Physiologus. Griechisch/Deutsch. Übers. Otto Schönberger. 2011 Stuttgart. Verl. Reclam.
Josef Strzygowski. Der Bilderkreis des griechischen Physiologus. 1899 Leipzig. Verl. B. G. Teubner.
Emil Peters. Der griechische Physiologus und seine orientalischen Übersetzungen. 1898 Berlin. Verl. S. Calvary & Co.
Friedrich Lauchert. Die Geschichte des Physiologus. 1889 Strassburg. Verl. Karl J. Trübner.


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MfG B.
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