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Schlange
#1
(Text in Arbeit)

Die Schlange hat in den ↗Mythen nahezu aller Völker einen bedeutsamen Stellenwert. Schon in ↗sumerischen und ↗akkadischen Dichtungen, deren Ursprünge zum Teil ins 3. Jt vC zurückreichen, spielen Schlangen tragende Rollen. Zum Beispiel in der Fabel vom Adler und der Schlange1 im ersten Teil des ↗Etana-Mythos'. Ebenso im ↗Gilgamesch-Epos, wo es eine Schlange ist, die verhindert, dass der Held die Unsterblichkeit erlangt2. Aus dem Schlangenungeheuer ↗Tiamat wurde im ↗Enuma elisch Epos die Welt geformt.

Der elegante Körper, die starren Augen, der blitzschnell vorgetragene Angriff und die furchtbare Wirkung des Schlangengiftes erklären die zum guten Teil ähnlichen Vorstellungen, die verschiedene Völker  die Schlange betreffend entwickelt hatten.  

Wie der ↗Uhu, der ↗Rabe, die ↗Taube, die ↗Fledermaus, die ↗Maus, die ↗Eidechse, der ↗Schmetterling, etc. auch, ist die Schlange ein ↗Seelentier. In Gestalt dieser Tiere verlässt die menschliche ↗Seele den Körper. Der ↗Drache ist die Verschmelzung der Seelentiere Schlange, Eidechse und von Seelenvögeln (Heiler 85).

Insbesondere in Landschaften, in denen die Begegnung von Schlange und Mensch keine Seltenheit ist, hatten diese einen festen Platz in ↗Märchen und Mythen gefunden.

Frommen ↗Hindus gelten Schlangen als heilig. Die Tötung von Schlangen stellt für sie eine schwere Sünde dar (Heiler 79).

Auch als kosmisches Tier tritt die Schlange im Mythos verschiedener Kulturen auf. Als Wolkenschlange ↗Apophis muss sie der ↗Sonnengott Re täglich überwinden, als Stirnschlange des Sonnengottes vernichtet sie dessen Feinde durch Feuer. Im nordischen Mythos legt sich die ↗Midgard-Schlange wie der Ozean um die Welt.

In ↗Ägypten stehen ↗Uräusschlangen (Ägyptische Kobras) symbolisch für die beiden Kronengöttinen Ober- und Unterägyptens, wobei für Oberägypten die ↗Elkab (eigentlich eine Geiergöttin) und für Unterägypten die Schlangengöttin ↗Wadjet von Buto steht. Der ↗Pharao trägt die Uräusschlange als Stirnschmuck. Dort sollte sie (als Auge des Sonnengottes Re) Unheil vom Herrscher fernhalten und seine vernichtende Kraft als Kriegsherr symbolisieren. Als ↗Uroboros (= eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt) verehrten die Ägypter das göttliche und ewig wiederkehrende kosmische Leben (Assmann 102). 

In der griechischen Mythologie werden Schlangen überwiegend negativ wahrgenommen. Als Symboltiere erdgebundener Gottheiten sind Schlangen immer schrecklich. Das schrecklichste der schlangengestaltigen Ungeheuer war ↗Typhon gewesen. Seine Frau ↗Echidna, die gemeinsam mit ihrem Bruder, der Schlange ↗Ladon3, den Baum der ↗Äpfel der Hersperiden hütete, war als riesiges Wesen gedacht, das zur einen Hälfte aus einer schönen Frau, zur anderen Hälfte aus einer riesigen, alles verschlingenden Schlange bestand. Nachdem ↗Zeus den Typhon besiegt hatte, wurde das Ungeheuer unter dem ↗Ätna begraben, wo es ewig feuerspeiend stöhnt und brüllt. Die ↗Erinnyen (oder Eumeniden), drei weibliche Zorn- oder Rachegöttinnen, hatten Schlangenhaare und schwarze Haut. Auch den ↗Gorgonen wuchsen anstatt der Haare Schlangen aus dem Kopf. ↗Chimaira und ↗Kerberos, beides Kinder des Typhon, hatten einen gefährlichen Schlangenschwanz. Auch die schreckliche ↗Hydra, die vielköpfige Wasserschlange, die in den Sümpfen von Lerna wohnte, war ein Kind des Typhon gewesen. ↗Medea flüchtete, nachdem sie als Rache an  ↗Iason ihre Kinder getötet hatte, mit einem Streitwagen, dem Schlangen vorgespannt waren. Die Frau des ↗Orpheus, Eurydike, verstarb an einem Schlangenbiss.

Es wurden von den alten Griechen aber auch neutrale bis positive Bezüge zu Schlangen hergestellt. Bevor ↗Apollon sie tötete und sich ihr Heiligtum aneignete, war die Schlange ↗Python Hüterin des ↗Orakels von Delphi gewesen. Nach ihr wurde die Priesterin, die von Apollon die Orakel empfing, ↗Pythia genannt. ↗Mänaden flochten sich Schlangen ins Haar, wenn sie ihre ausgelassenen Feste feierten. ↗Athena trug einen Umhang mit Schlangenbesatz. ↗Kassandra wurde durch Schlangen, die an ihren Ohren leckten, zur ↗Seherin. Den Botenstab des ↗Hermes zieren zwei in sich verknüpfte Schlangen. Als Sühne- und Reinigungsgott wurde Zeus (Ζεύς μειλίχιος) auch in Schlangengestalt verehrt.

↗Asklepios waren Schlangen heilig gewesen. In der Gestalt einer Schlange kam Asklepios auf einem Schiff nach ↗Rom (Ovid, Met XV 742). Die Schlange galt als ein von ↗Hera geliebtes Tier (Kerenyi 120). Als Hausschlangen, die gefüttert wurden, nahmen diese den Charakter eines das Heim hütenden, schützenden Geistes an.

In der jüdischen und christlichen Mythologie treten Schlangen durchwegs negativ in Erscheinung, was, wenn man Gen 3,1ff. vor Augen hat, nicht weiter überrascht. Das "wässrige" Schlangenungeheuer ↗Leviatan wird der Herr erschlagen (Jes 27,1). Giftschlangen waren den Juden dermaßen suspekt, dass sie sogar am ↗Schabbat gefangen werden durften, um zu verhindern, dass sie Schaden zufügen (bTalm. Schabbat XIII 107a). Auch das Töten einer Schlange am Schabbat ist erlaubt (bTalm. Schabbat XIV 121b). Im ↗Talmud ist zudem festgehalten, dass aus Schlangen ↗Dämonen werden (bTalm. Baba Kamma I 16a).

Dass Schlangen bei den ↗Israeliten in Urzeiten in Verehrung standen, kann aus der Erzählung von der Bronze-Schlange (ehernen Schlange) geschlossen werden (Num 21,8f.; 2Kön 18,4).

Im NT wird die "alte Schlange" (Gen 3,1ff.), die die himmlische Frau und ihr Kind verfolgt und vom ↗Erzengel Michael bekämpft wird, mit dem ↗Teufel (Offb 12,9.20,2) gleichgesetzt. Auch die Schlange, deren Kopf ↗Maria (in der christlichen Ikonographie) zertritt, soll den Teufel darstellen. ↗Christus stattete seine Jünger u.a. mit der Macht über Schlangen aus. Gegen Schlangengift waren sie immun (Mk 16,18; Lk 10,19; Apg 28,3-6).

In der ↗Ikonographie des 12./13. Jhs erhält die Schlange einen Frauenkopf. Nach ↗Petrus Comestor ist damit die biblische ↗Eva bzw. die ↗Lilith der jüdischen Mythologie gemeint.

Nach ↗Hildegard von Bingen kann man Schlangen mit dem Jaspisstein bekämpfen. Der Jaspis schwäche die Schlange und sie höre zu atmen auf, meint Hildegard (Physika 4.10). Auch mit dem Amethyst kann man nach Hildegard Schlangen fernhalten, weil diese Orte, wo Amethyste liegen, wie sie meint, meiden (Physika 4.15).

In den Märchen der ↗Romantik treten Schlangen zuweilen positiv in Erscheinung. In "Oda und die Schlange"4, beispielsweise, ist die Schlange, die Oda sich ins Haus und ins Bett nimmt, ein verwunschener Prinz, in "Die dankbaren Tiere"4 rettet eine Giftschlange einen Pilger, der diese Schlange zuvor aus einer misslichen Lage befreit hatte, davor, als Unschuldiger gehenkt zu werden.

Eine der in diesem Sinne schönsten Erzählungen ist das Märchen "Der Goldene Topf" von E.T.A. Hoffmann, in dem sich der Student Anselm in Serpentina, die Tochter des Geisterfürsten Lindhorst, verliebt, die ihm in Gestalt einer grüngoldenen Schlange mit tiefblauen Augen erscheint.


1) Unter der im Epos erwähnten Schlange hat man sich ein mächtiges Tier vorzustellen, zumal es, wie geschildert wird, in der Steppe Böcke und wilde Rinder jagt (TUAT Ergänzungsband S.  38).
2) Etana, Gilgamesch und Adapa sind die drei tragischen Gestalten der sumerisch-akkadischen Literatur, die erkennen müssen, dass es dem Menschen verwehrt ist, die Unsterblichkeit zu erlangen.
3) Nach einem anderen Mythos war Ladon der Sohn der Echidna.
4) Aus den Märchensammlungen von Ludwig Bechstein

Literatur:
Jan Assmann. Das kulturelle Gedächtnis. 6. Aufl., 2007 München, Verlag C. H. Beck.
Friedrich Heiler. Erscheinungsformen und Wesen der Religion. 1961 Stuttgart. Verl. W. Kohlhammer.
Karl Kerenyi. Antike Religion. 1995 Stuttgart. Verl. Klett-Cotta.


● Zum Inhaltsverzeichnis des Lexikons
MfG B.
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