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Simon Magus, Simonianer
#1
Nach der ↗Apostelgeschichte trifft ↗Philippus bei seiner Missionstätigkeit in ↗Samaria mit einem Mann namens Simon zusammen. Dieser verstand sein Publikum durch allerlei Taschenspielertricks (↗Zauberei) zu beeindrucken. Simon beanspruchte, die Kraft Gottes zu sein (Apg 8,10), was ihm viele, die ihm zuhörten, auch abnahmen.

Philippus predigt vom Reich Gottes. Viele konnte er überzeugen. Sie ließen sich taufen. Auch Simon Magus und die, die mit ihm umherzogen (Apg 8,13).

Als die ↗Apostel in ↗Jerusalem vom Missionserfolg des Philippus hörten, sandten sie ↗Petrus und ↗Johannes nach Samaria. Die Apostel legten den Getauften die Hände auf, und sie empfingen den ↗Heiligen Geist. Simon wollte Anteil an dieser Gabe haben und bot den Aposteln Geld dafür (↗Simonie). Petrus wies ihn zurecht und verdammte ihn. Daraufhin gab Simon klein bei und bat um Vergebung (Apg 8, 18-24).

Sowohl aus der Apg als auch aus den Texten der nachstehend angemerkten Kirchenschriftsteller1  darf mach sich kein objektives Bild über die Person des Simon aus Samaria erwarten. Es handelt sich bei Simon Magus wohl um eine religionsgeschichtlich bedeutsame, durch die Polemik christlicher Autoren arg verfremdete Person.

Nach Berichten der ↗Kirchenväter war Simon Magus der Vater aller gnostischen Irrlehren gewesen (Justin Apol. 1, 26.56; Iren. AH 1, 23; Hippolyt Ref. 6, 7; Euseb KG 2, 13). Aus der Apg ist diese Aussage nicht ableitbar. Simon tritt dort zwar als Irrlehrer, nicht aber als ↗Gnostiker auf (Schmithals 130). Für die Väter müssen also andere historische Gründe für eine solche Einordnung vorgelegen haben.

↗Justin berichtet, dass Simon aus Gitton, einem Dorf in Samaria, stammte und mit einer ehemaligen Prostituierten namens Helena umherzog. Diese bezeichnete er als seinen (Gottes) ersten Gedanken (εννοια bzw. ἐπίνοια). Fast alle ↗Samaritaner hätten Simon als den höchsten Gott verehrt. In ↗Rom habe er mit Hilfe von ↗Dämonen Zauberei betrieben. Auch dort sei er als Gott verehrt worden. Am Tiber habe man ihm zu Ehren einen Bildstock mit der Inschrift "Simoni deo sancto"2 aufgestellt. Er sei auch vor dem Kaiserhaus und dem ↗Senat aufgetreten und habe alle mit seiner Zauberei in Erstaunen versetzt.

Der römischen Geschichtsschreibung  ist dieses behauptete spektakuläre Ereignis nicht bekannt.

Die ↗apokryphen Petrusakten3 berichten über einen Kampf des Apostels Petrus mit Simon Magus, der in Rom auf dem Forum Romanum ausgetragen wird. Der Text berichtet von geradezu grotesken ↗Wundern, die Petrus in diesem Zusammenhang vollbringt. Ein ↗Hund beginnt zu sprechen und dient Petrus als Übermittler von Botschaften. Ein ↗Fisch, der zum Trocknen in einem Fenster hängt, wird auf seinen Befehl wieder lebendig. Ein Säugling beginnt auf Petrus' Geheiß mit einer tiefen Männerstimme in seinem Sinne  zu sprechen. Er erweckt einen Jüngling, den Simon zuvor getötet hat und führt Krankenheilungen durch. Schließlich lässt er Simon, der die Menge durch eine Flugvorführung zu beeindrucken versucht, durch Anrufung des Herrn vom Himmel fallen. Simon bricht sich dreifach den Oberschenkel, wird von seinen letzten Getreuen zu einem Heiler gebracht, wo er stirbt.

Eine ausgebildete simonianische Lehre ist wohl erst spät entstanden. Was die Kirchenväter dazu zu berichten haben, ist im Kern von Justin abhängig. Es wird ergänzt und ausgesponnen. Insbesondere die Helena-Geschichte durch ↗Hippolyt und ↗Epiphanius. Einiges an Informationen zur simonianischen Gnosis liegt auch in Texten vor, die ↗Klemens von Rom verfasst haben soll (↗Pseudoclementinen).

Am Anfang ist die Einheit der grenzenlosen göttlichen Kraft da. Aus ihr heraus findet eine Selbstteilung statt. Es entstehen νοῦς (↗nous = Geist, Verstand) und ἐπίνοια (Epinoia = Gedanke). Epinoia, der erste Gedanke Gottes, ist weiblich (wie ↗Sophia, die göttliche Weisheit, in anderen Systemen ebenfalls weiblich ist). Nous ist der männliche Teil der nunmehr zweigeteilten Göttlichkeit. Die Epinoia nennt ihn Vater. Sie ist die Trägerin der schöpferischen Kräfte, Trägerin der Zeugungskraft des Vaters. Sie schafft zunächst ↗Engel, ↗Erzengel und andere gestalterischen Mächte. Diese schaffen danach die Welt und alles Lebendige. Aus Neid haben sie sich dann der Epinoia bemächtigt und sie in die unteren Sphären (aus dem ↗obersten Himmel auf die Erde) verschleppt. Sie wurde in menschliche (weibliche) Körper eingeschlossen und konnte nicht mehr zum Vater zurückkehren. In den Frauenkörpern, die sie durchwandern musste, hatte sie Demütigung und Kränkung zu erleiden. Überall, wo sie auftrat, entstanden Streit und Krieg. Auch in ↗Helena, der Königin von Sparta, um derentwegen der ↗Troianische Krieg  entbrannte, war die Epinoia gefangen gewesen. Schließlich landet sie, als Endstufe ihres ständigen Falls, als Prostituierte in einem Bordell in Tyrus.

Um sie, die Epinoia, zu erlösen, steigt Gott in Gestalt des Simon zur Erde herab. Gemeinsam tragen sie danach die Botschaft zu den Menschen, dass alle, die an sie beide glauben, an der Erlösung teilhaben werden.


1) Von einigen Fachgelehrten wurde ernsthaft in Zweifel gezogen, dass der Simon Magus der Apg mit der von den Kirchenvätern kritisierten gleichnamigen Person identisch ist (Jonas 135).
2 Der Bildstock wird auch von ↗Irenäus und ↗Tertullian (Tert. apol. 13) erwähnt. Er ist 1574 gefunden worden. Allerdings lautet die Inschrift „Semoni Sanco deo Fidio sacrum“ und wurde wohl zu Ehren einer von den ↗Sabinern übernommenen Gottheit (Semo sanctus, ein Schwurgott, identisch mit Dius Fidius) aufgestellt.
3 Über die Entstehungszeit der Petrusakten herrscht unter den Fachgelehrten keine Einigkeit. Diese wird zwischen Ende des 2. (W. Schneemelcher) bis Mitte des 3. Jhs (A. v. Harnack) angenommen.


Literatur:
Hans Waitz. Die Pseudoklementinen. 1904 Leipzig. Verl. Hindrichssche Buchhandlung.
Walter Schmithals. Neues Testament und Gnosis. 1948 Darmstadt. Verl. Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Hans Jonas. Gnosis. Die Botschaft des fremden Gottes. 2. Aufl. 2018 Frankfurt/Main. Insel Verlag.



● Zum Inhaltsverzeichnis des Lexikons
MfG B.
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