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Paulus Missionshistorie und weiße Flecken auf der Landkarte ...
#1
Guten Tag,

... die Missionierung des Mittelmeerraums durch Paulus ist mir teilweise nicht ganz klar. Wenn man sich die Paulus-Route mal genau anschaut so fällt auf den 2. Blick auf, dass er bspw. ein wichtiges Handelszentrum wie ALEXANDRIA ausgelassen hat auf seinen Reisen.

Ich nehme diesbezüglich an, dass er soweit gar nicht kommen konnte, weil der Aufbau eines christlichen Netzwerkes im Nahen Osten doch einige Zeit beanspruchte, auch wenn er durch Kuriere den Prozess beschleunigen konnte. Im Prinzip müssten aber  seine späteren Anhänger ("Jünger") Alexandria und Nordafrika im allgemeinen als Missionsgebiet dann entdeckt haben.

Inwieweit Paulus Anhänger auch seine Denkweise hierbei weitergetragen hat, wäre für mich ebenfalls wissenswert.
Wenn er dies gemacht hat, wäre für mich zumindest logisch.
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#2
(10-10-2018, 18:13)Kreutzberg schrieb: ...Paulus Missionshistorie und weiße Flecken auf der Landkarte ...
... Wenn man sich die Paulus-Route mal genau anschaut so fällt auf den 2. Blick auf, dass er bspw. ein wichtiges Handelszentrum wie ALEXANDRIA ausgelassen hat auf seinen Reisen.


Von diesem Gesichtspunkt habe ich das noch nicht gesehen. Interessante Fragestellung!
Die Hafenstadt Alexandria ist ja nur ein Beispiel.

Wenn Paulus den Auftrag "Gehet hin und lehret alle Völker!" ernst nahm, dann mußte er eine sternförmige Mission aussenden. Nicht nur im
Römischen Reich, auch Lehrer nach Indien, Tibet, China, ins Land Punt (das spätere Abessinien und heutige Äthiopien), nach Zentralafrika und in den Kongo, ins Wolgatal, auf die lange Seidenstraße, zu den Slawen, zu den zentralasiatischen Steppen- und nordasiatischen Waldvölkern, nach Irland, nach Schottland

Ich verstehe nicht, daß dies nicht geschah. Die christliche Mission war doch etwa in Punt, in Tibet, im Lande Sindh, in Irland, in Schottland weit weniger gefährlich als in der Stadt Rom wo die Christen den Löwen zum Fraß vorgeworfen wurden !

Offenbar hatte Paulus und Co. an der Missionierung von militärisch schwachen Völkern kein Interesse. Sie wollten gar nicht weltweit missionieren, sondern die Meinungsmacher im Römischen Imperium werden.
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#3
Das wäre ein schönes Thema für eine TV-Dokumentation : die Missionierung der 2. Generation. Nach meinem Eindruck
hatte er (Paulus) nach der 1. Missionierungswelle die Stabilisierung der Gemeindestruktur wohl als wichtiger erachtet. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber seine Briefe sollten die Neu-Christen bei der Stange halten. Das galt umso mehr als die Diskussion aufflammte : sollten Heiden zusätzliche Glaubenszeugnisse abverlangt werden.

Über die Konsequenzen des sog. Apostelkonzils für die danach folgende Missionierung ist mir ebenfalls nichts bekannt.
Ich nehme an, dass die strickte Haltung der Glaubensreinheit danach weitgehend aufgegeben wurde. Allerdings
bin ich vom historischen Punkt davon überzeugt, dass bereits in dieser Zeit einige Apostel die Grundhaltung von
Paulus und Petrus nicht grds. vollständig teilten.

Ob das dann später zu den Glaubensstreitigkeiten führte welche durch Kaiser Konstantin letztlich beendet wurde
(Konzil von Nicäa) kann ich jedoch sicherlich nicht sagen.
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#4
Streng genommen ist uns auch von der Missionierung Roms nichts berichtet. Bei einigen Gegenden (Aegypten zum Beispiel) sieht es fast so aus, als waere da bewusst nichts berichtet worden. Aegypten wird allgemein mit Markus verbunden. Ansonsten hat halt nur Paulus Briefe geschrieben, die etwas darueber sagen und es in die Bibel geschafft haben. Insofern ist unser "fruehes Christentum" fast nur "Kleinasien und Griechenland".
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#5
(18-10-2018, 13:51)Kreutzberg schrieb: Über die Konsequenzen des sog. Apostelkonzils für die danach folgende Missionierung ist mir ebenfalls nichts bekannt.


Das Apostelkonzil war sicher eine starke Zäsur in der Christengemeinde.
War das Christentum die erste Zeit eine Bewegung innerhalb des Judentums, wurden nun auch Nichtjuden aufgenommen!
Mit Sicherheit wurden die ersten Nichtjuden argwöhnisch beäugt. Ohne es zu wollen, schleppten sie sicher auf Schritt und Tritt unbekannte Sitten ein. Plötzlich duftete es bei Ausflügen nach gebratenem Schweinefleisch, die Männer nahmen in der Christenversammlung die Kappen ab (oh Schreck!), Brot aus Sauerteig wurde gegessen und den Brüdern und Schwestern angeboten, und das knusprige Rindfleisch war - obwohl Rindfleisch - dennoch nicht koscher, da nicht richtig gemäß Thora ausgeblutet. Andere Musikinstrumente (Panflöten) wurden beim Singen gehört - der Graus jedes Israeliten. Ephraim hatte daher eine gegrillte Haxe von einer koscher geschlachteten Kuh mitgebracht - aber entsetzlicherweise hatte der Bruder Odysseus das Essen ruiniert - er hatte mit seinem Messer zuerst den köstlichen Ziegenkäse geschnitten und dann, noch bevor ihn jemand daran hindern konnte, die Rinderhaxe angeschnitten - die damit treife wurde !!!  Evil5

Dann kam der Bar Kochba Aufstand
Da die Christen gewaltlos waren und bei der nationalen Erhebung nicht mitkämpften, wurden alle getauften Juden aus ihren Synagogen ausgestoßen (Cherem).
Dies war im Jahre 135
Die nächste Zäsur !
Es gibt keine Statistiken darüber, man kann aber vermuten, daß ein großer Teil der Judenchristen sich nun, als es hart auf hart ging, für ihre Familien entschieden, dem Christentum den Rücken zeigten, und als normale Juden in ihren Synagogen verblieben.

Sicher blieben die einen oder anderen überzeugten Christen in den Christenversammlungen und nahmen die Verstoßung aus ihren Synagogen in Kauf, womit auch die Verstoßung aus ihren Familien einher ging.
Das Gros der Judenchristen wandte aber wohl der Christensekte den Rücken zu.

Nun war die Ecclesia auch formell von der Synagoge getrennt.

--------


Man kann das Frühchristentum in mehrere Etappen teilen:
1.) Wirken von Johannes dem Täufer, Wirken Jesu
Das Letzte Abendmahl war ein Treffen von Juden christlichen Glaubens.

2.) Das Apostelkonzil öffnete das Christentum auch für Nichtjuden
Die ersten Nichtjuden in der Christenheit sind sicher aufgefallen. Es kam aber bald zu einem modus vivendi zwischen Juden und Nichtjuden
Die Juden blieben selbstverständlich Angehörige ihrer Synagogen. Dies war schon deshalb erforderlich, um in ihren Familienverbänden bleiben zu können. Ein "Austritt" aus dem Judentum war undenkbar und formell gar nicht vorgesehen.
Ein "Austritt" aus dem Judentum war nur dadurch machbar, daß das Synagogenmitglied öffentlich gegen jüdische Lehre verstieß. Dies war vor dem Jahre 70 mangels einheitlicher Lehre (siehe das Spannungsfeld Pharisäer - Sadduzäer) gar nicht so eindeutig möglich !
Allerdings war beiweitem nicht das ganze Judentum in Synagogen organisiert; das mächtige sadduzäische Judentum (Partei der Hohepriester) gehörte nicht den Synagogen an. Die Synagogen waren die Versammlungen der Pharisäer. Ein cherem durch eine Synagoge hatte damit bis zum Jahre 70 nur den Charakter einer Verstoßung aus einem religiösen Club

2a) Nach dem Jahre 70 zogen die Synagogen andere Saiten auf. Da die sadduzäische Bevormundung weggefallen war, dominierten sie das Judentum mehr und mehr.
Mit Sicherheit wurde nun der Glaubensgehorsam in den Synagogen gestrafft.
Judenchristen mußten nun vorsichtiger mit ihren Glaubensansichten sein.

Jedenfalls waren die (tendentiell weniger werdenden) Judenchristen eine Gruppe von Leuten, die noch jüdisch erzogen waren, die Thora und die Propheten eingehend studiert hatten, und somit viel altes israelitisches Wissen ins Christentum einbrachten - bei der Interpretation von unverständlichen Texten des Tanach (AT) sicher eine begehrte Hilfe.

In diese Periode (zwischen 70 und 135) fällt auch die Geheime Offenbarung / Apokalypse
Hier wird tatsächlich in zwei Gruppen differentiert:
Die 144.000 "aus allen Stämmen der Söhne Israels" (Offb 7:4 EÜ)
Die "große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen" (Offb 7:9 EÜ)


3) Der gescheiterte Bar Kochba Aufstand war die nächste Zäsur. Die meisten Judenchristen kehrten der Christenheit den Rücken, um nicht ihre bürgerliche Existenz (Ausstoß aus der Synagoge, damit Abbruch aller Kontakte mit ihren Familien, damit auch Ausstoß aus den Berufsvereinigungen und auch Verlust der Altersversorgung die damals nicht staatlich sondern familiär organisiert war) zu verlieren.
Nach dem Jahre 135 mögen noch einzelne Juden in der Ecclesia verblieben sein, doch das war die Ausnahme.
Als diese letzten Judenchristen dann alt wurden und ab 180 verstorben waren, konnte kein Christ mehr Hebräisch

Das Verständnis des AT war schwierig geworden.


Dies kann man nicht damit abtun, daß das AT keine Relevanz für die Christen hätte, denn immerhin ist die wichtige Geschichte von Adam und Eva mit ihrer Erbschuld im AT
Ebenso Kain und Abel, die Sintflut und andere wichtige Geschichten
Und die Propheten, die ja Jesus vorhersagten

Wenn ein in der Christenheit verbleibender Judenchrist im Jahre 135 etwa 15 Jahre alt war, dann war er 120 geboren.
Im Jahre 180 war er 60, damals ein hohes Alter

Man kann daher davon ausgehen, daß die Christenheit ca ab dem Jahre 180 beim Lesen des AT im Dunkeln tappte

Die Kirchenväter waren ab diesem ungefähren Zeitpunkt 180/200 mehr und mehr ratlos und begannen zu schwimmen

Die verschlüsselte Offenbarung konnte keiner der Kirchenväter sinnvoll interpretieren.  Eusa_think  
Oder hat da jemand eine andere Meinung ?
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#6
(18-10-2018, 16:59)Ulan schrieb: Streng genommen ist uns auch von der Missionierung Roms nichts berichtet. Bei einigen Gegenden (Aegypten zum Beispiel) sieht es fast so aus, als waere da bewusst nichts berichtet worden. Aegypten wird allgemein mit Markus verbunden. Ansonsten hat halt nur Paulus Briefe geschrieben, die etwas darueber sagen und es in die Bibel geschafft haben. Insofern ist unser "fruehes Christentum" fast nur "Kleinasien und Griechenland".


Paulus schrieb der Christenversammlung in Rom
"Paulus kontaktierte die Gemeinde in Rom, weil er ihre Unterstützung für eine Mission in Spanien wollte, denn er hatte im Oströmischen Reich kein Arbeitsfeld mehr (Röm 15,18-24 EU)"
Missionsgeschichte - Wikipedia

Es gab also zur Zeit des Paulusbriefes bereits eine Christengemeinde in Rom !

Paulus bat sie um Unterstützung für eine Mission in Spanien

Zur Mission in Ägypten: Ägypten wird allgemein mit Markus verbunden (Ulan). Es steht zwar nichts darüber in der Bibel, aber "Eusebius, Hieronymus und Epiphanius kennen darüber hinaus die Tradition, dass Markus der Gründer der Gemeinde in Alexandria gewesen sei"
Markus (Evangelist) - Wikipedia
In Alexandria lebten damals mehr Juden als in Jerusalem. Die Griechischkenntnisse des Markus waren ihm in der jüdischen Gemeinde von Alexandria (dem Ursprungsort der Septuaginta) sicher sehr hilfreich; die griechischsprachige Septuaginta war nämlich deshalb entstanden, weil die Diaspora in Alexandria kaum mehr Hebräisch verstand. Markus war laut den Kirchenvätern in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren nach Alexandria gereist (jedenfalls vor dem Jahre 70)
Mir war es immer unerklärlich, warum die Heilige Familie ausgerechnet ins Niltal geflohen war. "Flucht nach Ägypten"
In ein polytheistisches Land mit unzählbaren Göttern, aus dem die Israeliten in grauer Vorzeit mit knapper Not entronnen waren. (Marsch durch das Rote Meer)
Die Heilige Familie hätte ja auch nach Kleinasien flüchten können, nach Damaskus (das außerhalb des Machtbereichs von König Herodes lag) oder ins Zweistromland. Warum gerade nach Ägypten ?
Offenbar war es die bedeutende jüdische Diaspora in der Hafenstadt Alexandria, wo wie gesagt mehr Juden als in Jerusalem lebten, vielleicht oder wahrscheinlich hatte die Heilige Familie Verwandte oder Freunde dort in dieser Stadt. Für Juden auf der Flucht vor Herodes ein idealer Fluchtort: Bedeutende jüdische Gemeinde - erträgliches Essen und jüdische Kultur - aber außerhalb des Machtbereichs von König Herodes

Wie wir sahen, erfolgte die Missionierung zur Zeit der Apostel nicht nur in Kleinasien und Griechenland, sondern auch in Rom und in Spanien, wahrscheinlich auch in der Hafenstadt Alexandria (obwohl hier die Bibel nichts berichtet)

Die Missionierung zur Zeit der Apostel verließ aber offensichtlich nicht das Mittelmeerbecken !

Dies ist wirklich erstaunlich, denn der Auftrag Jesu lautete doch:  "Gehet hin und lehret alle Völker!"
Wer diesen Auftrag ernst nahm, hätte eine sternförmige Mission organisiert.

Außerdem war die christliche Mission außerhalb des Imperium Romanum (Zweistromland, Hochland von Iran, Industal, Indien, Punt) weit weniger gefährlich als in Rom
Rom verteidigte seinen Kult mit der Waffe in der Hand.
Wenn ein Christ sich in Rom weigerte, den Göttern zu opfern, wurde er umgebracht oder zumindest vertrieben

In Punt gab es damals jüdische Sippen, die Falasha
Im Zweistromland lebten viele jüdische Sippen, in Indien ebenso.

Möglicherweise missionierten die Apostel tatsächlich sternförmig in alle Himmelsrichtungen wie der Auftrag Jesu "Gehet hin und lehret alle Völker!" lautete - und bloß die Aufzeichnungen gingen verloren
Kein Wunder in dieser bewegten Zeit (seit dem Jahre 64 gärte es, schließlich kam es 66 zum offenen Krieg der Juden gegen Rom, der 70 in der Belagerung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels gipfelte, 74 die Einkesselung von Masada) - da war Partisanenkrieg und Krieg.

Nicht lange später (132-135) war der Bar Kochba Aufstand wo 1000 jüdische Siedlungen zerstört wurden.

Dann gab es die schweren Christenverfolgungen durch Rom (ab 249 mit Unterbrechungen bis 311), wo wieder viele Schriften verloren gingen.
Nicht nur durch Razzien der Römer, sondern sicher haben zahllose Christen aus Angst ihre ganzen Schriften verbrannt

Somit ist das Quellenmaterial aus der Zeit der Apostel dürftig

Ist ja klar, daß es "weiße Flecken auf der Landkarte" gibt

Wahrscheinlich mehr weiße Flecken als Reiseberichte und anderes historisches Material
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#7
(21-10-2018, 23:25)Sinai schrieb: Die Missionierung zur Zeit der Apostel verließ aber offensichtlich nicht das Mittelmeerbecken !

Durch den Verlust eines Grossteils der Christenheit im Zuge der Islamisierung mag dieses Fehlurteil entstehen. Im Prinzip ist unsere Weltsicht von damals durch die Briefe des Paulus und die Apostelgeschichte gepraegt. Natuerlich betreten wir hier das Reich der Legenden (allerdings ist das bei der Apostelgeschichte in vielerlei Hinsicht auch nicht anders). Armenien, das erste Land der Welt, wo das Christentum Staatsreligion wurde, behauptet, durch den Apostel Bartholomaeus und seinen Schueler Thaddaeus bekehrt worden zu sein. Die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche fuehrt ihre Gruendung auf den Apostel Matthaeus zurueck, allerdings ist sie in Wahrheit wohl eher im 4. Jhdt. entstanden. Nach Osten hin (Persien) waeren die thomasinischen Kirchen zu nennen, die sich auf den Apostel dieses Namens beschraenkte. Im Prinzip breitete sich das Christentum bis ins heutige China aus. Es wurde im Osten aber fast nirgendwo zur Mehrheitsreligion wie im Roemischen Reich, wo der Staat das per Dekret erzwang.

(21-10-2018, 23:25)Sinai schrieb: Außerdem war die christliche Mission außerhalb des Imperium Romanum (Zweistromland, Hochland von Iran, Industal, Indien, Punt) weit weniger gefährlich als in Rom
Rom verteidigte seinen Kult mit der Waffe in der Hand.
Wenn ein Christ sich in Rom weigerte, den Göttern zu opfern, wurde er umgebracht oder zumindest vertrieben

Das ist in mehrerlei Hinsicht falsch. Das Roemische Reich war in religioesen Fragen aeusserst tolerant. Kulte von ueberall innerhalb und ausserhalb des Roemischen Reiches wurden die meiste Zeit geduldet oder sogar gefoerdert. Deine eigenen Saetze sollten Dir eigentlich zeigen, dass das Problem nicht die Intoleranz der Roemischen Staats war, sondern die Intoleranz der Christen. Es galt als Buergerpflicht z.B. dem Schutzgott einer Stadt die entsprechende Ehrung zu erweisen. Da Christen sich weigerten, Schaden von der Gemeinschaft abzuwenden, indem sie die lokalen Goetter um Nachsicht baten, galten sie lange Zeit als asoziale und gesellschaftsschaedigende Elemente. Dies fuehrte dann zu gelegentlichen Verurteilungen von Christen wegen ihres Atheismus. Systematische Verfolgungen waren sehr selten. Waehrend der fruehen Jahre der Missionierung hatten Schwierigkeiten mehr mit den juedischerseits begonnenen Kriegen zu tun, und die Unterscheidung von Juden und Christen war nicht immer klar.

Andererseits gab es Christenverfolgungen natuerlich auch in anderen Laendern. In Persien z.B. gab es eine vierzig Jahre lang anhaltende Verfolgung, die 341 durch Shahpur II. gestartet wurde. Zu der Zeit wurden keine Bischoefe mehr geweiht, da das in deren sicherem Tod geendet haette. Natuerlich wurde das auch dadurch gefoerdert, dass Persien alle Christen als roemische Spione ansah. Spaeter ging das, bis zur Islamisierung, hin und her.
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#8
(22-10-2018, 12:29)Ulan schrieb:
(21-10-2018, 23:25)Sinai schrieb: Die Missionierung zur Zeit der Apostel verließ aber offensichtlich nicht das Mittelmeerbecken !

Durch den Verlust eines Grossteils der Christenheit im Zuge der Islamisierung mag dieses Fehlurteil entstehen.


Ich weiß nicht . . . zwischen der Zeit der Apostel und der Islamisierung lagen mehr als 500 Jahre !

Hier in diesem Thread ist aber von der Missionierung zur Zeit der Apostel die Rede.
Diese beschränkte sich meines Wissens geographisch auf das Mittelmeerbecken
Mission gab es damals in Kleinasien, Griechenland, Rom - wahrscheinlich auch in Alexandria im Nildelta und möglicherweise auch in Spanien

Der These, daß es möglicherweise zur Zeit der Apostel eine ausgedehnte Missionstätigkeit außerhalb des Mittelmeerbeckens gegeben hätte, von der allerdings aufgrund der Christenverfolgungen keine schriftlichen Zeugnisse existieren, vermag ich wenig abzugewinnen.
Wir wissen: im Krieg der Juden gegen Rom (66 bis 70 oder 74) der 70 in der Belagerung und Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels gipfelte und 74 mit der Belagerung und Eroberung Masadas endete, ging viel Schriftmaterial verloren. Im nicht lange später beginnenden Bar Kochba Aufstand (132-135) wurden 1000 jüdische Siedlungen zerstört. Hier in diesen Kriegswirren zwischen 66 und 135 gingen sicher auch sehr viele Schriften der Christen verloren.

Wir wissen, daß es bereits 64 in der Stadt Rom eine schwere Christenverfolgung gab; ab 249 mit Unterbrechungen bis 311 gab es schwere Christenverfolgungen im ganzen Imperium Romanum, wo viele Schriften verloren gingen. Nicht nur durch Razzien der Römer, sondern sicher haben zahllose Christen aus Angst ihre ganzen Schriften verbrannt

Dies spricht für die These, daß es möglicherweise zur Zeit der Apostel eine ausgedehnte Missionstätigkeit außerhalb des Mittelmeerbeckens gegeben hätte, von der allerdings aufgrund der Kriegswirren und der Christenverfolgungen keine schriftlichen Zeugnisse existieren

Gegen diese These spricht, daß doch die Juden das entstehende Christentum sehr genau beobachteten
Die jüdischen Gemeinden in Mesopotamien lagen außerhalb des Imperium Romanum und wurden nicht verfolgt; ihre Schriftensammlungen wurden nicht zerstört. Hätte es christliche Missionstätigkeiten zur Zeit der Apostel in Mesopotamien ("Babylon") und auf dem Netz der Seidenstraßen (pl.) gegeben, wären diese sicher in den rabbinischen Schriften, die später zum Talmud kompiliert wurden, erwähnt worden

- - - -


Daß es ab ca 300 eine immer stärker werdende Verbreitung des Christentums gab, wissen wir.
Nach Süden: 316 entstand die christliche Gemeinde in Aksum (im Gebiet des alten Landes Punt)
Nach Osten: hier entstanden christliche Gemeinden entlang des Netzes der Seidenstraßen (pl.) am Südufer das Kaspischen Meeres, im Hochland von Iran, im Industal und von dort nach "Indien" (das damals noch gar nicht existierte) und nördlich bis ins Tarimbecken zur Stadt Kuqa und dann sogar nach Karakorum (nestorianische Christen, die als Herätiker vertrieben wurden).
Aber auch im Atlantik - Irland und Schottland
Doch all dies liegt Jahrhunderte nach der Zeit der Apostel und ist im vorliegenden Thread nicht von Interesse
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#9
(22-10-2018, 22:31)Sinai schrieb: Ich weiß nicht . . . zwischen der Zeit der Apostel und der Islamisierung lagen mehr als 500 Jahre !

Der Punkt ist, dass durch die Islamisierung Zeugnisse der Christenheit im Osten verloren gingen. Dadurch entsteht fast der Eindruck, es haette sie nie gegeben, da man in Geschichtsbuechern fast nichts ueber sie schreiben kann. Das Judenchristentum ist ja auch etwas, das ein eher nicht fassbares Phaenomen ist. Die Erwaehnungen der Kirchenvaeter bleiben immer vage.

(22-10-2018, 22:31)Sinai schrieb: Der These, daß es möglicherweise zur Zeit der Apostel eine ausgedehnte Missionstätigkeit außerhalb des Mittelmeerbeckens gegeben hätte, von der allerdings aufgrund der Christenverfolgungen keine schriftlichen Zeugnisse existieren, vermag ich wenig abzugewinnen.

Historisch mag dem durchaus so sein. Die Apostelgeschichte berichtet zwar von der Bekehrung des ersten Aethiopiers, angeblich des Schatzmeisters der Koenigin, aber wie so oft bei der Apostelgeschichte wirkt das wie eine Maerchengeschichte. Uebrigens ist "Mittelmeerbecken" schon viel zu weit gefasst. Die Kirche von Rom hatte ja unter anderem deshalb eine hervorragende Stellung im westlichen Teil des Roemischen Reiches, weil die dortige Gemeinde die einzige war, die Anspruch auf eine apostolische Gruendung erheben konnte, was auch Spanien ausschliesst.

Paulus ist der einzig wirklich Fassbare. Wenn man die fruehen Ueberlieferungen der Kirchenvaeter durchforstet, kommen noch Johannes fuer Kleinasien, Andreas fuer Epirus, Markus fuer Alexandria (falls man ihn als Apostel zaehlt), Petrus fuer Rom und Thomas fuer Parthien (Irak, Iran, Belutschistan) dazu. Alles in allem geht es nur um wenige Orte. Was davon tatsaechlich einen geschichtlichen Kern hat, ist eh fraglich, da schon recht frueh die massenhafte Legendenproduktion eingesetzt hat. Der Nukleus des fruehen Christentums war sicherlich in Kleinasien und Syrien, also einem geographisch sehr ueberschaubaren Raum.
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#10
(10-10-2018, 18:13)Kreutzberg schrieb: Guten Tag,

... die Missionierung des Mittelmeerraums durch Paulus ist mir teilweise nicht ganz klar. Wenn man sich die Paulus-Route mal genau anschaut so fällt auf den 2. Blick auf, dass er bspw. ein wichtiges Handelszentrum wie ALEXANDRIA ausgelassen hat auf seinen Reisen.

Ich nehme diesbezüglich an, dass er soweit gar nicht kommen konnte, weil der Aufbau eines christlichen Netzwerkes im Nahen Osten doch einige Zeit beanspruchte, auch wenn er durch Kuriere den Prozess beschleunigen konnte. Im Prinzip müssten aber  seine späteren Anhänger ("Jünger") Alexandria und Nordafrika im allgemeinen als Missionsgebiet dann entdeckt haben.

Inwieweit Paulus Anhänger auch seine Denkweise hierbei weitergetragen hat, wäre für mich ebenfalls wissenswert.
Wenn er dies gemacht hat, wäre für mich zumindest logisch.


Ich habe mir die Missionsreisen des Paulus angeschaut:
"Paulus missionarisches Wirken war fortwährend von Mitarbeitern begleitet, . . .
Etwa fünfzig Menschen, die namentlich in den paulinischen Briefen und der lukanischen Apostelgeschichte genannt wurden, können als direkte Mitarbeiter bezeichnet werden."
Missionsreisen des Paulus - Wikipedia

Zur Post der damaligen Zeit:
"Die Grundlagen für eine eigene Staatspost im Römischen Reich wurden von Gaius Iulius Caesar gelegt. Der römische Kaiser Augustus baute sie später beträchtlich aus. Die „Post“ wurde damals cursus publicus genannt und unterstand direkt dem Kaiser. Der cursus publicus war nicht für private Sendungen zugelassen.

Für Privatbriefe musste man andere Wege wählen: man gab sie etwa reisenden Freunden mit. Allerdings war damit manchmal auch eine lange Wartezeit verbunden"
Geschichte der Post - Wikipedia

Somit kann man davon ausgehen, daß Paulus Boten (Du nennst sie Kuriere) einsetzte; die staatliche Post ("cursus publicus") transporierte keine privaten Briefe.

Aber man soll auch bedenken, daß zu Lebzeiten des Apostel Paulus das Christentum heimlich wirkte.
Paulus lebte in einer gefährlichen Zeit. Niemand wußte, ob nicht morgen eine staatliche Unterdrückung kommt.
Paulus wäre schön blöd gewesen, wenn er alle von ihm gegründeten oder auch nur geleiteten Christenversammlungen aufgelistet hätte, das wäre eine willkommene Verhaftungsliste für die römischen Behörden gewesen.
Immerhin starb Paulus wahrscheinlich im Jahr 64 n. Chr. unter Kaiser Nero bei der allgemeinen Christenverfolgung nach dem Brand Roms
"Vierte Reise
Nach seiner Anklage in Jerusalem appellierte Paulus an das kaiserliche Gericht in Rom. Daraufhin überstellte man den Gefangenen in die Hauptstadt des Imperiums Romanum stellte ihn für längere Zeit unter Hausarrest wo er auf seinen Prozess wartete. Wahrscheinlich starb er im Jahr 64 n. Chr. unter Kaiser Nero bei der allgemeinen Christenverfolgung nach dem Brand Roms (1 Clem 5,5-7 EU)
Anton Grabner-Haider: Kulturgeschichte der Bibel. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, 978-3-525-57309-9, S. 369"
Missionsreisen des Paulus - Wikipedia

Wahrscheinlich waren manche Christenversammlungen bekannt (Rom) und wurden daher erwähnt; andere Christenversammlungen waren wohl noch unentdeckt und arbeiteten im Verborgenen und wurden deshalb nicht schriftlich erwähnt. Wer soll das heute wissen ?
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#11
Zur Zeit des Paulus gab es keine allgemeinen Christenverfolgungen. Die Gemeinden hatten nichts weiter zu befuerchten, solange sie sich an die Gesetze hielten. Das spezifische Problem von Paulus war, dass er oeffentlich auftrat, entweder mit Reden oder sogar einer Art Vorstellung. Seine Reden wider die geltende juedische Praxis brachte oft oertliche juedische Gemeinden gegen ihn auf, und auch "Goetzenverehrung" wurde oeffentlich angegriffen, was Juden nicht taten, und was wiederum das Zeug hatte, Anhaenger der traditionellen Kulte gegen ihn aufzubringen. Im Prinzip geht's hier also um die Erregung oeffentlichen Aergernisses und Anstiftung von Aufruhr, was die staatlichen Organe hin und wieder auf den Plan rief. Normale christliche Gemeindemitglieder hatten solche Probleme nicht.

Meistens reagierte der roemische Staat nur, z.B. auf Aufstaende gegen oeffentliche Bilder, etc. Sie konnten natuerlich durch antijuedische Massnahmen betroffen werden, wie zur Zeit des Claudius in Rom, der wegen der oeffentlichen Proteste gegen Kaiserbilder die Juden aus Rom verbannte.

In Palaestina war die gegnerische Partei der Tempelapparat, nicht Rom.
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