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Paulus
#1
(Text in Arbeit)

Pharisäer , Christenverfolger, Völkerapostel (Röm 11,13).

In der ↗Apostelgeschichte wird behauptet, Paulus sei in ↗Tarsos, ↗Kilikien, geboren (Apg 21,39) worden, habe das ↗römische Bürgerrecht besessen, (Apg 16,37 f.; 22,25-29;  23,27), schon seine Eltern wären in Tarsos ansässige römische Bürger gewesen.  Studiert habe er bei ↗Gamaliel1, in Galiläa habe er zu den Menschen in hebräischer Mundart (Ἑβραΐδι διαλέκτῳ) - offenbar ist ↗Aramäisch gemeint - (Apg 22,1ff.) gesprochen.

Aus seinem Selbstzeugnis gewinnt man zu Paulus ein abweichendes Bild:

Paulus bezeichnet sich als Israelit (2Kor 11,22), als ↗Hebräer vom ↗Stamm Benjamin (Phil 3,5). Er sei ein Eiferer in der Befolgung des Gesetzes gewesen und habe die jungen Christengemeinden "über die Maßen" verfolgt (Gal 1,13f.)

Nach eigenem Bericht war er körperlich schwach, kränklich (Gal 4,13f.) und in seinen Briefen überzeugender als in öffentlicher Rede (2Kor 10,10). Der soziale Status des Paulus wurde und wird von den Fachgelehrten sehr unterschiedlich eingeschätzt. Meinte W. M. Ramsay noch, Pauls Familie "sei sehr reich gewesen"2 und vermutete E. Meyer, dass Paulus' Vater eine Zeltfabrik besessen3  und zur städtischen Oberschicht gehört habe, war er für M. Hengel dem städtischen Mittelstand zugehörig4. E. W. u. W. Stegemann hingegen meinen seinen Selbstzeugnissen entnehmen zu dürfen, dass Paulus zur Unterschicht gehörte (sich oberhalb des Existenzminimums bewegte, also relativ arm gewesen sei) und sich selbst auch so verstanden5 habe.

Sowohl er selbst (Gal 1,23; 1Kor 15,9; Phil 3,6) als auch die Apg (8,3; 9,2; 22,4.19; 26,10) berichten, dass er in seiner Jugend christliche Gemeinden verfolgt habe, bis er auf dem Weg nach ↗Damaskus (Apg 9,3ff.) durch ein visionäres Erlebnis bekehrt worden war. Paulus selbst spricht im ↗Galaterbrief und im ↗1. Korintherbrief (Gal 1,13-17; 1Kor 15,1ff.) über seine Bekehrung, "sein Damaskuserlebnis". ↗Lukas bietet dazu eine abweichende Version an.

Will man die ↗Chronologie des paulinischen Lebens nachvollziehen, ist der ↗Galaterbrief dafür die erste Quelle. Wenn in der Apostelgeschichte behauptete Ereignisse mit den Schilderungen des Paulus nicht in Einklang zu bringen sind, wird man wohl dem paulinischen Selbstzeugnis die höhere Authentizität einräumen müssen. Insbesondere die Schilderungen, die in der Apostelgeschichte auf das  Damaskuserlebnis (32 nC?) folgend angeboten werden, dürften lukanische Erfindung sein. Paulus jedenfalls erklärt, dass er  "danach sogleich fort nach ↗Arabien" ging, erst drei Jahre später nach ↗Jerusalem  kam (35 nC?), um ↗Petrus kennenzulernen, und 15 Tage bei ihm blieb. Außer Petrus und ↗Jakobus habe er von der dortigen Gemeinde niemand zu Gesicht bekommen. Den Gemeinden in ↗Judäa sei er, führt Paulus fort, "von Angesicht unbekannt" (Gal 1,17ff.). Paulus schließt, wenn er von Judäa spricht, immer auch Jerusalem ein.

Wo genau Paulus christliche Gemeinden verfolgt hat, lässt sich an den paulinischen Berichten nicht festmachen. Die lukanische Schilderung, wonach er Christen in Judäa verfolgte habe, an der Ermordung des ↗Stephanus beteiligt gewesen und nach seiner Bekehrung durch einen ↗Hananias durch göttlichen Auftrag von seiner Blindheit befreit und von ↗Barnabas in die Jerusalemer Gemeinde eingeführt worden war, ist offensichtlich unhistorisch.

Den Vorwurf des Mangels, dass er ↗Jesus nicht persönlich gekannt habe bzw. nicht von ihm persönlich berufen wurde, verkehrt Paulus in eine besondere Art des Auserwähltseins: Er habe sein ↗Evangelium nicht von einem Menschen [sondern vom auferstandenen Jesus Christus] erhalten und erlernt (Gal 1,12).

Wenn Paulus aus Tarsos kam und dort aufgewachsen war, war seine Muttersprache ↗das Griechische, sein kulturelles Umfeld ein ↗hellenistisches gewesen. Dass er die griechische Sprache (Koine) sehr gut beherrschte, belegen seine Briefe ausreichend. Dass er auch mit der griechischen (Hoch-)Kultur vertraut war, ist weniger gut belegt. Immerhin zitiert er einmal eine auf ↗Euripides zurückzuführende in ↗Menanders Komödie "Thais" aufgenommene Weisheit, wonach "schlechter Umgang die gute Sitten zerstöre" (1Kor 15,33). Einen weiteren Beleg vermittelt die Apostelgeschichte: Wenn Paulus in seiner ↗Areopag-Rede tatsächlich ad hoc aus einem Lehrgedicht ↗Arats zitiert haben sollte (Apg 17,28), müsste ihm die griechische Bildungsliteratur schon sehr geläufig gewesen sein.

Als Paulus 14 Jahre später (mit Barnabas und ↗Titus) wieder nach Jerusalem kam (49 nC?), wurde ausdrücklich anerkannt, dass die ↗Heidenmission Paulus' Sache, die Judenmission hingegen jene des Petrus sei. Besondere Auflagen für seine Missionstätigkeit seien ihm, schreibt Paulus, von den Angesehenen [der Gemeinde] (auf dem ↗Apostelkonzil) nicht erteilt worden. Nur dass er [Paulus] den Armen gedenken möge, wurde ihm aufgetragen. Das habe er auch befolgt (Gal 2,1-10).

↗Lukas berichtet über eine Missionsreise von Barnabas und Paulus  (Apg 13f.) (die sog. erste Missionsreise), die in die ↗antiochenische Zeit fällt und die beiden auch nach ↗Zypern führt. Paulus berichtet davon nichts.

Nach dem Apostelkonzil begab sich Paulus auf eine Missionsreise, die über ↗Galatien, ↗Philippi und ↗Thessaloniki nach ↗Korinth führte und mit Gemeindegründungen (Philippi und Korinth) verbunden war (49-52?). Von Korinth aus schreibt Paulus den ↗1. Thessalonicherbrief. 50/51 steht er vor dem Statthalter ↗Gallio.

In den Jahren 52-55/56 nC kam es zu Besuchen in Galatien (2. Besuch), Korinth (2. Besuch) und ↗Ephesos sowie zu einer längeren Gefangenschaft (die, obwohl der lukanische Bericht davon nichts weiß, mit hoher Wahrscheinlichkeit in Ephesos zu verorten ist). Während dieser Gefangenschaft entstanden wohl der ↗Brief an die Philipper und der ↗Philemonbrief. Gegen Ende des (etwa dreijährigen?) Aufenthalts in Ephesos dürfte (nach W. Schrage) dort auch der ↗1. Korintherbrief entstanden sein.

Nach seinem Aufenthalt in Ephesos reiste Paulus über ↗Troas und ↗Makedonien nach Korinth (3. Besuch) und danach nach Jerusalem (56/58 nC), um der dortigen Gemeinde gesammeltes Geld zu übergeben (Kollektenbesuch). Während seines dritten Aufenthalts in Korinth dürfte der ↗Römerbrief entstanden sein.

In Makedonien könnte (etwa 56 nC) der ↗2. Korintherbrief entstanden sein. Zur Problematik des 2. Korintherbriefs siehe dort.

Neuerdings wird vermutet, dass auf dieser Reise auch der Galaterbrief entstanden sein könnte. Nach W. Foerster eventuell auch auf der Reise von Korinth nach Jerusalem (57/58 nC). Zur Datierungsproblematik des Galaterbriefs (zB der Frühdatierung zB durch C. J. Hemers bzw. Spätdatierung zB durch W. Foerster und F. Vouga) siehe dort.

Für die Zeit zwischen 58 und 62 nC wird Paulus' Gefangennahme, Überstellung und anschließende Gefangenschaft in ↗Rom angenommen. Lukas berichtet für diese Zeit von einer zweijährigen, wegen jüdischer Anfeindung durch ↗Marcus Antonius Felix veranlassten Gefangenschaft in Caesarea (58-60 nC?) und von einem Versuch des ↗Prokurators, von Paulus für seine Freilassung Geld zu erpressen. Es ist eigenartig genug, einen römischen Bürger wegen Anschuldigungen, die in der jüdischen Religion begründetet sind,  zwei Jahre (!) in Haft zu nehmen. Noch eigenartiger aber ist es, einen römischen Bürger, der, wie es die vernehmende Behörde erkannt hatte (vgl. die Rede des Paulus vor Festus und ↗Agrippa II. – Apg 26,1-32), kein römisches Gesetz verletzt hat, vor das Kaisergericht zu bringen.

Vom Nachfolger des Felix, ↗Marcus Antonius Festus, sei Paulus dann nach Rom überstellt worden.

Wie Paulus zu Ende kam, liegt im Dunkeln. Nach christlicher ↗Tradition hat er in Rom unter ↗Nero den Märtyrertod erlitten. Ob das noch vor der neronischen Verfolgung gewesen war, wie es einige Fachtheologen annehmen (zB J. Becker)6, lässt sich mit Bestimmtheit nicht sagen. Als ↗römischer Bürger soll er mit dem Schwert hingerichtet geworden sein. Das wird jedenfalls in den ↗Paulusakten behauptet. Die Apostelgeschichte verrät dazu nichts.  

↗Clemens berichtet noch, dass Paulus bis nach ↗Spanien gekommen sei (1Clem 5,6f.), wie Paulus das zuvor im Römerbrief auch angekündigt hatte (Röm 15, 24. 28). ↗Eusebius (KG II, 22,2) versucht das ↗Martyrium des Paulus während eines zweiten Romaufenthalts unterzubringen, nachdem er nach seinem ersten Romaufenthalt wieder auf Missionsreise (nach Spanien?) gegangen war, um danach wieder nach Rom zurückzukehren. ↗Hippolyt von Rom deutet an, dass Paulus zum Tierkampf7 (damnatio ad bestias) verurteilt wurde.

Die abschließende Bemerkung in der Apostelgeschichte (28,30f.), wonach Paulus zwei Jahre in Rom gewohnt habe, ungehindert in einer Mitwohnung leben, Gäste beherbergen und zudem lehren und predigen durfte, lässt sich mit dem Status eines Staatsgefangenen, der unter lebensbedrohlicher Anklage stand (wobei nicht klar ist, welchen Inhalts diese Anklage gewesen sein soll - wegen Religionsfrevels?), nur mit viel Mühe in Einklang bringen.

Die Quellenlage zum Aufenthalt und zum Tod des Paulus in Rom ist also mehr als dürftig und widersprüchlich.
  
Das Paulusgrab verortet die Tradition unter die Basilika S. Paolo fuori le Mura in der Via Ostiensis in Rom. Viel lässt sich dazu nicht sagen, außer dass die Verehrung des Grabes an dieser Stelle bis etwa um 300 nC zurückreicht. Das unter der Kirche befindliche Gräberfeld konnte wegen der Bebauung ↗archäologisch nicht untersucht werden. 2006 ließ der ↗Vatikan verlauten, dass man das Apostelgrab exakt unter der in der Kirche befindlichen Grabinschrift gefunden habe.


1) Dafür müsste Paulus etwa im Alter von 15 Jahren nach Jerusalem gegangen sein und sich dort eine ganze Weile aufgehalten haben. Hat Paulus bei Gamaliel studiert, ließen sich für ihn auch Hebräischkenntnisse glaubhaft machen. Von einem Studium bei Gamaliel ist allerdings aus dem Selbstzeugnis des Paulus nichts zu entnehmen.

2) Ramsay, St. Paul the Traveler and the Roman Citizen, London 1895, S. 34
3) E. Meyer, Urgeschichte des Christentums II, Stuttgart 1923, S. 308
4) M. Hengel, Der vorchristliche Paulus, S. 211
5) Stegemann, Urchristliche Sozialgeschichte, S. 260

6) Aus den Paulusakten (in: Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen II, Verl. Mohr Siebeck, 6. Aufl., 1997 Tübingen, S. 240):
"…stellte sich Paulus hin gegen Osten gerichtet und erhob die Hände zum Himmel und betete lange; und nachdem er im Gebet auf Hebräisch mit den Vätern sich unterredet hatte, neigte er den Hals, ohne noch weiter zu sprechen. Als aber der Henker ihm den Kopf abschlug, spritzte Milch auf die Kleider des Soldaten. Der Soldat aber und alle, die dabei standen, wunderten sich, als sie das sahen, und priesen Gott,…"

J. Becker (in: Paulus, Verl. Mohr Siebeck, 1998 Tübingen, S. 506), der von einer römischen Bürgerschaft des Apostels ausgeht, kommentiert folgendermaßen:
In der Reichshauptstadt wird er noch einige Zeit gelebt haben, aber dann wohl mit dem Schwert, weil er Römer war, hingerichtet worden sein. Dies geben auch die späten Paulusakten als Todesart an, während Hippolyt in seinem Danielkommentar vom Tierkampf spricht. Sein gerichtliches Revisionsbegehren hatte also keinen Erfolg. Man wird nicht fehlgehen, seinen Tod eingangs der sechziger Jahre anzusetzen, also unter Nero, aber noch vor der ↗Christenverfolgung 64 n. Chr. Seine Spanienreise, die er noch in Korinth als freier Mann plante, war wohl durch diese Ereignisse überholt, wie so manche früheren Reisepläne des Apostels durch neue Ereignisse aufgegeben werden mussten.

7) Hippolyt v. Rom: Danielkommentar III 29, 10. Welche Tradition von Hippolyt verarbeitet wurde, lässt sich nicht klären.


● Zum Inhaltsverzeichnis des Lexikons
MfG B.
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