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Korinth in der Antike
#1
Die Stadt Korinth war in der ↗Antike ein bedeutendes Handelszentrum Griechenlands gewesen1. In vorrömischer Zeit war sie eine der mächtigsten griechischen Stadtgemeinschaften. Sie verfügte über zwei Häfen, Lechaion am Golf von Korinth und Kenchreai am Saronischen Golf, über die der Handelsverkehr zur See zwischen der Adria und der Ägäis bzw. zwischen Italien und Asien abgewickelt wurde. Darüber hinaus kontrollierte Korinth den Landverkehrsweg zwischen Mittelgriechenland und der ↗Peloponnes. Um etwa 300 vC dürfte Korinth die bevölkerungsreichste Stadt Griechenlands gewesen sein.

In Kenchreai hat es zu ↗Pauli Zeit wohl schon eine kleine Christengemeinde gegeben (vgl Röm 16,1).

Das Korinth des Paulus war eine junge, moderne Stadt. Das alte Korinth war 146 vC als eines der Zentren des Widerstandes gegen ↗Rom durch ↗Lucius Mummius zerstört worden. Erst 100 Jahre später erfolgte unter ↗Julius Caesar die Neugründung (Colonia Laus Julia Corinthiensis). 27 vC wurde Korinth Sitz des Statthalters der neugeschaffenen römischen Provinz Achaia. Im Jahre 44 nC erhielt Achaia den Status einer ↗senatorischen Provinz.

Auch zu Pauli Zeiten war Korinth mit (geschätzten) 100000 Einwohnern eine Großstadt. Ein guter Teil der Bevölkerung war mit der Neugründung der Stadt zugezogen. Die Neusiedler waren römische ↗Freigelassene und ↗Veteranen, aber auch Menschen aus Ländern des östlichen Mittelmeeres, etwa ein Drittel der Einwohner waren ↗Sklaven gewesen. Dazu beherbergte die Stadt eine ansehnliche jüdische Gemeinde. Amtssprache war ↗das Lateinische, Umgangssprache ↗das Griechische.

Das religiöse Leben der Stadt war vielfältig. ↗Zeus, ↗Poseidon und ↗Dionysos wurden verehrt, wie die ephesinische ↗Artemis, gegen die Paulus in ↗Ephesos vergeblich angekämpft hatte, auch.

↗Isis und ↗Serapis hatten ihre Heiligtümer in der Stadt, ebenso ↗Demeter und ↗Kore. ↗Asklepios nahm Geschenke für erfolgreiche Heilbehandlungen entgegen. An der ↗Agora stand ein Tempel der Octavia, der Schwester des Augustus. Die ↗Verehrung des römischen Kaiserhauses hatte mit dem Zuzug römischer Veteranen und Freigelassener, die mit dem Dienst in Kultvereinen ihre Loyalität zur kaiserlichen Familie und zu Rom bekundeten, Einzug gehalten.

Auf dem Burgberg Akrokorinth befand sich ein ↗Aphrodite-Heiligtum, in dem, wie ↗Strabon berichtet (Geographica 8,6,20), von über 1000 Tempelsklavinnen (ἱερόδουλαι γυναῖκες) sakrale Prostitution gepflegt worden sein soll2.

Ob Paulus im 1. Korintherbrief (6,12-20) auch auf das Aphrodite-Heiligtum anspielte oder eben nur ganz allgemein gegen die lockeren Sitten wetterte, für die Korinth in der Zeit seines Aufenthalts durchaus noch bekannt war, lässt sich mit Gewissheit nicht sagen. Der Tempel selbst war zu Pauli Zeit jedenfalls noch vorhanden. ↗Pausanias hat ihn über ein Jahrhundert später noch gesehen und in seinen Reisebeschreibungen (II 4,7) erwähnt.

Da der Aufenthalt des Paulus in die Amtszeit des Statthalters ↗Gallio fällt (Apg 18,12ff.), lässt er sich gut datieren. Die wahrscheinlichste Annahme für einen ersten Aufenthalt des Paulus in Korinth ist die Zeit von Ende 49/Anfang 50 bis Sommer 51 (Pilhofer 138). Danach reist er nach ↗Ephesos ab, wo die ↗Korintherbriefe entstanden3.

Über das, was zu Pauli Zeiten vom griechischen Korinth noch übrig war, lässt sich nur spekulieren. Textquellen sprechen von "totaler Zerstörung"4. Da es in der römischen Oberschicht zum guten Ton gehörte, den Untergang der griechischen Kultur zu beklagen und dabei zu übertreiben, ist es geraten, sich auch an den archäologischen ↗Überresten zu orientieren. Tut man das, kann man feststellen, dass sich eine Reihe von Erkenntnissen nicht mit dem Bild einer total zerstörten Stadt in Einklang bringen lassen. So sind beispielsweise kaum Brandspuren auszumachen, Bauwerke aus vorrömischer Zeit haben, beschädigt zwar, aber doch überlebt. Sowohl ziviles Leben als auch ein Kultbetrieb in geringem Ausmaß dürften in der Zeit zwischen Zerstörung und Neugründung fortbestanden haben. Münzfunde aus dieser Zeit sind zwar dürftig, aber doch vorhanden (vgl. Elliger 196).


1) Hinweise auf Besiedlung gibt es für Korinth und seine Umgebung schon für die neolithische Zeit. In mittel- und späthelladischer Zeit sind größere Siedlungslücken auszumachen. Eine durchgehend größere Siedlung, das bestätigen zusammenhängende Funde, dürfte ab 900 vC bestanden haben (DkP 3, 301).

2) Das wird kontrovers diskutiert. W. Schrage hält die Sache für eine ↗Legende (Schrage 1, 28), B. E.  Stumpp nimmt sie in ihrer Dissertation als Tatsache entgegen (Stumpp 141). Dass der Bericht des Strabon als Legende gesehen werden müsse, wird mit dem Argument begründet, die Praxis der Tempelprostitution sei sonst nirgendwo in Griechenland und in griechischen Siedlungsgebieten nachzuweisen. Als Gegenargument wird vorgebracht, man solle eine Quelle nicht alleine deswegen verwerfen,  weil der beschriebene Sachverhalt in (griechischen) Kulturgemeinschaften sonst nirgendwo anzutreffen sei. Zudem wird entgegengehalten, dass im griechischen Siedlungsgebiet verstreut einige Heiligtümer der Aphrodite porne und der Aphrodite hetaira anzutreffen seien, wo, auch wenn dazu keine näheren Belege auflägen, mit einiger Wahrscheinlichkeit mit den Heiligtümern verbundene Prostitution ausgeübt worden sei. Auch die Meinung, der Bericht des Strabon sei glaubwürdig, aber er beschreibe die Situation vor 146 vC (Böstinghaus 156), wird fallweise vertreten. Zufriedenstellend begründen lässt sich diese, auf die Zeit bis zur Zerstörung der Stadt bemessene Annahme ebenfalls nicht.

3) Vermutlich sind alle Korintherbriefe in Ephesos entstanden. Sowohl der erste Brief (samt dem nicht erhaltenen Vorbrief) als auch jene (Teil)Briefe, die später zum sogen. 2. Korintherbrief kompiliert wurden.

4) Beispielsweise in einem Brief des S. Sulpicius Rufus an ↗Cicero (Ad familiares IV 5,4).


Literatur:
Wolfgang Schrage. Der erste Brief an die Korinther (EKK Bd VII, Teilbände 1-4). 1991 Neukirchen-Vluyn, Neukirchner Verlag.
Bettina Eva Stumpp. Prostitution in der römischen Antike. 1998 Berlin, Akademie-Verl. (Diss. 1996 Tübingen).
Winfried Elliger. Mit Paulus in Griechenland. 2007 Stuttgart. Verl. Kath. Bibelwerk.
Peter Pilhofer. Das Neue Testament und seine Welt. 2010 Tübingen. Verl. Mohr Siebeck.
Jens Böstinghaus in Peter Pilhofer: Neues aus der Welt der frühen Christen. 2011 Stuttgart. Verl. Kohlhammer.



● Zum Inhaltsverzeichnis des Lexikons
MfG B.
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